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Pallaksch





Freundlich
aber stumm
begrüßt wRoo
den Zuschaukünstler.
Er schweigt,
hört, sieht, fühlt
und staunt...

Psalm -
Ja,ja, .-)
Nein, nein...?-(
ein Koan

"Was soll das?!"
sagt der Zuschaukünstler
und spuckt aus.

wRoo weint eine Träne,
die im Gesicht erstarrt,
und lächelt.

Er küsst
den Zuschaukünstler, wie sonst nur
Honecker seine Freinde
küssen konnte.

wRoo 5/2016


Jean-Luc Godard: Ich habe angefangen, den Zuschauer zu denken, zu denken, dass es den Zuschauer gibt.

Gustav Mahler - Symphony No. 10
Vienna Philharmonic, Leonard Bernstein

 

Montage.

Diesen Aspekt der Montage muss man nämlich verstecken, er ist zu gefährlich. Es heisst, die Dinge zueinander in Beziehung setzen, damit man sie sieht, eine eindeutige Situation. Man muß immer zweimal sehen. Das ist es, was ich mit Montage meine, einfach etwas in Verbindung setzen.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S.16)

 Woody Allen: Ich bevorzuge Masturbation; dabei begegnet man einer besseren Klasse von Menschen.



Jean-Luc Godard: Ich denke nämlich ganz naiv.

Pallaksch



Gewebe der Gegenwart.

Wir versinken in Informationen, in Meinungen, in Ansichten. Ich weiß, dass meine Meinung nur meine Meinung ist. Es gibt aber drei andere Denkmodelle, die das anders sehen, ich kenne wiederum berechtigte Einwände gegen alle drei dieser Denkmodelle, aber ich weiß auch, dass meine Erkenntnis notwendig subjektiv ist und dass ich die Tendenz habe, mich zu täuschen. Ich kann mich also irren. Oder auch nicht. Wenn sich aber all das im Kopf eines Menschen abspielt, wie zeigt man einen Menschen, der über etwas nachdenkt? Wenn man das Gewebe der Gegenwart beschreiben will, wenn man beschreiben will, wie es sich anfühlt, heute zu leben, dann kann man das im Grunde nicht geradlinig tun.
Die Depression ist schmerzvoll, man wird aufgezehrt von sich selbst; je schlimmer die Depression ist, umso mehr denkst du nur noch über dich nach und umso fremder und abstoßender erscheinst du allen anderen.


(DFW: Der Klang der Gedanken.)

Wer eine bescheidene Blume an der zerbröckelten Mauer in ihrem Wesen verstanden hat, der hat die ganze Welt und alle Dinge diesseits und jenseits der Welt verstanden.
(D.T. Suzuki)

