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Tausendkristall



mit geschäftiger Hand

Online leb' ich nun auf klassischem Boden vernetzt,
Die Welt gleitet schneller und reizender mir.
Ich befolg' die Nutzungsvereinbarungen, durchsuche die Freundschaftanfragen
Mit schnellem Finger, online - ständig verfügbar.
Aber ohne Netz hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd’ ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt verbunden.
Und belehr’ ich mich nicht, wenn ich des lieblichen Systemdesigns
Formen spähe, und die Mouse führe Klick für Klick.
Dann versteh’ ich Big Data erst recht: ich erhebe und entwickle,
Gestalte systemimmanent, teste den anschwellenden Strom von Daten.
Löscht die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages;
Gibt sie neue Produktempfehlungen mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer nur getwittert, es wird wahrscheinlich auch kopiert,
Überfällt sie der Schlaf, lieg’ ich und koordiniere viel.
Oftmals hab’ ich auch schon auf ihrem iPad modelliert
Und den Service leise Klasse für Klasse,
kontextbezogen codiert. Sie personifiziert in lieblichem Schlummer
Und es durchglühet ihr Datenfluss mir bis ins Tiefste das Datenmodell.
 Der Experte plant die Lamp’ indes und dingt des Datenmülls,
Da er die Verfügbarkeit dem ambitionierten Projekt getan.

"©" digipo)e(sie, Januar 2013


Friedrich Nietzsche: Ihr sollt Dichter eures Lebens sein.

Alles und das Eine

Das Eine umschließt Alles, und Alles taucht in das Eine. Das Eine ist Alles, und Alles ist das Eine. Das Eine durchdringt Alles, und Alles ist in Einem. Und dies ist so mit jedem Gegenstand und jedem Dasein.

Karlheinz Stockhausen: Carre

 

Wandlungen der Leere.

Jeder Augenblick zeigt, was geschieht. Ich entwickelte die Kompositionsmethode durch das Losen mit Münzen, die im Buch der Wandlungen verwendet wird. Man mag einwenden, dass von diesem Standpunkt aus alles geht.
Tatsächlich geht auch alles, aber nur wenn nichts zur Grundlage genommen wird. In einer völligen Leere kann alles stattfinden. Und unnötig es zu sagen, jeder Klang ist einmalig (kam zufällig vor, während gespielt wurde) und ist nicht informiert über europäische Geschichte und Theorie: Hällt man den Verstand auf die Leere gerichtet, auf den Raum, kann man sehen, es kann alles darin sein, ist tatsächlich darin.
(John Cage: Silence. S. 124f.)

Martin Heidegger: Wer verbürgt uns, daß der Mensch in dieser seiner heutigen Selbstauffasung nicht eine Mittelmäßigkeit seiner selbst zum Gott erhoben hat.

Diesseits von Eden - ein Koan

Friedrich Nietzsche: Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.

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Gedichte sind ein Versuch

Gedichte sind ein Versuch, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, ein Versuch, Wirklichkeit zu gewinnen, Wirklichkeit sichtbar zu machen. Wirklichkeit ist für das Gedicht also keineswegs etwas Feststehendes, Vorgegebenes, sondern etwas in Frage Stehendes. Im Gedicht ereignet sich Wirkliches, trägt Wirklichkeit sich zu. Davon ergibt sich für den Lesenden zunächst die Bedingung, das im Gedicht zur Sprache Kommende nicht auf etwas zurück.zuführen, das außerhalb des Gedichts steht. Das Gedicht selbst ist sich, sofern es ein wirkliches Gedicht ist, der Fragwürdigkeit seines Beginnens wohl bewußt; an ein Gedicht mit unverrückbaren Vorstellungen heranzugehen, bedeutet also zumindest eine Vorwegnahme dessen, was im Gedicht selbst Gegenstand einer - in keiner Weise süffisanten - Suche ist.
(Paul Celan: Brief vom 17.2.1058.)

