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Herzstück



Joseph Beuys: Die Welt ist voller Rätsel, für diese Rätsel aber ist der Mensch die Lösung.

Der Buddha ist in uns

Shakyamuni Buddha war ein Mensch
Wie du und ich, dem Leiden unterworfen.
Leiden ist der Grund,
Von dem er Befreiung fand.

Das Leiden kannst auch du
Betrachten, erkennen, eingestehen
Und herausfinden,
Wodurch es entsteht.

Ohne Leiden kannst Du nicht wachsen,
Umarme es und erkenne seinen Wert.
Gib ihm die Möglichkeit, dir den Weg
Zu Frieden und Freude zu offenbaren.

Wenn du deine Blickrichtung änderst
Und gestattest, glücklich zu sein.
Kannst du Land erkennen,
Kannst du deinen Weg finden.

Dein Leben ist reich
An Wundern und Freuden.
Lass dir von deinen Leiden
Keine Fesseln anlegen.

Betrachte und erkenne deine Leiden.
Aber sei dankbar
Für den gegenwärtigen Augenblick.
Erfreue dich zu deinem Wohl -
Zum Wohl aller Wesen.

Der Buddha ist in uns.
Er berührt unser Herz.
So haben auch wir Buddha-Natur.
Verständigung ist möglich.

© Meditation zu Thich Nhat Hanh:
Das Herz von Buddhas Lehre.
Eingang finden in das Herz des Buddhas. S. 10 - 12,
wRoo 06/2018

Patti Smith: Gloria

Mt 5, 44f.

Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.

 

Versuch über das Leben der Künstler.

Indem die Anderszaubernden sich unaufhörlich wandeln, atmen sie den Raum aus, aus dem ihnen alles kommt. Seine Weite ist ihnen geläufiger als ihr manifestes Werk. Sie könnten alles, was sie erschaffen haben, vergessen, nur nicht die Sphäre, aus der das Schaffen kommt und weitergeht.
Peter Sloterdijk: Versuch über das Leben der Künstler.

 "Ich speichere - also bin ich."

Herzzeit 2.0

Martin Heidegger: Philosophie hat nur einen Sinn als menschliches Tun.

Versuch über das Leben der Künstler.

Indem die Anderszaubernden sich unaufhörlich wandeln, atmen sie den Raum aus, aus dem ihnen alles kommt. Seine Weite ist ihnen geläufiger als ihr manifestes Werk. Sie könnten alles, was sie erschaffen haben, vergessen, nur nicht die Sphäre, aus der das Schaffen kommt und weitergeht.
Peter Sloterdijk: Versuch über das Leben der Künstler.

Bienengleichnis



Der Dichter ist kein Lehrer der Moral.

Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht.
(Georg Büchner)

Zen strebt danach, das Leben in seiner Lebendigkeit selbst zu erfassen, nicht den Lebensstrom abzustellen und zu betrachten.
(D.T. Suzuki)

Bilder, die machen, was sie wollen

Über die Studentenrevolte kursieren viele Mythen – darunter einige bewusst missgünstige. In das Leben unseres Autors Benjamin Korn schlug sie ein wie ein Blitz. Er erinnert sich an Frankfurt, Adorno und das legendäre "Busenattentat".

Jeder hat sein 68. Für Erich Maria Remarque war der Erste Weltkrieg ein Gemetzel, für Ernst Jünger ein "Spaß". So gedenkt auch jeder eines anderen 68, der Paderborner und der Mainzer, der Berliner und der Hamburger, der Hippie und der Maoist. Für den einen war es ein Fest, für den anderen das Ende allen Anstands. Mein 68 war in Frankfurt: SDS, Studium der Soziologie, philosophische Fakultät. Meine Professoren: Adorno, Habermas und Co. Die Revolte schlug wie ein Blitz in mein Leben ein.

Stichflammenartig tauchen die Erinnerungen auf. Ich sehe Hans-Jürgen Krahl, den Studentenführer, mit Glasauge und sonorer Stimme in wogender Menge auf dem Uni-Gelände, sehe "Teddie" Adorno im Hörsaal VI, die Arme hinterm Rücken verschränkt und auf Zehen wippend, wie er Bandwürmer von astreinen Sätzen ausspuckt, sehe auf uns zurasende Wasserwerfer mit aufgedrehten Scheinwerfern, die erbitterte Straßenschlacht mit der Polizei, um nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke die Auslieferung der Bild- Zeitung zu verhindern, höre ein aus tausend Kehlen skandiertes "Ho-Ho-Ho Chi Minh", dann taucht im zugerauchten Club Voltaire ein Plakat mit den Profilen von Marx, Engels, Lenin auf. "Alle reden vom Wetter, wir nicht!" steht drauf. Die Leute von der "Lederjackenfraktion", die später fast alle in die RAF rutschen, trinken sich am Tresen Mut zu, bevor sie ein paar Molotowcocktails über den Zaun des Amerikahauses schmeißen, während wir in einem Keller zu Satisfaction die Nacht durchtanzen und uns ein paar Stunden später in ein Proseminar über die Frühschriften von Marx oder zu einer Vietnam-Demo schleppen ...

