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ich grab mich dir zu



Zenki 4 Dogen


Das Ich,
die grosse Erde,
der leere Himmel.

Das ist Leben,
was mich leben lässt,
was ich leben lasse.

Was mich sein lässt
im bewegten Gefüge
der Momente.

Mein Ich,
das leben lässt,
das Leben,
das mich sein lässt.

Der leere Himmel,
die grosse Erde,
Ich.

© wRoo 2016



Jean-Luc Godard: Übrigens hat man mir von Anfang an beigebracht, Formen zu respektieren, also habe ich versucht, sie zu zerstören.

Eine Art geistiger Katastrophe

Satori ist das überraschende Aufflammen einer bislang nicht einmal erträumten neuen Wahrheit im Bewußtsein. Es ist eine Art geistiger Katastrophe, die plötzlich eintritt, wenn viel Stoff an Begriffen und Beweisen aufgehäuft worden ist. Dieses Aufstapeln hat die Grenze an Tragfähigkeit erreicht, das ganze Gebäude stürzt in sich zusammen, und siehe, ein neuer Himmel öffnet sich weit dem Blick.
(D.T. Suzuki: Die große Befreiung)

Grigory Sokolov: Beethoven "Hammerklavier" Piano Sonata No. 29, Op. 106

 

Wandlungen der Leere.

Jeder Augenblick zeigt, was geschieht. Ich entwickelte die Kompositionsmethode durch das Losen mit Münzen, die im Buch der Wandlungen verwendet wird. Man mag einwenden, dass von diesem Standpunkt aus alles geht.
Tatsächlich geht auch alles, aber nur wenn nichts zur Grundlage genommen wird. In einer völligen Leere kann alles stattfinden. Und unnötig es zu sagen, jeder Klang ist einmalig (kam zufällig vor, während gespielt wurde) und ist nicht informiert über europäische Geschichte und Theorie: Hällt man den Verstand auf die Leere gerichtet, auf den Raum, kann man sehen, es kann alles darin sein, ist tatsächlich darin.
(John Cage: Silence. S. 124f.)

Martin Heidegger: Philosophie ist etwas Urtümlich-Eigenständiges.



Jean-Luc Godard: Ich versuche das Dokumentarische und das Fiktive nicht als Gegensätze zu gebrauchen.

ich grab mich dir zu



Man muß lieben lernen.

So geht es uns in der Musik: erst muß man eine Figur und Weise überhaupt hören lernen, heraushören, unterscheiden, als ein Leben für sich isolieren und abgrenzen; dann braucht es Mühe und guten Willen, sie zu ertragen, trotz ihrer Fremdheit, Geduld gegen ihren Blick und Ausdruck, Mildherzigkeit gegen das Wunderliche an ihr zu üben –: endlich kommt ein Augenblick, wo[194] wir ihrer gewohnt sind, wo wir sie erwarten, wo wir ahnen, daß sie uns fehlen würde, wenn sie fehlte; und nun wirkt sie ihren Zwang und Zauber fort und fort und endet nicht eher, als bis wir ihre demütigen und entzückten Liebhaber geworden sind, die nichts Besseres von der Welt mehr wollen als sie und wieder sie. – So geht es uns aber nicht nur mit der Musik: gerade so haben wir alle Dinge, die wir jetzt lieben, lieben gelernt. Wir werden schließlich immer für unsern guten Willen, unsere Geduld, Billigkeit, Sanftmütigkeit gegen das Fremde belohnt, indem das Fremde langsam seinen Schleier abwirft und sich als neue unsägliche Schönheit darstellt –: es ist sein Dank für unsre Gastfreundschaft. Auch wer sich selber liebt, wird es auf diesem Wege gelernt haben: es gibt keinen anderen Weg. Auch die Liebe muß man lernen.
(Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.)

Du musst dein eigenes Glück für dich selbst entdecken.
(Kodo Sawaki)

Wir Feiglinge


Assad führt Krieg gegen Kinder und Krankenschwestern. Europa muss sich endlich einmischen. Es gäbe einen Weg.

Manchmal verdichtet sich im Schicksal eines Menschen das Wesen einer Katastrophe. Das Bild des Kinderarztes Mohammed Wasim Maas, getötet am 27. April bei einem Luftangriff syrischer Kampfbomber auf ein Krankenhaus in Aleppo, hat einen internationalen Aufschrei ausgelöst. Es war Augenzeugen zufolge ein gezielter Angriff. Mit Maas starben mehr als fünfzig Menschen – Ärzte, Krankenschwestern und Patienten. Für einen kurzen Moment wurde deutlich, was der "Bürgerkrieg" in Syrien im Kern ist: ein Krieg des Regimes gegen seine Bürger.

