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wachsendes Steingrau



Joseph Beuys: Die Kunst ist etwas Lebendiges unter Umständen auch nur ein fragmentarischer Impuls.

Ein frohe Botschaft

Jedes Wort ist leer -
nichts haftet ihm an.
Von Augenblick zu Augenblick
nehmen wir es an
und legen unseren Atem
hinein.

Jedes Lebewesen,
Jedes Nicht-Lebewesen ist leer -
nichts haftet ihm an.
Von Augenblick zu Augenblick
gehen wir auf sie zu
und geben unser Herz
dazu.

Der Weg ist leer -
nichts haftet ihm an.
Wir nehmen ihn an
von Augenblick zu Augenblick,
gehen ihn
Schritt für Schritt,
und öffnen unseren Geist.

© wRoo 01/2018

Dudamel: Wagner Highlights

Eine Art geistiger Katastrophe

Satori ist das überraschende Aufflammen einer bislang nicht einmal erträumten neuen Wahrheit im Bewußtsein. Es ist eine Art geistiger Katastrophe, die plötzlich eintritt, wenn viel Stoff an Begriffen und Beweisen aufgehäuft worden ist. Dieses Aufstapeln hat die Grenze an Tragfähigkeit erreicht, das ganze Gebäude stürzt in sich zusammen, und siehe, ein neuer Himmel öffnet sich weit dem Blick.
(D.T. Suzuki: Die große Befreiung)

 

Ein schwirrender Bienenschwarm.

"Schließlich besteht das menschliche Gehirn aus 100 Milliarden Neuronen und annähernd einer Billiarde Synapsen [...] Jede Nervenzelle ist einzigartig, und ein und dasselbe Signal wird von tausend Nervenzellen auf tausend unterschiedliche Arten verarbeitet. Doch zugleich respektieren sich die Neuronen vollständig und gleichen permanent ihre Interpretationen miteinander ab – ganz anders als eine menschliche Gesellschaft, in der einer sagt, er habe recht und alle anderen unrecht [...] Anders als in einem Computer werden im Gehirn Informationen multidimensional, nichtlinear und in permanenter Rückkopplung ausgetauscht. Es gleiche einem schwirrenden Bienenschwarm, der ständig seine Form, Zusammensetzung und Arbeitsverteilung ändere"
(Henry Makram: Die Demokratie der Neuronen.)

Martin Heidegger: Höher als die Wirklichkeit steht die Möglichkeit.

Psalm - Ja, ja Nein, nein- ein Koan

Martin Heidegger: Fragen ist das Philosophieren in erster Linie, das eigentliche Philosophieren.

Der grosse Betrug.

Ja, aber an ein Publikum zu denken, bei den meisten ist das der grosse Betrug. Sie sagen: Man muss das Publikum respektieren, man muss ans Publikum denken, man muss daran denken, dass der Film das Publikum nicht langweilt.
Dauernd wird vom Publikum geredet, ich kenne es nicht, ich sehe es nicht,ich weiss nicht, wer das ist.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S.81)

lauter Wörter und kein einziges Wort



Verrenkt zu lesen?

Wenn ich Dich recht fasse, Dän : Du meinst also, jeglicher Text wäre doppelsinnig=gestaucht, bawdy=verrenkt, zu lesen? - Jeder?. - / (P) : Du unterschei- : Wiedrum habt ihr Alledrei recht : mit Worten haben wir uns leidlich befreundet. So im Lauf der letzten Jahrhunderttausende. Die ETYMS, denen wir uns nunmehr nähern, täten wir vermutlich ersteinmal gut : symbiotisch halb=selbstständige Fremdwesen zu betrachten. Franziska hat, mit ihrem Wort von den Bakterien, genau das epidemische, das welthaushaltlich=unheimliche getroffen. (Wieso?) : (Arno Schmidt: Zettels Traum)

Zen ist nichts Aufregendes, sondern Konzentration auf unsere Verrichtungen des täglichen Lebens.
(Shunryu Suzuki)

Nicht hier, nicht mit uns

Es gibt heute keine Idee von Deutschland, die den Holocaust nicht mitdenkt. Das zu sagen ist kein Sündenstolz, keine ewig gramgebeugte Fixierung auf das "Dritte Reich". Es ist bloß eine relativ schlichte Beschreibung dessen, was die Identität dieser Republik im Innersten ausmacht. Der Völkermord und die Erinnerung daran,die Anerkennung des Existenzrechts Israels, die Aussöhnung in Europa, die Westbindung – das sind die konstituierenden Elemente der bundesdeutschen Politik aller Regierungen seit 1949.

Sie haben dieses Land geprägt, sie unterscheiden es von anderen Ländern, die ein ungebrocheneres, man könnte bei manchen auch sagen: unreflektierteres Verhältnis zu ihrer Geschichte haben. Ebendeshalb steht im Zentrum Berlins kein Denkmal für militärische Siege, sondern das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Ein gigantischer Stolperstein, ein Monument steter Verunsicherung.

Das alles ist ganz und gar nicht selbstverständlich, auch nicht für Deutschland. Was Angela Merkels Satz, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson, eigentlich genau heißt, die Lieferung von U-Booten oder womöglich den Einsatz der Bundeswehr oder noch ganz etwas anderes, das ist kaum zu sagen. Es hat Jahrzehnte gebraucht und unendliche Debatten der Selbstverständigung, um diesen Konsens zu schaffen, und er bleibt fragil. Für Rechte ist er eine konstante Provokation, für Linke ein ewiger Auftrag zu Volkspädagogik und Misstrauen gegen die vermeintlich verführbaren Massen: "Der Schoß ist fruchtbar noch" und so weiter.