Der letzte Kuß, vorgestern nacht

Sie hat sie gut versteckt, jetzt wurden sie zufällig gefunden: Zwei intime Briefe des Dichters Paul Celan an seine Geliebte Ingeborg Bachmann.
Es ist wahrscheinlich die größte und unglücklichste Dichterliebe des 20. Jahrhunderts. Sie begann bald nach dem Krieg in Wien, im Winter 1948, endete zum ersten Mal im Winter 1950, flammt sieben Jahre später wieder auf, so heftig wie nie, und endet endgültig, traurig und verzweifelt, im Sommer 1958.
Es gibt – völlig unvorstellbar in unserer bildbesessenen Epoche – nur einen einzigen Schnappschuss des hohen Paares der deutschsprachigen Nachkriegslyrik. Das Foto zeigt Ingeborg Bachmann und Paul Celan als frisch entdeckte Wunderkinder des deutschen Literaturbetriebs, der damals gerade dabei war, sich selbst aus dem intellektuellen Nichts neu zu erfinden. Sie sitzen, 32 und 26 Jahre alt, im Mai 1952 in Niendorf an der Ostsee auf schwerem Gestühl vor leeren Tellern, nachdem sie beide gelesen haben vor den Herren der Gruppe 47. Zwei Monate zuvor hat Celan der Bachmann einen Abschiedsbrief geschrieben, einen von vielen. Er sei oft genug, schrieb er, "schonungslos" mit seiner Geliebten "ins Gericht" gegangen, nunmehr sei klar, "dass nur die Freundschaft" zwischen den beiden möglich sei, "das Andere", womit er wohl die Liebe meint, sei "unrettbar verloren". Einen geschenkten Ring aus dem Celanschen Familienerbe hatte sie ihm bereits zurückgeben müssen. An dem Abend, an dem das Foto geschossen wurde, war eigentlich schon alles vorbei.
Celan heiratet noch im selben Jahr die französische Grafikerin Gisèle de L’Estrange. 1955 kommt der Sohn Eric in Paris zur Welt. Etwa zur selben Zeit unterzieht sich die österreichische Studentin Britta Eisenreich nach einer Liebesaffäre mit Celan einer Abtreibung in Berlin. Ingeborg Bachmann geht mit dem Komponisten Hans Werner Henze nach Italien. Es folgen fünf Jahre Funkstille. "Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und habe verloren", schreibt Ingeborg Bachmann tief verletzt. Die schwierige Liebe zwischen dem bedeutendsten deutschsprachigen Nachkriegsdichter und der bedeutendsten österreichischen Nachkriegsautorin ist gescheitert.
Dann kommt der 11. Oktober 1957. Der deutsche Literaturbetrieb, auch damals schon fleißig, führt Ingeborg Bachmann und Paul Celan wieder zusammen. Beide nehmen an einer dreitägigen Tagung zur Literaturkritik in Wuppertal teil. Am 14. Oktober verbringt das Paar eine Nacht in einem Hotel in der kleinen Straße "Am Hof" unweit des Rheins.
Es muss ein Erdrutsch gewesen sein. In den Briefen der beiden, die im Jahr 2008 von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann unter dem Titel Herzzeit herausgegeben wurden, ist das Nachbeben zu spüren. Celan überschüttet die wiedergefundene Geliebte mit Gedichten: Weiss und Leicht, Rheinufer, Köln, Am Hof. Beinahe täglich läuft er, zurück in Paris und bei Gisèle, zum Briefkasten, um eine neue Gedichtdepesche nach München zu schicken, wo Ingeborg Bachmann vorübergehend eine "feste Stelle" als Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen bekleidet. Aus München zurück kommt zunächst: nichts. Dann, zwei Wochen nach der Liebesnacht am Rhein, ein erster Brief der Bachmann und ihr Entschluss: "Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen."
Man konnte bisher nur vermuten, dass es in dieser Hochphase des Briefwechsels ein Missing Link geben musste, das ein wenig Licht in das Dunkel bringt, in dem die aufsehenerregendste Liebesgeschichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die im Oktober 1957 zum ersten und einzigen Mal einer glücklichen Wendung nahe war, erneut scheiterte. Jetzt hat man das Missing Link gefunden: Auf dem Dachboden der Familie Bachmann in Klagenfurt lagen gut versteckt in einer Mappe zwischen Schulheften und Zeitungsausschnitten, die man als bedeutungslos eingestuft hatte, zwei außergewöhnliche Briefe Paul Celans, die er seiner Geliebten kurz nach der Kölner Nacht im Oktober 1957 geschrieben hat.
