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HerzZeit vs. HerzSutraein Koan



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Lichtung



Das ist nun vielleicht wieder nicht die richtige Zeit, um einiges zu sagen, was sich schwer sagen lässt, aber es gibt ja die richtige Zeit nicht, sonst hätte ich es schon einmal über mich bringen müssen. Ich glaube wirklich, dass das grössere Unglück in Dir selbst ist.
(Ingeborg Bachmann)

Erklär mir, Liebe

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –

Erklär mir, Liebe!

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit; daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn ...
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.


(Ingeborg Bachmann: Erklär mir, Liebe)

Eine Sprache, nicht für dich und nicht für mich -
(Paul Celan)

Die Geträumten, Ausschnitt

Die Windglocke der intuitiven Weisheit

Mein früherer Meister,
der ewige Buddha, sagte:
« Ein ganzer Körper ist
wie ein Mund,
der im leeren Raum
hängt.

Nicht fragend,
ob der Wind im Osten,
Westen, Süden oder Norden weht,
Für die ganze Welt gleich,
lehrt die Windglocke Prajñā:
Chin Ten Ton Ryan Chin Ten Ton.

Dies ist die Lehre von Prajñā,
die von den Buddhas und Vorfahren
in einer ununterbrochenen Kette
weitergegeben wurde.
Es ist die Prajñā des ganzen Körpers,
die Prajñā der ganzen Welt,
die Prajñā, die ganz wir selbst sind,
und die Prajñā des ganzen Ostens,
Westens, Südens und Nordens.


(Meditation über Dogens "Makahannya haramitsu", wRoo 10/2018)

 

Das Herz der vollkommenen Weisheit Sutra

Avalokitesvara Bodhisattva, in tiefste Weisheit versenkt,
erkannte, daß die fünf Skandhas
leer sind und verwandelte damit
alles Leid und allen Schmerz.

Sariputra!
Form ist nichts anderes als Leere,
und Leere ist nichts anderes als Form.
Form ist identisch mit Leere
und Leere ist identisch mit Form.

Und so ist es auch mit Empfindung,
Wahrnehmung, geistiger Formkraft
und Bewußtsein.

(Herz-Sutra)

Wir leben unter finsteren Himmeln, und - es gibt wenig Menschen. Darum gibt es wohl auch so wenig Gedichte.
(Paul Celan)

Herzzeit 2.0

leerHeit

Alle Dinge sind in Wahrheit leer.

Nichts entsteht und nichts vergeht.

Nichts ist unrein, nichts ist rein.

Nichts vermehrt sich
und nichts verringert sich.

Es gibt in der Leere keine Form,
keine Empfindung, keine Wahrnehmung,
keine geistige Formkraft
und kein Bewußtsein,
keine Augen, keine Ohren,
keine Nase, keine Zunge,
keinen Körper oder Geist;
es gibt nichts zu sehen,
hören, riechen,
schmecken, fühlen
oder denken,
keine Unwissenheit
und auch kein Ende der Unwissenheit,
kein Altern und keinen Tod,
noch deren Aufhebung,
kein Leiden und keine Ursache des Leidens,
kein Auslöschen und keinen Weg der Erlösung,
keine Erkenntnis und auch kein Erreichen.

(Herz-Sutra)

Kleinewiges



freiHeit

Weil es nichts zu erreichen gibt,
leben Bodhisattvas Prajna Paramita
und ihr Geist ist unbeschwert
und frei von Angst.

Befreit von allen Verwirrungen,
allen Träumen und Vorstellungen,
verwirklichen sie vollständiges Nirvana.

Alle Buddhas der Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft
leben Prajna Paramita
und erreichen damit die höchste Erleuchtung.

Erkenne deshalb,
daß Prajna Paramita das große Mantra ist,
das strahlende Mantra,
das unübertroffene Mantra,
das höchste Mantra,
das alles Leiden stillt.

Dies ist die Wahrheit,
die Wahrheit ohne Fehl.

(Herz-Sutra)

Sind diese Wege nun Umwege, Umwege von dir zu dir? Aber es sind ja zugleich auch, unter wie vielen anderen Wegen, Wege, auf denen die Sprache stimmhaft wird, es sind Begegnungen, Wege einer Stimme zu einem wahrnehmenden Du, kreatürliche Wege, Daseinsentwürfe vielleicht.
(Paul Celan)

Ich beklage mich nicht.

Ich beklage mich nicht. Ich habe, ohne es zu wissen, gewusst, dass dieser Weg, den ich einschlagen wollte, eingeschlagen habe, nicht mit Rosen eingefasst sein würde. Du sagst, man verleide Dir Deine Uebersetzungen. Lieber Paul, das war vielleicht das einzige, das ich ein wenig angezweifelt habe, ich meine nicht Deine Berichte, sondern ihre Auswirkungen, aber ich glaube Dir jetzt vollkommen, denn ich habe nun die Bösartigkeit der professionellen Uebersetzer auch zu spüren bekommen, mit deren Einmischung ich auch nicht rechnete. Man macht sich einen Witz daraus, über meine angeblichen Fehler zu sprechen, Leute, die was mich nicht kränken würde, schlechter Italienisch können und andre, die es vielleicht besser können, aber jedenfalls Leute, die keine Ahnung haben, wie ein Gedicht im Deutschen aussehen sollte. Verstehst Du: ich glaube Dir, alles, alles. Nur glaube ich nicht, dass sich der Klatsch, die Kritik, auf Dich beschränken, denn ich könnte ebensogut des Glaubens sein, dass sie sich auf mich beschränken. Und ich könnte Dir beweisen, wie Du mir beweisen kannst, dass es so ist. Was ich nicht kann: es Dir ganz beweisen, weil ich die anonymen und andren Papierfetzen wegwerfe, weil ich glaube, dass ich stärker bin als diese Fetzen, und ich will, dass Du stärker bist, als diese Fetzen, die nichts, nichts besagen. Aber das willst Du ja nicht wahrhaben, dass dies nichts besagt, Du willst, dass es stärker ist, Du willst Dich begraben lassen darunter. Das ist Dein Unglück, das ich für stärker halte als das Unglück, das Dir widerfährt. Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein,
(Ingeborg Bachmann: Herzzeit. S. 154 f.)

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