„Hey, was glotzt du in die Gegend? Merkst du nicht, dass es hier um dich selbst geht!?“.
(Kodo Sawaki)

"Vielleicht mögen mich Pferde lieber"


Er ist einer der erfolgreichsten und eigensinnigsten Chefredakteure der vergangenen Jahrzehnte. Mit 70 Jahren baut sich Stefan Aust nun seine eigene "Welt".
Stefan Aust zu treffen heißt, einem Mann zu begegnen, der sich zumindest äußerlich kaum verändert hat, nur die Mähne ist weg: runde Brille, ein Button-down-Hemd, Marke Brooks Brothers, Farbe Hellblau, dazu Jeans. Aust empfängt in seinem Büro, er ist dieser Tage Chefredakteur der "Welt" beim Berliner Springer-Verlag. Wenn er am Schreibtisch sitzt, schaut er auf ebenjene Straße, auf der er 1968 mit der außerparlamentarischen Opposition gegen Springer demonstrierte. Damals war Aust Redakteur beim linken Kultmagazin "Konkret" und dort Kollege der späteren Terroristin Ulrike Meinhof, Jahre später baute er Spiegel TV auf und war Chefredakteur des "Spiegels" – bis ihn die Belegschaft rauswarf. Auch war er mal Berater der ZEIT. Am Tag des Interviews ist Aust gut gelaunt. Der Grund sind ein paar Blätter in seiner Hand, auf seinem Schreibtisch liegt der dazugehörige Stapel, drei Zentimeter hoch. Sein neues Buch.
DIE ZEIT: Herr Aust, worüber haben Sie geschrieben?
Stefan Aust: Es ist ein Buch über Konrad Heiden, einen deutschen Journalisten, der 1935 die allererste Biografie über Adolf Hitler veröffentlicht hat. Eine Originalausgabe habe ich zum 60. Geburtstag geschenkt bekommen und vergessen, aber irgendwann entdeckte ich sie wieder – und habe die Nacht durch nicht mehr aufgehört zu lesen. Wer ist das eigentlich?, habe ich mich gefragt. Und aus dieser Frage ist das Buch entstanden. Einen Film wird es wohl auch geben.
ZEIT: Warum sind Sie von Heiden so fasziniert?
Aust: Weil er die furchtbare Entwicklung vorausgesehen hat, die totale Diktatur, die Ermordung der Juden, selbst auf welche Weise dieses geschehen würde. Wenn man seine Beobachtungen liest, fragt man sich: Warum haben andere das nicht auch gesehen? Heiden beobachtete den Aufstieg Hitlers in den zwanziger Jahren aus nächster Nähe, hat ihn auch gelegentlich im kleinen Kreis beobachten können und registrierte, die "beseelten Gesichter des Publikums", wie er schrieb. Aber er selbst hielt immer eine kritische und neugierige Distanz.
ZEIT: Konrad Heiden kennt heute niemand mehr.
Aust: Obwohl sich wahrscheinlich alle großen Hitler-Biografen bei ihm bedient haben. Heiden konnte übrigens während des Krieges noch nach Amerika fliehen.
ZEIT: Eine Woche vor Ihrem Geburtstag müssen Sie häufig Bilanz ziehen, weil Journalisten von Ihnen wissen wollen: Wie waren die vergangenen Jahre? Also, wie waren sie?
Aust: Auch nicht viel anders als die Zeit vorher, nur dass ich vielleicht mehr schreibe. Irgendjemand hat neulich gesagt, dass ich – seit ich bei der Welt bin – mehr geschrieben hätte als in 13 Jahren beim Spiegel. Das ist noch untertrieben. Ich habe allein in diesem Jahr mehr geschrieben als in 13 Jahren beim Spiegel. Wahrscheinlich brauchte ich so lange, um zu lernen, wie das geht.
ZEIT: Wie fühlt es sich an, mehr zu schreiben?
Aust: Sehr gut. So ähnlich wie früher bei Spiegel TV, da habe ich ja die Moderationen und eine ganze Menge Manuskripte für die Magazinbeiträge geschrieben, jahrelang, das übt. Manchmal habe ich später Texte mit "Guten Abend meine Damen und Herren ..." begonnen, dann fiel der erste Satz leichter. Nachher habe ich die Anrede wieder gelöscht.
ZEIT: Was hat Sie daran gereizt, mit Ende 60 die Welt zu leiten?
