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Bienengleichnis





Freundlich
aber stumm
begrüßt wRoo
den Zuschaukünstler.
Er schweigt,
hört, sieht, fühlt
und staunt...

Psalm -
Ja,ja, .-)
Nein, nein...?-(
ein Koan

"Was soll das?!"
sagt der Zuschaukünstler
und spuckt aus.

wRoo weint eine Träne,
die im Gesicht erstarrt,
und lächelt.

Er küsst
den Zuschaukünstler, wie sonst nur
Honecker seine Freinde
küssen konnte.

wRoo 5/2016


Denis Diderot: Wenn Sie nur mich hören, werden Sie mir vorwerfen, es sei ohne Zusammenhang.

In jenem Augenblick

Zehn Jahre lang war mein Geist
von Leidenschaften und Wut erfüllt.
Selbst in diesem Augenblick spüre ich noch
Ärger und andere Geruhle von Gewalt.
Doch in jenem Augenblick,
als die Krähe lachte,
erhob sich ein Rakan aus gewöhnlichem Staub.
Im Schenschein dieses Morgens
singt ein erleuchtetes Gesicht.
(Ikkyu Sôjun)

Jimi Hendrix - Somewhere Over The Rainbow

/p>

 

Die Vollendung des Kunstwerks.

Mich beeindruckt der Gedanke Marcel Duchamps, dass ein Kunstwerk nicht vom Künstler sondern vom Zuhörer und Betrachter vollendet wird. Also kann sich das Werk je Betrachter verändern.
(John Cage: Out of the Cage.)

Fernando Pessoa: Ich bin sehr gesellig auf eine äußerst negative Weise.



Das Wort faßt nicht jedermann, sondern denen es gegeben ist. (Mt, 19, 11)

Pallaksch



Der Versuch, den eigenen Eindruck in den Griff zu bekommen.

Anfangs meint man nämlich, man drücke sich aus, und man macht sich nicht klar, daß dem Ausdruck eine gewaltige Bewegung des Eindrucks zugrunde liegt, die nicht von einem selbst ausgeht. Für mich hat meine ganze Arbeit oder mein Vergnügen dabei, im Film zu arbeiten, darin bestanden, daß ich eher versuchte, meinen eigenen Eindruck in den Griff zu bekommen, ihn mir zu erobern - was jedenfalls für mich keine einfache Sache ist.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S.81)

Wie schwer und doch wie leicht ist die Wahrheit des Zen zu verstehen! Schwer, weil sie verstehen, sie nicht verstehen ist; leicht, weil sie nicht verstehen, sie verstehen ist.
(D.T. Suzuki)