Wie kamen die Briefe auf den Klagenfurter Dachboden? Die Tübinger Literaturwissenschaftlerin Barbara Wiedemann, die sich durch ihre Herausgebertätigkeit für die kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte Celans und verschiedene Celan-Briefwechsel, unter anderem den mit Gisèle Celan-Lestrange, große Verdienste erworben hat, beantwortet die Frage, warum Ingeborg Bachmann das wichtigste Zeugnis dieser Liebe bei ihren Eltern versteckt hat, durchaus plausibel: "Offensichtlich sollten diese Briefe, die die einzigen sind, aus denen hervorgeht, dass Celan beabsichtigte oder in Erwägung zog, zu ihr zu ziehen und seine Familie zu verlassen, nicht mehr auftauchen." Die Celan-Forscherin wusste seit Langem von der Existenz zumindest eines dieser Briefe: "Wir haben uns immer gefragt, warum verschwindet so ein Brief? Dafür gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder war er so wichtig, dass Ingeborg Bachmann ihn immer bei sich trug. Oder er war so beunruhigend, dass er vernichtet wurde. Nun kommt eine dritte Möglichkeit ins Spiel: Sie hat ihn gut versteckt."
Die beiden Briefe bestehen aus vielen Einzelblättern, auf manchen stehen nur ein paar Worte. Auf einem Blatt steht "Ingeborg, Liebste", auf dem nächsten "Gisèle ist jetzt ruhig". Das sind offensichtlich Dinge, sagt Barbara Wiedemann, "die nicht auf einem Blatt stehen konnten. Celan wirkt wie vom Schlag getroffen, grenzenlos verliebt und völlig durcheinander."
"Wir sind verloren und verzweifelt genug."
Es sind Ausnahmebriefe, deren biografische und literaturgeschichtliche Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. "Die Briefe zeigen", sagt Barbara Wiedemann, "dass es ganz viele Möglichkeiten gab, wie die Beziehung hätte werden können. Für Celan war es offensichtlich denkbar, seine Familie zu verlassen. Sie haben aber auch eine wichtige Bedeutung für manche Gedichte, die man vor diesem Hintergrund neu lesen muss."
In wenigen Zeilen entfaltet sich auf diesen fliegenden Blättern das Drama zweier Leben, aber noch mehr das zweier einzigartiger dichterischer Werke, die sich tragisch ineinander verflochten haben. Celan spricht von seiner Ehefrau Gisèle und von den Freunden, dem Wiener Künstlerehepaar Nani und Klaus Demus. Wobei auch nach der rauschhaften Kölner Wiederbegegnung der Eindruck bestehen bleibt, dass diese Liebe sich eher in Versen als in Hotelzimmern erfüllt. Nur einmal erwähnt der verliebte Briefschreiber einen Kuss, das Substantiv Liebe fehlt völlig, wohingegen sehr ausführlich in nahezu jeder Zeile von Gedichten die Rede ist. Vorzugsweise: von seinen eigenen.
Wie stark Bachmanns Lyrik und ihr Todesarten-Zyklus vom dichterischen Kosmos Celans durchdrungen ist, war bekannt. "In diesen Briefen", betont Barbara Wiedemann, "erfährt man zum ersten Mal, dass Celan Bachmanns Gedichte liest. Er zitiert das Motto von Petrarca Dura legge d’Amor, das Bachmann ihren Liedern auf der Flucht vorangestellt hat. Und er erwähnt ihren Gedichtband Anrufung des großen Bären, den er sich selbst gekauft hat." Celan sorgt sich, was aus Bachmanns Gedichten werde, sollten die beiden zusammenleben. Was er nicht ahnen konnte: Ingeborg Bachmann wird nach der endgültigen Trennung von Celan bis zu ihrem Verbrennungstod in Rom 1973 keine Gedichte mehr schreiben.
Versteht man nun besser, woran die große Dichterliebe zerbrach? "Es war von vornherein eine unmögliche Begegnung zwischen einem Opfer der Schoah und einer jungen Frau, deren Familie im weitesten Sinn zum Täterkreis gehört", meint Barbara Wiedemann. Die Liebe zwischen der Tochter eines NSDAP-Mitgliedes der ersten Stunde und dem Sohn zweier Holocaust-Opfer habe nie eine Chance auf Glück gehabt. Wie eine Flaschenpost überfällt uns in diesen neu aufgefundenen Briefen noch einmal das Trauma des vergangenen Jahrhunderts, das in den Seelen der Nachgeborenen weiterbrennt. Celan, der am 20. April 1970, nach zwei Mordversuchen an seiner Frau Gisèle, in die Seine geht, nimmt das tragische Lebensende beider Liebender vorweg, als er in den letzten Zeilen dieser neuen Briefe schreibt: "Wir sind verloren und verzweifelt genug."

Von Iris Radisch
DIE ZEIT Nr. 19/2016, 28. April 2016
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