Aust: Ich war ja an dem Fernsehsender N24 beteiligt, den wir vor drei Jahren an Springer verkauft haben. Mathias Döpfner fragte mich damals, ob ich als Herausgeber von WeltN24 dabeibleiben wolle. Das hat mich schon sehr interessiert, weil ich immer der Ansicht war, dass Print, Online und Fernsehen zusammengehören.
ZEIT: Schön, so viel Selbstvertrauen. Wann genau hatten Sie die Vision?
Aust: Vor fast 20 Jahren, bei Spiegel TV und dem Spiegel. Das Internet gab es schon, spielte aber journalistisch kaum eine Rolle. Mir war klar, dass sich Journalismus in Zukunft vor allem elektronisch abspielen würde. Ich habe hart dafür gekämpft, neben Spiegel Online auch in einen Fernsehsender zu investieren. Damals entstand XXP. Aber dann hat der Verlag den Sender verkauft.
ZEIT: Es ging um einen zweistelligen Millionenbetrag, von dem ein großer Teil an die Gesellschafter ausgeschüttet worden ist. Haben Sie sich damals Ihren ersten Porsche gekauft?
Aust: Das habe ja nicht ich bekommen. Es ist zum Teil in der Firma geblieben, zum großen Teil aber an die Gesellschafter, die Mitarbeiter KG sowie Gruner + Jahr und die Augstein-Erben ausgeschüttet worden. Und im Übrigen: Meinen ersten Porsche habe ich schon etwa 20 Jahre vorher gekauft. Unter anderem hat sich ja der Baader-Meinhof-Komplex gut verkauft, war zwei Jahre lang auf der Bestsellerliste. Leider nie auf Platz eins, da stand damals Günter Wallraff mit dem Buch Ganz unten. Ich habe insgesamt ungefähr 200.000 Hardcover verkauft und später eine ganze Menge Taschenbücher.
"Kollegen hielten mich damals für verrückt"
ZEIT: Wenn man sich das ausrechnet: mindestens zehn Prozent brutto von jedem verkauften Exemplar, da kommen wir auf eine schöne Summe ...
Aust: Ja, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass ich an dem Buch drei Jahre lang geschrieben habe, plus die zehn Jahre, in denen ich zu dem Thema recherchiert habe. Viele Kollegen hielten mich damals für verrückt, das will doch kein Mensch mehr lesen, sagten sie.
ZEIT: Sie sind nicht nur Journalist, sondern auch Pferdezüchter. Was wäre denn besser: Wenn Ihr Buch auf Platz eins der Bestsellerliste landet oder eines Ihrer Pferde den ...
Aust: ... Großen Preis von Aachen gewinnt! Das wäre das Tollste überhaupt. Aber da muss man erst mal hinkommen.
ZEIT: Ihnen wird nachgesagt, dass Sie Pferde lieber mögen als Menschen ...
Aust: Vielleicht ist es so, dass die Pferde mich lieber mögen. Aber umgekehrt gibt es auf jeden Fall Pferde und Menschen, die ich furchtbar finde.
Aust ist ein Arbeitstier. Menschen, die ihn kennen, sagen, dass er nur beim "Spiegel" wirklich glücklich war. Dass er der Zeit dort immer noch sehr verbunden zu sein scheint, hört man an seinem Handyklingelton. Es ist die Titelmelodie von Spiegel TV. Die habe sonst keiner, sagt Aust.
ZEIT: Schauen Sie heute noch immer wöchentlich auf den Spiegel mit der Frage: Genau die Woche getroffen, oder nicht?
Aust: Nicht wirklich. Ich weiß ja, wie schwer das ist. Ich wusste ja als Chefredakteur des Spiegels auch nie, was funktioniert. In 51 Prozent der Fälle funktionierte das wohl, sonst wäre die Auflage nicht über 13 Jahre einigermaßen stabil geblieben.
Aus dem Nebenzimmer holt Aust einen Zettel. Drei Kurven sind darauf zu sehen: Sie zeigen, wie sich "Spiegel", "stern" und "Focus" im Abo und am Kiosk verkauft haben. 1990 ist der "stern" die Nummer eins, sinkt danach aber wie auch der "Spiegel". Von 1994 an, dem Jahr, in dem Aust Chefredakteur wird, bleibt der "Spiegel" bis etwa 2007 stabil, während die Auflagen von "stern" und "Focus" sinken. Dann wurde Aust rausgeworfen – und es ging mit der Auflage des "Spiegels" abwärts. Aust entfährt ein triumphales "Ha!".
ZEIT: Sind Titelzeilen eigentlich noch wichtig? Aus den letzten vier Wochen: Die Mission, Bitte geht nicht, Geht’s noch?, Paris ...
