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Komposition der Menschheit



Roland Barthes: Jeder Text ist immer hier und jetzt geschrieben.

Todesfuge


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Paul Celan: Todesfuge.

Lasset uns denn leben!

Das Leben ist eine Tatsache, es bedarf weder einer Erklärung noch einer Bestätigung. Erklären heißt rechtfertigen, und warum sollten wir das Leben rechtfertigen? Zu leben - ist das nicht genug? Lasset uns denn leben! Lasset uns bejahen! Darin liegt Zen in all seiner Reinheit und all seiner Nacktheit.
(D.T. Suzuki: Die große Befreiung)

Casta Diva Callas

 

Wandlungen der Leere.

Jeder Augenblick zeigt, was geschieht. Ich entwickelte die Kompositionsmethode durch das Losen mit Münzen, die im Buch der Wandlungen verwendet wird. Man mag einwenden, dass von diesem Standpunkt aus alles geht.
Tatsächlich geht auch alles, aber nur wenn nichts zur Grundlage genommen wird. In einer völligen Leere kann alles stattfinden. Und unnötig es zu sagen, jeder Klang ist einmalig (kam zufällig vor, während gespielt wurde) und ist nicht informiert über europäische Geschichte und Theorie: Hällt man den Verstand auf die Leere gerichtet, auf den Raum, kann man sehen, es kann alles darin sein, ist tatsächlich darin.
(John Cage: Silence. S. 124f.)

Fernando Pessoa: Ich bin sehr gesellig auf eine äußerst negative Weise.

Herzzeit 2.0

Karlheinz Stockhausen: Du lernst, was du kannst – ewig.

Der Zuschauer.

Das heißt nicht, dass der Zuschauer keine Bedeutung hätte, sondern die Filme sind gemacht; es ist der Zuschauer, der sich macht, sie sind so gemacht, dass es beim Zuschauer liegt, sie zu machen.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S.145)

dem Nichts stehts entgegen



Man muß lieben lernen.

So geht es uns in der Musik: erst muß man eine Figur und Weise überhaupt hören lernen, heraushören, unterscheiden, als ein Leben für sich isolieren und abgrenzen; dann braucht es Mühe und guten Willen, sie zu ertragen, trotz ihrer Fremdheit, Geduld gegen ihren Blick und Ausdruck, Mildherzigkeit gegen das Wunderliche an ihr zu üben –: endlich kommt ein Augenblick, wo[194] wir ihrer gewohnt sind, wo wir sie erwarten, wo wir ahnen, daß sie uns fehlen würde, wenn sie fehlte; und nun wirkt sie ihren Zwang und Zauber fort und fort und endet nicht eher, als bis wir ihre demütigen und entzückten Liebhaber geworden sind, die nichts Besseres von der Welt mehr wollen als sie und wieder sie. – So geht es uns aber nicht nur mit der Musik: gerade so haben wir alle Dinge, die wir jetzt lieben, lieben gelernt. Wir werden schließlich immer für unsern guten Willen, unsere Geduld, Billigkeit, Sanftmütigkeit gegen das Fremde belohnt, indem das Fremde langsam seinen Schleier abwirft und sich als neue unsägliche Schönheit darstellt –: es ist sein Dank für unsre Gastfreundschaft. Auch wer sich selber liebt, wird es auf diesem Wege gelernt haben: es gibt keinen anderen Weg. Auch die Liebe muß man lernen.
(Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.)

Schöpfe dich selbst, erfinde dein eigenes Leben neu!
(Kodo Sawaki)