Da ist nichts vorbei

Der Deal mit der Türkei mag Deutschland eine kurze Atempause verschaffen, mehr aber nicht. Die nächsten Flüchtlinge machen sich schon bereit. Tun wir es auch?
Tag schließt irgendwo in Deutschland eine Flüchtlingsnotunterkunft. Container werden abgebaut, den Sicherheits- und Cateringdiensten wird gekündigt. Umgewidmete Möbelhäuser werden wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt. Ein Truppenübungsplatz wird das, was er vorher war. In vielen Bundesländern lag im März die Auslastungsquote der Flüchtlingsnotunterkünfte bei unter 50 Prozent.
Seit vergangenem Dezember sinkt die Zahl der Ankommenden: 90.000 im Januar, 60.000 im Februar, 20.000 im März. Dafür ist die Zahl der Asylanträge in Deutschland um 112 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal 2015 gestiegen, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge jetzt imstande ist, Anträge von Flüchtlingen entgegenzunehmen, die seit Monaten auf einen Termin warten.
Ruhe kehrt ein, und etwas scheint zu Ende zu gehen. Ist die Flüchtlingskrise etwa vorbei?
Das hängt davon ab, was mit dem Wort Flüchtlingskrise gemeint ist. Ist gemeint, dass die Flüchtlinge eine Krise verursacht haben? Ist also unsere Krise gemeint, die der Deutschen? Unsere Angst vor dem Kontrollverlust, ausgelöst durch Bilder von Menschen, die auf Behördenfluren kampieren? Ist die Peinlichkeit gemeint, die wir empfinden, weil unsere Verwaltung gar nicht so einwandfrei funktioniert, wie wir angenommen hatten? Ja, dieser Kummer ist halbwegs verwunden. Die Fernsehnachrichten handeln jetzt von anderen Themen: von auszubauenden Autobahnen oder von der Rente. Das Land diskutiert, ob eine Beleidigung auch eine Beleidigung ist, wenn sie satirisch gemeint ist. Man kann sagen: Die Lage hat sich entspannt.
Wenn aber das Wort Flüchtlingskrise bedeutet, dass Menschen auf der Flucht sind, weshalb ihr Leben zu einer Krise wird, dann ist gar nichts vorbei. Da gibt es zum Beispiel die Syrer. Für einige mag es sich gerade zum Guten wenden. Das sind die Syrer in den türkischen Flüchtlingscamps. Sie haben die Perspektive, nach Europa zu gelangen, ohne ihr Leben zu riskieren. Sie brauchen etwas Geduld, ob das historische Experiment gelingt, das Abkommen zwischen der EU und der Türkei. Und sie brauchen Glück, um zu den 72.000 Menschen zu gehören, welche die EU zunächst aufzunehmen bereit ist.
Aber dann gibt es da noch die anderen Syrer. Die Zehntausenden, die an der türkisch-syrischen Grenze festsitzen, weil die Türkei sie nicht einreisen lässt. Sie sind von einem Kriegsgebiet in ein anderes geflohen, denn hier kämpfen Rebellen, IS und Kurden gegeneinander. In Idomeni an der Grenze zu Mazedonien harren Syrer in feuchten Zelten aus, in der falschen Hoffnung, Griechenland Richtung Norden verlassen zu dürfen. Nicht zu vergessen die Syrer, die keine Flüchtlinge sind, zum Beispiel die Bewohner von Deir al-Sur, einer vom IS eingenommenen Stadt, die Assad von der Versorgung abgeschnitten hat, was wiederum zu einer Hungersnot geführt hat.
Die Zahl der in Deutschland zurückgewonnenen Möbelhäuser scheint also nicht hinreichend Aufschluss zu geben über den Zustand der Welt. Welche Zahlen könnten sich stattdessen eignen?
352. So viele Flüchtlinge sind dieses Jahr im Mittelmeer zwischen Afrika und Europa ertrunken. Weitere 400 Menschen sollen am vergangenen Montag umgekommen sein, wobei die Angaben bis zum Redaktionsschluss am Dienstagabend nicht bestätigt wurden. Nach dem Deal zwischen der EU und der Türkei Ende März kommen zwar nur noch ein paar Dutzend Flüchtlinge täglich in Griechenland an. Dafür aber steigt seit Jahresbeginn die Zahl der Migranten, die in mehr oder weniger seetauglichen Schiffen von Libyen nach Italien übersetzen. Die Flüchtlinge werden von der italienischen Küstenwache und von Hilfsorganisationen aufgegriffen und gehen auf Lampedusa oder Sizilien an Land. In den ersten Aprilwochen wurden bis zu 1.800 Ankommende am Tag gezählt. Der französische Verteidigungsminister sagte in einem Interview, 800.000 Menschen warteten in Libyen darauf, in Boote zu steigen, er nennt für seine Schätzung allerdings keine Quellen. Der EU-Ratspräsident Donald Tusk spricht von einer "alarmierenden Zahl".