Am 14. Februar 1970 rief mich mein Freund Ronny Loewy (der sich später im Frankfurter Filmmuseum um die Wiederentdeckung des jiddischen Kinos verdient machte) an, um mir zu sagen, dass Hans-Jürgen Krahl am Vortag auf vereister Autobahn tödlich verunglückt sei. Das war der Schlussgong. Ein halbes Jahr vorher war Adorno gestorben, ein Monat später wurde der SDS aufgelöst. Der Zusammenbruch der Studentenrevolte war ein Schrecken ohne Ende. Wie leben? Wie in diese verachtete und verlogene Welt zurückkehren? Ein Genosse, dessen Namen ich vergaß, warf sich vor einen Zug, andere suchten Arbeit im Rundfunk, bei einer Zeitung, einem Verlag, an eine ordentliche Anstellung als Soziologe war, auch ohne den uns zugedachten "Radikalenerlass", gar nicht zu denken, die Reste der Frankfurter Schule gingen mit Oskar Negt an die Uni Hannover, wieder andere unterschrieben in einer Fabrik, um "Bekanntschaft mit dem Proletariat" zu machen. Es war für viele eine harte Landung.

Zurück blieb ein Trümmerfeld von Existenzen. Mein bester Freund Dirk Amft versuchte, das Boule-Spiel, das die Rentner in den südfranzösischen Dörfern spielen, zu importieren und veranstaltete von Pernod gesponserte Turniere im Frankfurter Grüneburgpark und verlor sein letztes Geld. Ich hatte Glück, ratlos wie ich war, hatte ich dem ehemaligen SDS-Vorsitzenden Helmut Schauer, seit Kurzem Chefdramaturg am Frankfurter Theater am Turm, meine Diplomarbeit über "Feudalismus und Bürgertum im Werke Shakespeares" zugeschickt, und er brachte mich als Hospitant unter. Unfassbar! Kurz darauf brach ich die Zelte ab und kehrte Frankfurt den Rücken.

Die meisten meiner Kommilitonen hatten mit ihren Familien gebrochen.

Alles hatte so hoffnungsvoll begonnen. Wir hatten geglaubt, wir könnten die Welt verändern. Diese Illusion war die Quelle eines unbeschreiblichen Enthusiasmus: Der Mensch sei im Grunde gut, man müsse ihn nur aufklären und seine Vorurteile wegräumen. Wir diskutierten, ohne je zu ermüden, mit Freund und Feind, sogar mit den "Bullen", die mit Knüppeln vor uns standen. Wir erklärten ihnen, dass das "Notstandsgesetz" eine Schande sei. Statt einer Antwort erhielten wir bei "Knüppel frei" einen Schlag auf den Kopf. Ohne uns von den Sternchen, die wir sahen, erleuchten zu lassen, diskutierten wir hinterher mit Passanten über dasselbe Notstandsgesetz als einer "Kopie des Ermächtigungsgesetzes", durch das Hitler an die Macht gekommen war. Unsere Gesprächspartner empfahlen uns, "nach drüben zu gehen". Mit "drüben" hatten wir freilich nichts zu tun. Wir hatten keine Verbündeten, weder im Osten noch im Westen. Wir demonstrierten gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Prag und gegen die US-Politik der verbrannten Erde in Vietnam. Wir ließen uns nicht vereinnahmen, aber wir überschätzten uns. Die Welt war kein morscher Baum, den man mit Turnschuhen eintreten konnte.

Ursprünglich war ich Teil einer unpolitischen, desillusionierten Generation. In unserer Abiturklasse gab es einen überzeugten Katholiken, mehrere Indifferente und uns Zyniker von der letzten Bank. Wir ließen den Ekel von Sartre unter der Schulbank kursieren, zuweilen schrieben wir einen Vers von Gottfried Benn an die Tafel: "Am schlimmsten: nicht im Sommer sterben". Wir waren so alt und zerknittert wie die letzten 20 Jahre seit dem Kriegsende, die Vergangenheit widerte uns an. Meine beiden Schulfreunde wurden nach dem Abitur Taxifahrer, Ingolf Lehmann vergiftete sich. Wäre da nicht die Revolte hineingefahren, wer weiß, was aus mir geworden wäre, vielleicht Geschäftsmann.