Höchst verwundert schauen Ausländer auf diesen deutschen Verantwortungs-Patriotismus. Er ist voraussetzungsreich, er ist viel anspruchsvoller als der traditionelle fahnenschwingende Nationalstolz, und er ist auch nicht leicht anschlussfähig. Für deutsches Bier (oder Brot), für deutsche Autos und deutschen Fußball kann sich womöglich jeder begeistern, der hier lebt, in das komplexe Verhältnis zur Vergangenheit aber muss sich ein Zugereister erst einmal eine Weile versenken, um es zu kapieren. Dass das Leugnen des Holocausts hierzulande unter Strafe steht, ist, nur zum Beispiel, für Amerikaner eine schwer nachvollziehbare Einschränkung der Meinungsfreiheit.
Das alles muss man sich noch einmal klarmachen, wenn jetzt vor dem Brandenburger Tor israelische Fahnen verbrannt werden und Demonstranten "Tod den Juden!" brüllen. Beides ist widerlich, beides ist offensichtlich antisemitisch, und wo es Volksverhetzung ist, müssen Polizei und Justiz mit aller Entschiedenheit handeln. Die enorme Empörung über diese Vorgänge aber, die Rufe nach neuen Strafgesetzen sind nur zu erklären, weil noch etwas anderes hinzukommt.

Die Sorge nämlich, dass mit den Bürgerkriegsflüchtlingen und Migranten aus muslimischen Staaten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, auch ein aggressiver, kulturell selbstverständlicher Antisemitismus und Anti-Israelismus importiert worden sei, der ähnliche Tendenzen in den türkischen und arabischen Communitys in Deutschland weiter verstärke.

Berlin - Erneute Demonstration gegen Jerusalem-Entscheidung
In Berlin haben Hunderte Menschen gegen US-Präsident Trumps Entscheidung protestiert, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Zu Ausschreitungen kam es nicht. © Foto: Getty Images/ Sean Gallup
Tatsächlich ist der sogenannte "israelbezogene Antisemitismus", der sich etwa in Feststellungen wie "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat" ausdrückt, auch in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet. Da sind sich "arische" und arabische Antisemiten verteufelt nah.

Genauere Erkenntnisse über antisemitische Einstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund fehlen bislang. Im Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus für den Bundestag aus dem April 2017 heißt es denn auch konsterniert: "Deutschland leistet es sich, nicht genauer wissen zu wollen, wie antisemitisch die Gesellschaft eigentlich ist." Das gilt für die Mehrheitsbevölkerung ebenso wie für die Minderheiten.

Antisemitische Übergriffe sind ein Angriff auf die Identität Deutschlands
Zwischen 2001 und 2015 wurden in der Bundesrepublik pro Jahr im Durchschnitt 1.522 antisemitische Straftaten verübt. Die weitaus meisten registrierten judenfeindlichen Übergriffe gingen auf das Konto deutscher rechtsradikaler Täter. Interessanterweise aber zeigen Umfragen unter in Deutschland lebenden Juden, dass sie als Urheber von Beleidigungen, Belästigungen und körperlichen Angriffen mit weitem Abstand "eine muslimische Person/Gruppe" identifizieren. Nur 28 Prozent derjenigen, die Opfer eines schweren antisemitischen Übergriffs geworden sind, zeigten diesen übrigens bei der Polizei an. Die vielen anderen, die sich scheuten, taten dies meist mit der Begründung, nach einer Anzeige würde eh nichts passieren, viele andere mit dem Hinweis, so etwas geschehe andauernd.

Antisemitische Übergriffe aber sind nicht nur Angriffe auf die Opfer. Sie sind Attacken auf den Grundbestand dessen, wofür dieses Land steht. Wer sich aus der Kontinuität der Verantwortung lösen will, sei es am rechten Rand oder am linken, sei es, weil er aus seiner Heimat Antisemitismus und Israelhass mitgebracht hat, tritt heraus aus der Identität dieser Republik.

Noch anders, zugespitzt gesagt: Wer das Existenzrecht Israels leugnet oder den Holocaust, der ist in Deutschland nicht integriert, egal wo er geboren ist, in Deutschland oder in Palästina. Das gilt für Nazis ebenso wie für junge Muslime, die "Tod den Juden!" brüllen. Neonazis und Rechtspopulisten wissen das übrigens ganz genau. Den Konsens aufzukündigen oder auch nur damit zu spielen ist die maximale Provokation im öffentlichen Diskurs, löst heftigen Widerspruch aus und verspricht hohe Aufmerksamkeit.


Dagegen allerdings helfen nicht allein neue Strafgesetze. Wenn überhaupt, hilft dagegen nur das Beharren auf dem für Deutschland Unhintergehbaren. Sawsan Chebli, Staatssekretärin im Berliner Senat, selbst Kind von palästinensischen Eltern, hat es in aller Klarheit formuliert: "Die Jerusalemfrage ist nicht nur für meine Familie, sondern für viele Menschen eine hochemotionale. Doch ich finde es beschämend, wenn auf Berliner Straßen antisemitische Parolen skandiert und Davidsterne verbrannt werden. (...) Genauso wie Muslime als Minderheit erwarten, dass andere sich für sie einsetzen, wenn sie diskriminiert oder angegriffen werden, müssen sie ihre Stimme viel lauter erheben, wenn Juden in unserem Land bedroht werden. Der Kampf gegen Antisemitismus muss auch ihr Kampf sein."

Noch ist das nur eine Einzelstimme. Eine umkämpfte Hoffnung. Aber sie lässt ahnen, wie sich die Verantwortung für die deutsche Vergangenheit in eine neue deutsche Zukunft verlängern ließe.



>Von Heinrich Wefing

DIE ZEIT Nr. 52/2017, 13. Dezember 2017

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