Österreich hat reagiert und an seiner Grenze zu Italien am Brenner Strukturen geschaffen, die eine schnelle Schließung möglich machen: als wolle man das Bühnenbild vorbereiten, um das Drama aus dem vergangenen Jahr noch einmal aufzuführen. Doch zum einen gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass die Migranten in großer Zahl Richtung Norden weiterziehen, so wie die Syrer den Balkan durchquerten, statt sich in Griechenland niederzulassen.
Die Flüchtlingspolitik in Phase drei
Zum anderen ist niemand dazu verurteilt, Fehler zu wiederholen. Deutschland gerät nicht zwangsläufig wieder in eine Krise, wenn bald mehr Flüchtlinge herkommen sollten. Wir haben im vergangenen Jahr dazugelernt.
Die Verwaltung funktioniert besser. Das Gefühl, überrannt zu werden, wird sich nicht mehr so leicht einstellen. Einige Notunterkünfte bleiben eingerichtet, selbst wenn sie erst mal zu Teilen leer stehen, weil die Regierung damit rechnet, dass immer wieder Flüchtlinge, auch sehr viele, herkommen werden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat sich nach jahrelangen Versäumnissen der neuen Realität angepasst und umstrukturiert und aufgestockt.
Hinter dieser Entwicklung steht eine grundsätzliche Erkenntnis aus dem vergangenen Jahr: dass ein kleines Meer oder auch eine Wüste die Leute nicht davon abhält, ihr Leben vor Gewalt und Armut zu uns zu retten. Sollte es den Menschen aus beispielsweise Gambia gelingen, Sahara, Mittelmeer, Italien, Alpen und Österreich hinter sich zu lassen, um in Deutschland Zuflucht zu suchen – diese aus der Not geborene Zähigkeit wäre uns nicht mehr ganz neu.
Das ist insofern wichtig, als die Nervosität, mit der hierzulande auf die Ankunft der Flüchtlinge reagiert wurde, viel mit der Ignoranz zu tun hat, mit der die deutsche Politik sie behandelte, bevor sie plötzlich in bayerischen Vorgärten standen. Die Deutschen dachten immer: Lampedusa ist eine italienische Insel. Liegt Deutschland etwa am Mittelmeer? Es war dann im vergangenen Jahr so, als hätten die Flüchtlinge unser Versteck doch noch entdeckt. Jahrzehntelang war Deutschland zwar eine Top-Exportnation gewesen, aber wundersamerweise hatte so viel Reichtum kaum Begehrlichkeiten unter den Armen dieser Welt geweckt. Entsprechend groß war der Schreck, als ein administratives Konstrukt namens Dublin-Übereinkommen das Land nicht davor bewahren konnte, am Weltgeschehen teilzunehmen.
Noch mal kann die Wirklichkeit uns nicht überrumpeln, wir kennen sie jetzt. Es kann also eine neue Phase der Flüchtlingspolitik beginnen, Phase drei nach Ahnungslosigkeit und Hysterie sozusagen. Wie könnte sie aussehen?
Man könnte sich vornehmen, sich diesmal von Anfang an über die Begriffe im Klaren zu sein, die man verwendet. Es beginnt mit der Feststellung, dass der Terminus "alternative Flüchtlingsroute", wie die Route Nordafrika–Italien jetzt genannt wird, in einem Punkt falsch ist: Diejenigen, die über Italien nach Europa gelangen, sind keine Syrer, die auf diese Route ausweichen, weil der Balkan dicht ist. Es sind Flüchtlinge aus Afrika. Ihre Zahl steigt nur deshalb an, weil das Wetter besser wird und Stürme im Mittelmeer im Frühling seltener sind. Man kann mit etwas Glück auch ohne teure Schutzkleidung das Meer in einem offenen Boot überqueren, ohne zu erfrieren.