Nach oben gehangelt

Reich und Arm driften auseinander – so heißt es. Doch wenn man die ganze Welt anschaut, stimmt das überhaupt nicht.
Im September 2000 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen feierlich die sogenannten Millennium Development Goals – einen Katalog mit acht Entwicklungszielen, die die Welt ein bisschen besser machen sollten. Wichtigster Punkt: die Halbierung des Anteils der Armen an der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2015. Das Ziel wurde schon 2010 erreicht – fünf Jahre früher als vorgesehen.
Zahlen wie diese offenbaren den blinden Fleck der Ungleichheitsdebatte. Die Erzählung vom Niedergang der Mittelschicht und dem Anstieg der Armut ist in ihrem Kern von einer westlichen Sicht der Dinge geprägt. Für einen großen Teil der Menschheit hingegen gilt: Die Welt ist heute materiell betrachtet in einem besseren Zustand als in der vermeintlich guten alten Zeit.
Beispiel China: Noch im Jahr 1980 lebten dort so viele absolut Arme wie in keinem anderen Land der Erde. Nach offizieller Definition sind das Menschen, die – um die Schwankungen der Kaufkraft bereinigt – mit weniger als 1,90 US-Dollar am Tag auskommen müssen. Seither ist die Armutsquote von damals 84 auf heute nur noch rund zehn Prozent der Bevölkerung gesunken. Fast 700 Millionen Chinesen haben die Armut überwunden. Das sind mehr Menschen, als in den Mitgliedsländern der Europäischen Union leben.
China ist wegen seiner hohen Wachstumsraten ein Sonderfall, aber andere Länder ziehen nach. In Indien, in Vietnam und sogar in afrikanischen Ländern wie Ghana oder dem Senegal sind die Armutsraten ebenfalls gesunken, während sich die allgemeinen Lebensverhältnisse verbessert haben. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Senegalesen betrug im Jahr 1980 48,9 Jahre, inzwischen sind es 66,4 Jahre. Ein Inder, der heute auf die Welt kommt, wird im Schnitt zehn Jahre älter als ein vor dreißig Jahren geborener.
Einmal jährlich veröffentlicht die Poverty and Human Development Initiative der Universität Oxford einen Bericht zur Lage der Weltbevölkerung. Die Forscher untersuchen auch weichere Faktoren des Wohlstands wie den Zugang zu Schulen, die Qualität der medizinischen Leistungen oder die Versorgung mit Strom und Trinkwasser. Die neueste Auswertung der Daten ergibt: In Afrika sind nach dieser umfassenderen Definition 56 Prozent der Bevölkerung oder 544 Millionen Menschen arm. Aber: In 30 von 35 beobachteten afrikanischen Ländern sei die Armut "signifikant reduziert" worden.
Absolut betrachtet, sind die weltweiten Wohlstandsunterschiede zwar immer noch enorm. Das Pro-Kopf-Einkommen in Indien beläuft sich auf 1.500 US-Dollar jährlich, in den Vereinigten Staaten sind es 55.000 US-Dollar. Untersuchungen der Weltbank zeigen: Ein durchschnittlicher Niedriglöhner in Dänemark ist reicher als ein durchschnittlicher Spitzenverdiener in Uganda. Und der ökologische Kollateralschaden des rasanten Wirtschaftswachstums in den Schwellenländern nimmt ständig zu: In vielen chinesischen Städten ist saubere Luft zum knappen Gut geworden. Dennoch könnte es der Menschheit erstmals in ihrer Geschichte gelingen, die Armut zu besiegen. In China wird Schätzungen zufolge schon Ende dieses Jahrzehnts kein Mensch mehr mit weniger als 1,90 Dollar am Tag auskommen müssen.
Die historische Bedeutung dieses Befunds macht erst der Blick zurück deutlich. Die Menschheit war die meiste Zeit ihrer Geschichte bitterarm. Der Lebensstandard der breiten Massen hatte sich bis in die Neuzeit hinein kaum verändert. Der britische Bevölkerungswissenschaftler Thomas Malthus war noch im späten 18. Jahrhundert davon überzeugt, dass die unteren Schichten "allzeit zu Mangel und Elend" verurteilt seien, weil die Nahrungsmittelproduktion nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten könne.
Das änderte sich mit der industriellen Revolution, die die Welt ökonomisch betrachtet in zwei Hälften teilte: In den westlichen Industrienationen explodierte der Wohlstand der einfachen Arbeitnehmer, was es unter anderem ermöglichte, großzügige Sozialtransfers zu finanzieren. Dagegen blieben die meisten Menschen in den Entwicklungsländern, was sie vorher waren: arm.
Kehren sich die Ausbeutungsverhältnisse gerade um?
Nun aber steigen die Einkommen in den benachteiligten Ländern schneller als in den reichen. In einer umfangreichen Studie konnten die Weltbankökonomen Branko Milanović und Christoph Lakner zeigen, dass sich für die sozial Schwachen in den meisten Industriestaaten die Lage verschlechtert hat, während sie sich für die Ärmsten der Armen verbesserte. Die globale Ungleichheit sei "erstmals seit Beginn der Industrialisierung rückläufig", sagt Milanović.
Aus westlicher Sicht ist das ein Befund mit höchst verstörenden Konsequenzen. Denn der Anstieg der Ungleichheit in den großen Industrienationen gilt weithin als Beleg dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist mit der Globalisierung und den herrschenden Verhältnissen. Doch wenn jeder einzelne Mensch auf der Erde unabhängig von seiner Nationalität als gleichwertig angesehen wird, dann ist die Welt in den vergangenen Jahren womöglich nicht ungerechter, sondern gerechter geworden.
