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Herzstück



Denis Diderot: Wenn Sie nur mich hören, werden Sie mir vorwerfen, es sei ohne Zusammenhang.

Die Meditation über
"Der Weg des Verstehens und der Liebe"

Alles ist mit allem wechselseitig verwoben,
alles ist abhängig voneinander.
Gehe des Weg des Verstehens und der Liebe
Und trete so intensiv wie möglich mit allem in Beziehung.

Kasteie dich nicht,
Aber meide die Sinneslust.
Lasse dich nicht von sexueller Begierde beherrschen,
Strebe nicht nach Ruhm,
Esse und schlafe nicht im Übermaß
Und Giere nicht nach Besitz.
Gehe den edlen achtfachen Pfad und lebe in
Rechter Anschaung,
Rechtem Denken,
Rechter Achtsamkeit,
Rechter Rede,
Rechtem Handeln,
Rechter Anstrengung,
Rechter Sammlung,
Und rechtem Lebenserwerb.

Meditation zu Thich Nhat Hanh:
Das Herz von Buddhas Lehre.
Erste Lehrrede. S. 13 - 15.
wRoo 07/2018

Patti Smith: Gloria

Mein Gutes und Böses.

Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten; oft lügt der Geist über die Seele. Also schafft es der Geist der Schwere.
Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist mein Gutes und Böses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht, welcher spricht: »Allen gut, allen bös«.
Wahrlich, ich mag auch solche nicht, denen jegliches Ding gut und diese Welt gar die beste heißt. Solche nenne ich die Allgenügsamen.
Allgenügsamkeit, die alles zu schmecken weiß: das ist nicht der beste Geschmack! Ich ehre die widerspenstigen wählerischen Zungen und Mägen, welche »Ich« und »Ja« und »Nein« sagen lernten.[442]
Alles aber kauen und verdauen – das ist eine rechte Schweine-Art! Immer I-A sagen – das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist! –
(Friedrich Nietzsche Also sprach Zarathustra. Frankfurt a.M. 1982. S. 194)


 

Göttliche Würfel und Würfelspieler.

Ein wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: daß sie lieber noch auf den Füßen des Zufalls – tanzen.
O Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, daß es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze gibt –
– daß du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, daß du mir ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! –
(Friedrich Nietzsche Also sprach Zarathustra. Frankfurt a.M. 1982. S. 166f.)


Georg Büchner: Nichts kommt einem doch teurer in der Welt zu stehen als die Humanität.

Diesseits von Eden - ein Koan

Martin Heidegger: Fragen ist das Philosophieren in erster Linie, das eigentliche Philosophieren.

Geistesgegenwart.

Ich muß mich immer wieder vorbereiten, immer wieder vorbereiten und muß mich in meinem ganzen Leben so verhalten, daß kein einziger Augenblick nicht der Vorbereitung angehört. Also ob ich nun den Garten bearbeite, ob ich mit Menschen spreche, ob ich mich im Straßenverkehr bewege, ob ich ein Buch lese, ob ich unterrichte oder in welchem Arbeitsfeld und in welchem Tätigkeitsfeld ich auch zu Hause bin, ich muß immer die Geistesgegenwart, das heißt den Rundblick haben für die gesamte Kräftekonstellation, das heißt ich muß mich immer planend vorbereiten; und dann, wenn es sich um eine spezielle künstlerische Tat handelt, daß ich einen Raum ausschmücken muß oder einen Tisch decken muß oder auch vielleicht ein Bild malen, eine Architektur machen, dann habe ich die Kräfte präsent. Dann habe ich die Prinzipien präsent. Und es wird etwas aus mir herauskommen, was schon wesentlich richtiger ist, als wenn diese vorbereitende Arbeit nicht stattgefunden hat. Das ist einmal einfach die Übung.
(Joseph Beuys: Werkstattgespräch mit Joseph Beuys. Stuttgart 2011. S. 17)

das Augenkind



Mit einer großen Freiheit.