Mein 68 war anders als das meiner Studienfreunde. Ich komme aus einer jüdischen Familie polnischer Herkunft, die den Krieg in Russland überlebt hatte und beim Versuch, nach Amerika auszuwandern, in Deutschland hängengeblieben war. Auch ich flog zu Beginn der Revolte hochkant aus dem Haus: Ich hatte an der Universität den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten und die Gründung eines palästinensischen Staates gefordert. Das klingt merkwürdig, da ich mich im Jahr zuvor, bei Beginn des Juni-Kriegs 1967, als Kriegsfreiwilliger nach Israel gemeldet hatte. Für mich war da kein Widerspruch. Das Existenzrecht eines Volkes hebt das des anderen nicht auf. Es gibt keine Juden und Araber. Es gibt nur Menschen.

Da man die meisten von uns hinausgeworfen hatte, hatten wir viel gemein. Zweitrangig war, ob einer Aristokrat war oder Prolet, ob eine Frau mit Männern ausging oder Frauen, ob ein Mann beschnitten war oder nicht, Fliege trug oder Jeans, man lange oder kurze Haare hatte, Persisch oder Arabisch sprach – alles war möglich. Eines Tages begleitete mich die Tochter des Frankfurter Polizeipräsidenten, die später Starmannequin wurde, in die vorderste Reihe einer Demo, für deren reibungsfreien Ablauf ihr Vater verantwortlich war ...Wir glichen Astronauten im All, schwerelos, wahre Kosmopoliten.

Wir wollten ganze Menschen sein

Über 68 schwirren eine Menge Mythen herum. Sie wurden von jenen erfunden, die die Bewegung anschwärzen wollen. Eine dieser Legenden besagt, dass die Revolte eine Erfindung von höheren Töchtern und wohlhabenden Bürgersöhnchen gewesen sein soll, die sich heute in den Chefetagen der Großkonzerne herumlümmeln. Wahr ist, dass die meisten meiner Kommilitonen mit ihren Familien gebrochen hatten und jobben, übersetzen oder, wie mein Freund Dirk Amft, in einer Autowerkstatt arbeiten mussten, um ihr Studium zu finanzieren. Warum? Weil sie ihre Väter "Nazis" genannt hatten, weil sie wissen wollten, wo die jüdische Frau des Onkels geblieben war, weil sie Familientreffen mit bohrenden Fragen versauten.

Das muss man sich vor Augen halten, wenn man verstehen will, woher die Leidenschaftlichkeit des Kampfes gegen die Wiederbewaffnung, gegen die Notstandsgesetze, gegen die Kriege der USA, gegen den Besuch des Schahs, gegen die Berufsverbote kam. Aus der Scham! Der Empörung! Aus einem überempfindlichen Rechtsgefühl! Alle politischen Konflikte waren persönliche Konflikte, deshalb diese Passion. Die Unauflöslichkeit von persönlichen und humanistischen Motiven ist zentral für das Verständnis von 68. Die Nachkriegskinder wollten eine andere Welt als die, die sie geerbt hatten.

Wir wollten ganze Menschen sein. Denken und Tun sollten eine Einheit bilden. Philosophie erklärt man nicht, man lebt sie. Das war verdammt schwer. Wenn man mit einer anderen Frau schlief, leugnete man es nicht, sondern erzählte es seiner Geliebten. Kleinbürgerliches Herumdrucksen kam nicht infrage. "Fremdgehen" durfte man, lügen nicht. Das führte zu haarsträubenden Szenen, in denen Teller und Tassen flogen. Unsere Liebschaften waren hitzig und destruktiv, weil wir weder ein Recht auf sexuelle Treue noch auf Eifersucht hatten, was über unsere Kräfte ging. Dennoch versuchten wir es jeden Tag von Neuem. Wir waren paradoxe Moralisten.

Ich frage mich manchmal, woher wir die Tollkühnheit nahmen. Vielleicht war es Verblendung. Einmal hielt ich auf der Frankfurter Hauptwache – aufs Äußerste erregt, weil ein Wasserwerfer am Römerberg einen Schüler halb totgefahren hatte – eine Straßenbahn an, indem ich gegen die Windschutzscheibe trommelte. Der Fahrer stoppte, drinnen saß ein Haufen Passagiere, vor Angst erstarrt. Joschka Fischer, der wenige Meter weiter herumlief, glaubte nicht richtig zu sehen. Mir war ganz schummrig zumute. Dann trollte ich mich.