Aust: Ich glaube, ich hätte keine dieser Zeilen gemacht. Wenn ich getitelt habe, habe ich das nie in der Erwartung getan, ob sich das jeweilige Angebot verkauft. Ich habe mich zumeist danach gerichtet, was mich selbst interessiert. Einen anderen Maßstab haben Sie nicht. Und wenn Sie zu oft danebenliegen, sollte sich der Verlag schnellstens von Ihnen trennen. Sie können kein Magazin, keine Zeitschrift, keine Zeitung machen für eine Zielgruppe, der Sie selbst nicht angehören.
ZEIT: Sie haben den Spiegel im Abo, Sie gehören zur Zielgruppe, also können Sie sagen, was passieren müsste, dass es dem Magazin wieder besser geht.
Aust: Ich glaube, ich wüsste schon, was ich anders machen würde. Aber das ist alles schwierig genug. Es gibt Zehntausende von Menschen, die überall auf der Welt darüber nachdenken, wie man Journalismus finanzieren kann. Wir werden sehen, ob das neue Bezahlmodell beim Spiegel funktioniert, ich hoffe das für die Kollegen.
ZEIT: Was würden Sie tun?
Aust: Da halte ich mich zurück.
ZEIT: Manche Ihrer Bekannten sagen, Aust werde erst Ruhe geben, wenn er zum Spiegel zurückkehrt.
Aust: Quatsch. Das ist vorbei. Hinterm Pflug ist geackert. Jetzt kann ich bei der Welt das machen, was ich immer wollte, also Fernsehen, Zeitung und Online miteinander verweben. Die Welt hat drei Dimensionen.
ZEIT: Gibt es eigentlich große Fehler, die Sie aus Ihrer damaligen Zeit bereuen? Titel, Personalentscheidungen, so etwas?
Aust: Nein. Aber viele kleine.
ZEIT: Nun sind Sie Chefredakteur und Herausgeber von WeltN24. Wer hat sich über die Jahre mehr verändert. Die Welt oder Sie?
Aust: Ich habe mich kaum verändert, glaube ich wenigstens. Um dazu Bertolt Brecht zu zitieren: "Sie haben sich gar nicht verändert – Oh!, sagte Herr K. und erbleichte."
ZEIT: Sie waren in Ihren Anfängen Redakteur bei der ultralinken Zeitschrift Konkret. Wie geht das zusammen?
Aust: Ich bin ja auch nicht zu Konkret gegangen, weil ich damals so links war. Als der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer starb, sagte Ulrike Meinhof, damals noch Kolumnistin bei Konkret, zu mir: "Jetzt ist dein Vorbild gestorben." Das war boshaft. So reaktionär war ich nicht. Aber es zeigt, für wie links sie mich damals hielt. Es war die Zeit der außerparlamentarischen Opposition, und wie Konkret war ich gegen den Vietnamkrieg. Ich hatte viel Sympathie für die protestierenden Studenten.
ZEIT: Haben Sie mal gekifft?
Aust: Als ich 1969 ein halbes Jahr in den USA war, ein paar Mal. War nicht mein Ding. Aber danach habe ich angefangen, Zigaretten zu rauchen, woran man sehen kann, dass ein Joint zu stärkeren Drogen führt.
ZEIT: Was genau haben Sie mit der Welt vor?
Aust: Ich möchte ein besonderes journalistisches Angebot machen. Das Wichtigste ist und bleibt die journalistische Qualität und: Online weiter zu versuchen, mit den Geschichten und den Abos Geld zu verdienen. Das ist schwer, aber ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Journalismus hat sich im Grunde noch nie nur durch den zahlenden Leser finanziert. Ulrike Meinhof hat das, als sie noch Journalistin war und keine Terroristin, mal auf den Punkt gebracht: Zeitschriften sind Unternehmungen, die Anzeigenraum produzieren als Ware, die durch redaktionellen Inhalt absetzbar wird. Das klingt hart, aber da ist etwas dran.
ZEIT: Gilt aber nicht mehr, weil das Anzeigengeschäft Jahr für Jahr schrumpft.
Aust: Deshalb müssen die Leser künftig den Journalismus zu einem großen Teil finanzieren. Es ist eine echte Revolution, die sich da gerade vollzieht. Wir haben bei der Welt im Digitalen über 75.000 zahlende Abonnenten. Das ist schon eine ganze Menge.