Denn woher kommt eigentlich der Rhythmus? Doch aus einer Verpflichtung und weil man diese Verpflichtung innerhalb einer gegebenen Zeit erfüllen muß. Der Rhythmus kommt vom Stil, den man hat, gegenüber der Verpflichtung. Es gibt Leute, die mit viel Stil aus dem Gefängnis ausbrechen. Fidel Castro ist ausgebrochen und dann mit einem gewissen Stil, einem gewissen Rhythmus, einer gewissen Verpflichtung und in einem gegebenen Zeitraum nach Havanna zurückgekommen. Er hat nicht gesagt: Battista hat sechzigtausend Leute, die in den Buchten auf mich warten, also werde ich erst in hundertfünfzig Jahren kommen, wenn mir zweihundertfünfzigtausend Leute zur Verfügung stehen. Es gab da eine Verpflichtung. Das macht den Stil und den Rhythmus. Und das heißt überhaupt nicht, sich zu beugen, im Gegenteil, es heißt, stärker und wendiger zu werden. Und seinen Rhythmus findet man da, wo man es geschafft hat, wendiger zu werden. Und hier zum Beispiel ist es allein aus diesem Grund zu dieser Montage gekommen. Ich finde, daher kommen wirklich die besten Momente des Films. Es sind die Augenblicke, wo etwas mit einer großen Freiheit gemacht wird, wo es eine Verpflichtung gibt und wir ihr mit einer großen Freiheit nachkommen.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S.30)

Da ist niemand, auf den ihr euch stützen könntet, also solltet ihr der Chef von allem sein.
(Shunryu Suzuki)

Bilder, die machen, was sie wollen

Wenn man über Jeff Wall spricht, dann geht es erst einmal darum, was seine Fotografien eigentlich sind. Inszenierte Schnappschüsse? Illustrationen zu Büchern, die es nicht gibt? Ein Spiel mit kunsthistorischen Vorbildern? Gezielte, hochartifizielle Irreführungen? Oder einfach fotografische Gemälde voller Zitate, Nebenbedeutungen, optischer Fallen, Lesarten und schlicht: Schönheit?
Vielleicht liegt es daran, dass Jeff Wall nicht nur Fotograf, sondern auch Kunsthistoriker ist. Seine Arbeit, so scheint es, ist immer zugleich Kunst und Theorie der Kunst; Fotografie und die Frage nach ihren Grenzen. Forschende Kunst gewissermaßen.

Trotzdem wird man auch darüber reden, was zum Teufel dieser Künstler eigentlich zeigt. Gerade gibt es in Mannheim, wo die Kunsthalle einen riesigen Anbau erhalten hat, eine wunderbare Gelegenheit, die Bilder des Jeff Wall genauer zu studieren. Da sieht man, nur zum Beispiel: einen Mann, der mit einem unsichtbaren Gewehr auf Passanten zielt, drei Ansichten aus einem alten Mietshaus mit sehr schönen, sehr alten Teppichbelägen, eine Frau, die sich in einer Umkleidekabine ein vielmustriges Gewand über den Kopf zieht, einen Mann, der in einem Zimmer voller Lampen sitzt, einen Mann, der unter dem Tisch einer nicht gerade luxuriösen Küche schläft (genauer gesagt: nicht schläft, schließlich haben wir es mit Insomnia zu tun, wie der Titel verrät).

Immer wieder: halb geöffnete Türen, die höchstens erahnen lassen, was dahinter verborgen ist, Treppen mit ungewissem Ende. Wie absichtslos lesbare Zeichen, die beim Anschauen und bei der Bewegung vor den Bildern immer mehr zu leben beginnen und die, wenn man ihnen folgt, das Geschehen noch einmal in eine Geschichte verwandeln, eine Geschichte unter vielen möglichen allerdings. So lässt sich das Bild After "Invisible Man", das wir auf dieser Seite zeigen, zwar als Illustration zu dem Roman von Ralph Waldo Ellison lesen, zur Geschichte eines Mannes, der sich aufgrund seiner afroamerikanischen Identität für unsichtbar hält. Entsprechend kehrt uns der Protagonist den Rücken zu – und arbeitet doch, so lässt sich vermuten, im weitesten Sinne an der Verbesserung des Lichts, also daran, dass die Dinge (und er selbst) sichtbar werden.

In After "Invisible Man" kann man nicht nur das Verhältnis studieren, das Jeff Wall zu seinen Vorlagen entwickelt (eine Art unverschämte Zärtlichkeit), sondern auch den utopischen Gehalt vieler seiner Arbeiten. Alle Veränderung beginnt mit dem Erkennen. Alles Erkennen beginnt mit dem Sehen.