Ein Ereignis hat sich in meine Erinnerung eingebrannt: die "Sprengung" der letzten Vorlesung von Theodor W. Adorno, die noch 2008 in der Frankfurter Rundschau das "Busenattentat" genannt wurde. Ein Attentat war es nicht, da Adorno von keiner Brustwarze durchbohrt wurde, und auch nicht der Auslöser für Adornos Herzinfarkt, wie ein paar Überkluge es gerne gehabt hätten. Es war auch kein "Vatermord", es war nur ein bescheuertes Happening. Der Augenblick ist in einem sehr verwackelten Foto verewigt, drei noch unentblößte Frauen umtanzen Adorno, und rechts hinten erahnt man meinen 23-jährigen Kopf. Zu diesem Zeitpunkt war die Vorlesung längst "gesprengt" worden – durch mich. Da wir Adorno in ein Streitgespräch über die "Demokratisierung der Hochschule" hineinziehen wollten und ich als Einziger einen Text vorbereitet hatte, war es auch an mir, ihn vorzutragen. Ich unterbrach die Vorlesung durch eine Wortmeldung. Kaum hatte ich, von Adorno nach vorn gebeten, die ersten Sätze gesagt, da stürzte ein Kommilitone mit dem Schrei "Ich will Adorno hören!" auf die Bühne und knöpfte mir mit verstörtem Blick das Hemd auf, worauf ihn der spätere Kabarettist Matthias Beltz mit den Worten "Lass den Genossen ausreden" wegtrug – gleich darauf drangen die Frauen vom "Weiberrat" in den Hörsaal und enthüllten tanzend ihre nackten Brüste, woraufhin Adorno, völlig verdattert, aus dem Audimax floh. Drei Monate später erfuhr ich auf einer jugoslawischen Insel, dass Adorno in den Schweizer Alpen an Herzversagen gestorben war – gut ein halbes Jahr vor seinem Schüler Hans-Jürgen Krahl.

Krahl und Adorno, Adorno und Krahl. Wenn sie diskutierten, regnete es Sternschnuppen. Anfangs verstand ich kein Wort. Adorno konnte sehr witzig sein. Einmal wurde ich Zeuge, wie er, durchnässt aus dem Regen kommend, eine halbe Stunde lang über die Frage improvisierte, ob das massenhafte Aufspannen von Regenschirmen ein banaler Reflex oder ein soziologisch bedeutsames Faktum sei. Szenenapplaus! Zu Krahl hatte er eine zwiespältige Beziehung. "Im Krahl, da hausen die Wölfe", sagte er über seinen Schüler. In Krahl hauste auch Heintje. Die Schnulze Heidschi Bumbeidschi rührte ihn zu Tränen. Er war voller Widersprüche. Seine berühmten "Angaben zur Person", diese genialische autobiografische Rede vor Gericht, hatte er nach durchzechter Nacht vor Sonnenaufgang konzipiert. Gefragt, wie er das schaffe, sagte er: "Jeder Mensch hat nur eine Droge. Meine ist die Theorie!"

Was mir in Erinnerung blieb: Die "Frauenwohngemeinschaft" mit ihrer Badewanne im Wohnzimmer. Die Diplomprüfung bei Habermas, in der ich so nervös war, dass er mir einen Zigarillo anbot, weil ich den Mund nicht aufbekam. Die Karl-Marx-Buchhandlung, in der ich immer anschreiben ließ. Die Nächte in den Frankfurter Kneipen, in denen wir uns über Lukács, Marcuse und Wilhelm Reich in den Haaren lagen, bis "König Alkohol" die Zeit ausknipste. Es gibt viele Theorien über die Studentenrevolte. Ich bin mit keiner einverstanden. Warum? Es gibt keine Wahrheit über 68. Es existieren nur Fragmente einer solchen. Die Revolte war ein Scharnier zwischen dem schlechten Alten und dem unbekannten Neuen, sie hatte keine Gebrauchsanweisung, wir mussten alles für uns neu erfinden. Irrtümer? Es gab eine Menge. Vor allem den, dass wir die Feinde unserer Feinde, Tyrannen wie Castro und Mao, glorifizierten. Ansonsten haben wir versucht, so frei und glücklich zu sein wie möglich. Ich bereue nichts.

Von Benjamin Korn
DIE ZEIT Nr. 20/2018

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