Es ist vor diesem Hintergrund wenig überraschend, dass der Widerstand gegen die Globalisierung vor allem in den Industriestaaten auf dem Vormarsch ist. Die meisten Chinesen hingegen wissen sehr genau, dass ihr Land seinen ökonomischen Aufstieg gerade der rücksichtslosen Integration der heimischen Wirtschaft in die internationale Arbeitsteilung verdankt. China nutzte seinen Lohnkostenvorteil, um die Weltmärkte mit Billigprodukten zu überschwemmen, und schaffte so den Sprung vom Agrarstaat zur Industrienation. Und viele Länder Afrikas wären froh, wenn der Westen seine Märkte öffnen würde, damit sie an der Globalisierung teilhaben können. Aus asiatischer, lateinamerikanischer oder afrikanischer Sicht ist das Unbehagen an der Globalisierung ein first world problem – ein Luxusproblem.
Weil die Welt in Staaten eingeteilt ist, ist die globale Dimension der Einkommensverteilung bislang kaum Gegenstand öffentlicher Debatten. Dabei wirft sie einige extrem knifflige moralphilosophische Fragen auf: Ist es beispielsweise ein Skandal, wenn es in Deutschland mehr Arme gibt, weltweit aber weniger? Und wenn die Armen in Deutschland unter der Globalisierung leiden, die Armen in Laos aber von ihr profitieren: Ist es dann legitim, die Globalisierung zu bekämpfen, obwohl doch ein laotischer Armer erheblich ärmer ist als ein deutscher Armer?
Diese Fragen werden noch kniffliger, wenn es – wie eine Reihe von neueren ökonomischen Studien nahelegt – einen Zusammenhang gibt zwischen der wachsenden Ungleichheit in den Industrienationen und der rückläufigen globalen Ungleichheit. Milanović etwa ist überzeugt, dass sich der Aufstieg der chinesischen Mittelschicht und der Abstieg der amerikanischen Arbeiterklasse gewissermaßen gegenseitig bedingen – weil im verarbeitenden Gewerbe Arbeitsplätze für Menschen mit einer niedrigen oder mittleren Qualifikation nach China verlagert wurden.
Bis heute argumentierten Ökonomen, dass das Elend der Dritten Welt auf die Ausbeutung durch die ehemaligen Kolonialmächte zurückzuführen sei, weshalb sich die Entwicklungsländer von den Weltmärkten möglichst fernhalten sollten. Wenn Milanović recht hat, dann kehren sich die Ausbeutungsverhältnisse gewissermaßen gerade um: Indem sich die armen Länder auf die Globalisierung einlassen, machen sie den etablierten Industrienationen genau jene Stellen streitig, die den unteren Mittelschichten der westlichen Welt bislang ein sicheres Einkommen und eine stabile Erwerbsbiografie verschafft haben.
Das bedeutet nicht, dass die Verelendung der arbeitenden Bevölkerung in der westlichen Hemisphäre zwangsläufig die Voraussetzung für eine gerechtere Weltordnung wäre. Adam Corlett, Ökonom bei der britischen Resolution Foundation, hat sich die Daten von Milanović und Lakner genauer angesehen und herausgefunden, dass vor allem die amerikanische Mittelschicht Einkommenseinbußen hinnehmen musste, während es den meisten europäischen Arbeitnehmern besser erging – obwohl auch sie mit den Menschen in den Schwellenländern nicht mithalten können.
Wie hat sich die Ungleichheit weltweit entwickelt – diese Frage haben sich die Ökonomen Branko Milanović und Christoph Lakner gestellt. Um sie zu beantworten, haben sie die Weltbevölkerung anhand ihres Einkommens in Gruppen unterteilt. Diese sind, beginnend mit der ärmsten, auf der waagerechten x-Achse abgetragen. Dann wurde auf der senkrechten y-Achse notiert, wie sich der Wohlstand dieser Gruppen zwischen 1988 und 2008 entwickelt hat. Wegen ihrer Form wird die Grafik Elefantenchart genannt. Er zeigt: Stark gestiegen ist der Lebensstandard der globalen unteren Mittelschicht (der Elefantenbuckel), der vor allem Menschen in den Schwellenländern angehören. In der oberen Mittelschicht – dem Rüssel – stagnierten oder fielen die Einkommen. Zu dieser Gruppe gehören viele Normalverdiener in den Industrienationen.
Corlett führt das unter anderem darauf zurück, dass die europäischen Sozialstaaten die Härten der Globalisierung abfederten, während in den USA Steuersenkungen für Topverdiener die Ungleichheit noch verschärft haben. Seine Studie legt also nahe, dass der Nationalstaat auch in Zeiten globaler Märkte noch Spielräume zur Umverteilung von Einkommen hat, die genutzt werden können.
Das ändert allerdings nichts daran, dass sich die soziale Frage aus einer globalen Perspektive neu stellt. Denn vieles von dem, was in den Industriestaaten als gerecht und fortschrittlich erachtet wird – strenge Sozialstandards und Umweltnormen im internationalen Handel beispielsweise –, nimmt man in vielen Entwicklungsländern häufig nur als ein weiteren Versuch wahr, den Produzenten in Afrika oder Asien den Zugang zu den westlichen Märkten zu verwehren. Es bleibt eben nicht ohne Folgen, wenn Solidarität nicht mehr national, sondern international gedacht wird.


Von

DIE ZEIT Nr. 40/2016, 22. September 2016

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