Jeff Wall widerspricht auch insofern dem Medium der Fotografie, als er sie nicht in Serien, Werkgruppen, Zuordnungen, nicht einmal in das hineinstellt, was man vielleicht eine historische Suchbewegung, den Leitfaden einer Recherche nennen könnte. Jedes Bild, und die Leuchtkästen sind zunächst das ideale Präsentationsmedium dafür, steht für sich. Und zu einer solchen Arbeitsweise gehört es wohl auch, nur sehr wenige Werke zu erzeugen. Welcher Fotograf könnte wohl von sich sagen, er habe zeit seines Lebens nicht mehr als 200 Arbeiten veröffentlicht?

Dass Jeff Wall Mitte der neunziger Jahre auch zur Schwarz-Weiß-Fotografie gefunden hat, also bewusst auf Elemente der "Überwältigung" verzichtet, die seine großen, bekannten Arbeiten ausmacht, hat nur einerseits mit Demut zu tun. Andererseits treibt er damit natürlich die Befreiung der Fotografie von ihren ursprünglichen Aufgaben, wie sie Technik, Ökonomie und ästhetischer Konsens ihr auferlegt haben, noch um eine Umdrehung weiter. Denn das Schwarz-Weiß stand in der Geschichte des Mediums vorrangig für die beiden Tendenzen "Dokumentation" und "Abstraktion". Nichts davon bei Jeff Wall.

Indem also Wall, der Künstler, der Theoretiker, gegen so ziemlich alle "Regeln" des Fotografierens verstößt, nahezu alle "großen" und eine Unzahl kleiner Theorien zur Fotografie über den Haufen wirft, tut er das Seine, um die Diktatur des Mediums über den Inhalt zu brechen. Wir wissen zu viel darüber, was ein Film "soll", was eine Fotografie "soll", was eine Installation "soll"; Jeff Walls Bilder machen, was sie wollen, und nicht, was sie sollen.

Und was sie wollen, ist, das Unheimliche und das Schöne, das Komische und das Melancholische, den ganzen Kram des Unsagbaren im Alltäglichen zu entdecken und aus dem Alltäglichen zu formen. So entsteht, schon wieder Utopie, ein enormer Reichtum.

Wie schön sind "Gebrauchsgegenstände", wenn man sie nicht nach Vorschrift gebraucht, wie schön sind kaputte Räume, wenn man sie als Subjekt-Bühnen begreift, wie bedeutsam wird "Triviales", wenn es in Vielzahl und Vielfalt gesehen wird. Wie suggestiv ist jeder Blick auf einen Eingang, eine Tür, eine Straße.

Natürlich lauert auch überall Gefahr, immer wieder stößt man auf Spuren des Verbrechens (ganz direkt beim Bild der Spurensicherung in dem Bild Search of premises, ein Titel, der uns noch einmal auf eine Möglichkeit aufmerksam macht: die Räumlichkeit erforschen). Oder man meint zu spüren, wie sich ein Unheil anbahnt, wie überall Ungemach lauern könnte. Es ist der Geist von Edgar Allan Poe, der Jeff Walls Räume durchwandert. Unter anderem.

Jeff Wall benutzt die Kunst der Fotografie gegen die Technik des Mediums, aber auch gegen seine Ökonomie. Aus der Verwendung eines "Massenmediums" mit (jedenfalls scheinbar) alltäglichen Zutaten und Protagonisten entsteht neue Einzigartigkeit. Dabei entgeht er der Versuchung eines künstlerischen one-trick pony. Er setzt die absurde Übertragung, also die Verwendung eines Mediums für Dinge, für die scheinbar andere Medien zuständig sind, keineswegs als billigen Effekt. Seine Motive sind so voller Grandezza, Geheimnis und Humor, dass man beim Betrachten jedes Bildes spürt, wie viel – im Kopf, im Raum, mit der Technik – passiert sein muss, um es zu erschaffen. Wie bei den großen Meistern der Malerei gibt es auch bei Jeff Wall Bilder, zu denen man immer wieder zurückkehren kann, die einem nie langweilig werden, die nie zu Ende erklärt werden können.

Was "dahinter" steckt, der Bezug auf Bilder, Filme, Romane, Ereignisse, steht in Spannung mit dem, was vorne geschieht. Man könnte es wohl eine Verzauberung des Alltäglichen nennen, bei der sich das Schöne immer mit etwas Unheimlichem unterhält.

Von Georg Sesselen
DIE ZEIT Nr. 24/2018

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