An all jene, die jetzt die Hand zum Einwand erheben: Nein, der IS ist nicht die tödlichste Kriegspartei in Syrien. Das ist mit großem Abstand das Regime. Und: Ja, alle Kampfparteien begehen Kriegsverbrechen. Aber keine bombardiert und stranguliert mit solcher Systematik die Zivilbevölkerung, wie es das Regime mit russischer und iranischer Hilfe tut. Assads Luftwaffe attackiert gezielt Krankenhäuser, Schulen, Marktplätze, auf denen Menschen Schlange stehen für das Wenige, was es noch zu kaufen gibt. In manchen belagerten Städten ernähren sich Bewohner von Gras und "Suppe" aus Wasser und Gewürzen. Kinder sterben an Unterernährung, Kranke aus Mangel an Medikamenten.

Auf den Genfer Verhandlungen ruhen kaum noch Hoffnungen

Es ist ein Krieg, in den Europa sich endlich einmischen muss. Nicht aufseiten irgendwelcher Rebellen. Sondern aufseiten von Syrern wie Mohammed Wasim Maas, die mit schier übermenschlicher Sturheit daran glauben, dass es besser ist, zu bleiben, als (nach Europa) zu fliehen. Und die an den Zielen der Proteste von 2011 festhalten: dem Ende von Repression und Korruption – und dem Abtritt Assads.

Fünf Jahre nach dem Beginn der Arabellionen klingt das grenzenlos naiv – vor allem in Anbetracht der aktuellen Lage: Die im Februar begonnene Waffenruhe in Syrien ist gescheitert, darüber können lokale Feuerpausen nicht hinwegtäuschen. Auf den Genfer Verhandlungsprozess setzt kaum noch jemand Hoffnung. Denn selbst wenn die Hotelzimmer für die Delegationen reserviert bleiben, ist eines klar: Baschar al-Assad, gut aufgerüstet aus russischen Beständen, setzt auf eine militärische Lösung. Seine Strategie: Wir bombardieren und belagern, bis man uns in Genf gibt, was wir wollen. Das Ziel ist Machterhalt um jeden Preis.

Bis auf Weiteres stellt sich ihm niemand in den Weg, nicht Wladimir Putin, der es könnte, noch Barack Obama, der es gar nicht erst versuchen will, noch die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran, die ihr geostrategisches Armdrücken auf dem Rücken der Syrer fortsetzen.

Bleibt ausgerechnet das von der Flüchtlingskrise angeschlagene Europa. Es geht hier um Himmels willen nicht um das nächste große Interventionsprojekt. Wie kontraproduktiv ein solches sein kann, wissen wir seit dem Irakkrieg. Aber es gibt einen Spielraum, der in den vergangenen Jahren sträflich verschenkt wurde.

Die Militarisierung der Nahostpolitik hat uns blind gemacht für jene syrischen Akteure, die keine Kalaschnikow in der Hand halten. Dass gerade in dem arabischen Land, in dem das Regime am brutalsten zurückschlug, demokratische Experimente der Selbstverwaltung entstanden – und bis heute bestehen –, ist untergegangen.

In den Wochen, in denen die Waffenruhe weithin eingehalten wurde, gingen die Menschen in den oppositionellen Gebieten wieder zu Tausenden auf die Straße. Gegen den IS, auch gegen islamistische Rebellen, vor allem aber gegen das Regime. Die "Wiederauferstehung" der Protestbewegung niederzuwalzen ist ein zentrales Ziel der jetzigen Bombardements und Belagerungen.

Über zwei Dutzend Abgeordnete aus vier europäischen Ländern – Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland – haben nun ihre Regierungen aufgefordert, die Hungerringe mit Luftbrücken zu durchbrechen, und zwar mithilfe der Flugzeuge, die in Syrien gegen den IS im Einsatz sind. Das ist machbar: Ausgerechnet Russland hat das bereits demonstriert, mit einer Luftbrücke für die Bewohner einer vom IS eingeschlossenen Stadt. "Die anhaltenden Belagerungen", schreiben die Abgeordneten, "sind eine Schande für Europa."

Luftbrücken gegen den Hunger wären eine erste europäische Initiative zum Schutz der Zivilbevölkerung in Syrien. Und ein Zeichen an das Regime, dass Europa nicht mehr tatenlos zusieht, wie ein Diktator weiter Abertausende Flüchtlinge produziert.

Von Andrea Böhm

19. Mai 2016 DIE ZEIT Nr. 20/2016, 4. Mai 2016

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