Das heißt, es kommen noch mehr Menschen, zusätzlich zu den Kontingentflüchtlingen aus der Türkei. Doch das ist nicht die größte Herausforderung. Die liegt darin, dass diejenigen, die in Italien eintreffen, kaum Kriegsflüchtlinge sind, sondern sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge.
Das Wort Wirtschaftsflüchtling wurde bislang gebraucht, um das Mitleid zu sortieren. In dem Wort liegt die Hoffnung, dass viele Flüchtlinge gar keinen Grund haben zu fliehen. Einen Wirtschaftsflüchtling stellt man sich von hier aus als jemanden vor, der beruflich glücklos ist, von solchen Leuten kennt man selbst einige: Nicht schön, aber nicht jeder kann es zu etwas bringen.
Es könnte allerdings sein, dass das Wort Wirtschaftsflüchtling das nächste Jahr nicht überleben wird. Beispiel Niger. Das Land südlich von Libyen war früher französische Kolonie. Wichtigstes Handelsgut ist Uran, der von den Franzosen in großen Mengen abgebaut wird. Der Nebeneffekt ist, dass die Strahlung in einigen Teilen des Landes zu hoch ist. Umweltschützer beklagen, dass teilweise auch das Trinkwasser verstrahlt ist. Weideflächen werden unbrauchbar, die Wüste breitet sich weiter aus. Niger belegt im Human Development Index der UN den letzten Platz.
Jetzt hat man eine neue Einnahmequelle entdeckt. Migranten aus Westafrika kommen in Agadez in der Mitte des Landes zusammen, Schlepper organisieren die Durchquerung der Sahara nach Libyen, einem Staat ohne durchsetzungsfähige Sicherheitskräfte, um die Flüchtlinge in die Boote zu setzen.
Aber wieso eigentlich braucht Frankreich so viel Atomstrom, dass es ein ganzes Land in den Ruin treibt? Man ahnt schon, wie die Antwort lautet: Frankreich exportiert Strom, und zwar besonders gern an das Volk, das an den Rand des Nervenzusammenbruchs gerät, wenn sich irgendwo unvorhergesehen eine Warteschlange bildet, nämlich an uns. Das heißt: Wenn hier die Wäsche strahlend rein aus der Maschine kommt, hat sich in Niger die Sahara wieder ein Stück Land einverleibt.
Das Wissen über diese Ungerechtigkeit von sich zu weisen – dabei hilft die sprachliche Konstruktion Wirtschaftsflüchtling. Sie erlaubt es, dass man morgens in den Spiegel blicken kann. Vielleicht könnte man die Energie, die die Verdrängung kostet, auch anders einsetzen. Es werden weiterhin Afrikaner nach Europa kommen, auch wenn in Österreich ein Pass geschlossen wird – seit Jahren steigt ihre Zahl.
Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi hat in dieser Woche Vorschläge gemacht, wie man das Prinzip des Türkei-Deals für afrikanische Flüchtlinge anwenden könnte: wie man Migranten von der gefährlichen Reise abhält, indem man ihnen Aussicht auf kontrollierte Einwanderung bietet. So ein Vertrag wird nicht schnell zustande kommen. In Libyen gibt es nicht mal einen zweifelhaften Machthaber wie Erdoğan, nur eine fragile Regierung oder zwei oder drei. Trotzdem kann Renzis Plan die EU bei der Aufarbeitung ihrer eigenen Flüchtlingskrise voranbringen, denn sie könnte jetzt erkennen: Nicht Angela Merkel hat die Migration erfunden. Sie scheint wirklich etwas Europäisches zu sein.
Die Deutschen haben das syrische Volk in ihren Gleichheitsgedanken aufgenommen. Das hätte man sich lange nicht vorstellen können. Doch es gab darüber bei allem Streit nie Uneinigkeit. 93 Prozent der Deutschen wollen laut Umfragen, dass Kriegsflüchtlinge hier Asyl finden. Die offenen Fragen der Flüchtlingspolitik in Phase drei sind diese: Wollen die Deutschen Kontingente afrikanischer Migranten aufnehmen? Fühlt sich hier jemand für die Weiden und Wälder in Niger mitverantwortlich? Oder auch: War das vergangene Jahr erst der Anfang?

Von Elisabeth Raether
DIE ZEIT Nr. 18/2016, 21. April 2016
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