ZEIT: Wird die Welt künftig zu einem Drittel Bewegtbild sein?
Aust: Kommt darauf an, wie Sie ein Drittel zählen: Klickzahlen? Verweildauer? Ich glaube, dass das Potenzial in der Verbindung zwischen Text und Bewegtbild noch absolut nicht ausgeschöpft ist. Diejenigen, die diese Verbindung beherrschen, die daraus ein Produkt machen, werden erfolgreich sein. Wir haben bei WeltN24 alle Elemente, die man dafür braucht und sind da schon ziemlich weit vorn.
ZEIT: In den vergangenen Monaten überwiegt aber der Eindruck, dass Ihr Spätwerk das eines Sparkommissars ist. Bei WeltN24 bauen Sie bis zu 50 von 400 Stellen ab.
Aust: Warum sollte das, was in allen Medienunternehmen passiert, teilweise in noch größerem Umfang, warum sollte das hier nicht passieren?
ZEIT: War die Welt personell genauso üppig besetzt wie der Spiegel?
Aust: Bevor ich bei der Welt angefangen habe, gab es auch schon Sparrunden. Wenn im Printbereich überall Auflagen sinken, dann muss man gelegentlich ganz genau hinsehen und anpassen, bevor man unter Druck gerät.
ZEIT: Sie sagen also: Die Welt beugt sich dem ökonomischen Diktat?
Aust: Wir wollen, dass Journalismus ein funktionierendes Geschäftsmodell bleibt. Die Welt ist seit Langem digital ausgerichtet. Und das ist gut so. Aber wahr ist auch: Das Internet hat keine natürlichen Grenzen wie etwa bei der Seitenzahl einer Zeitung. Das ist im Prinzip ja sehr schön. Aber gelegentlich muss man auch fragen: Machen wir möglicherweise zu viel? Man muss sich auch die Strukturen anschauen, die Ressorts anschauen und prüfen, welche Veränderungen sinnvoll sind. Kein Haus bleibt verschont, so etwas gelegentlich zu machen.
ZEIT: Manche sehen darin einen kulturellen Rückschritt, ein Ende von "Online first".
Aust: Im Gegenteil. Weil wir in den vergangenen Jahren so viele Erfahrungen gesammelt haben, wissen wir besser als früher, was unsere Leser gerade im digitalen Bereich interessiert. Und das wollen wir jetzt effizienter, also mit einem Spezialteam, das die Inhalte digital aufbereitet, produzieren. Die recherchierenden Kollegen sollen entlastet werden. Noch mal: Es geht um Fokussierung, um Qualität! Klar ist aber auch: Unsere gesamte Redaktion ist und bleibt eine Online-Redaktion!
ZEIT: Springer verdient massiv mit Rubrikenportalen wie beispielsweise Immonet, das heißt der finanzielle Untergrund ist da, um nicht das tun zu müssen, was Sie gerade tun.
Aust: Mathias Döpfner hat mal gesagt, dass Journalismus nicht quersubventioniert werden sollte. Davon bin auch ich überzeugt. Die einzelnen Bestandteile des Konzerns müssen sich im Prinzip selbst tragen.
ZEIT: Viele Medien investieren derzeit in eigene Webvideo-Teams. Sie haben dieses Team aufgelöst. Sind eigene Web-Bewegtbild-Formate ein Irrweg?
Aust: Bewegtbild im Fernsehen sieht ein Stück anders aus als Bewegtbild im Netz. Aber wenn Sie einen Fernsehsender mit vielen Nachrichtensendungen haben, verfügen Sie über die bestmögliche Grundlage. Da macht es wenig Sinn, einen weiteren eigenen Online-TV-Apparat aufzubauen. Die Zukunft liegt in der Integration: gleiche Dinge unterschiedlich aufzubereiten.
ZEIT: Sie sagen, die Elemente seien da, um Ihre Vision zu verwirklichen. Wann werden wir diese Vision sehen?
Aust: Sie werden nie ein finales Produkt sehen. Bei der Welt wird immer daran gearbeitet, noch besser zu werden. Gerade entwickeln wir eine neue Version von welt.de, die sehr viel schneller lädt. Es wird wohl die schnellste Nachrichten-Plattform im Internet in Deutschland sein.


Von Stefan Aust. Interview: Jana Gioia Baurmann und Götz Hamann.

14. Juli 2016 DIE ZEIT Nr. 28/2016

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