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das Augenkind



Hand in Hand

Eine Hand
Die Hand von einer der Schönen.
Die Frau ist schön,
so schön.
Eine Berührung,
Ich fasse ihre Hand
Gerne.
Einen Augenblick
Und sie, die Einsame der Schönen,
Fliegt,
Fliegt mit mir
Hand in Hand
Zu zweit.
Mit Mühen kann sie
Mir nur folgen.
Ich verliere an Höhe -
Ein Absturz droht.
Aber ich stütze sie,
Ich fasse sie an,
Greife an ihre Brust
Und hebe. Wir fliegen.
Verschämt schau
Ich zu ihr. Sie ist
So schön.
An der Brust stütze
Ich sie. Verschämt
Ihr Blick und der meine.
Doch dann die Bäume
Über den Köpfen der Vielen.
Tore, Tore - wir
Müssen dadurch.
© wRoo 2014


Joseph Beuys: Die Welt ist voller Rätsel, für diese Rätsel aber ist der Mensch die Lösung.

Du bist das Ende und der Anfang des Ganzen.

Bei uns gibt es keinen Gott, auch keinen Sohn Gottes, sondern »nur« einen Menschen, Buddha. Der gab sich große Mühe, lehrte den Weg und starb wie jeder andere Mensch, im hohen Alter.
»Lebe dein Leben vollständig!« Das ist mein Wort hier und jetzt. Und dein Wort? Wenn wir für unser

Prince - Purple Rain

 

Eine Geschichte erzählen.

Mir hat immer Schwierigkeiten bereitet, was man beim Film und generell "eine Geschichte erzählen" nennt, das heisst, um Null Uhr abfahren, einen Anfang machen und am Ende ankommen. Sie sind gezwungen, erst einen Anfang, eine Einleitung zu machen, dann eine Mitte, dann einen Schluss. Mich hat das immer gestört, ich habe es nie geschafft.
Ich bin immer ausgegangen von einer Idee, die nicht von mir war, weil es anders nicht geht. Jedenfalls habe dann einen Plan. Heute versuche ich, von gemachten Bildern auszugehen, vor die und an die man andere dransetzen kann.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S.64)

Warum denkt ihr so arges in euren Herzen? (Mt, 9, 4)

Herzzeit 2.0

John Cage:Wir müssen unsere Kunst so gebrauchen, daß sie unser Leben ändert - unserem Leben nützt.

wachsendes Steingrau



Gefahr des Glücklichsten.

Feine Sinne und einen feinen Geschmack haben; an das Ausgesuchte und Allerbeste des Geistes wie an die rechte und nächste Kost gewöhnt sein; einer starken, kühnen, verwegenen Seele genießen; mit ruhigem Auge und festem Schritte durch das Leben gehen, immer zum Äußersten bereit wie zu einem Feste, und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren, Menschen und Göttern; auf jede heitere Musik hinhorchen, als ob dort wohl tapfere Männer, Soldaten, Seefahrer sich eine kurze Rast und Lust machen, und im tiefsten Genusse des Augenblicks überwältig werden von Tränen und von der ganzen purpurnen Schwermut des Glücklichen: wer möchte nicht, daß das alles gerade sein Besitz, sein Zustand wäre! Es war das Glück Homers! Der Zustand dessen, der den Griechen ihre Götter – nein, sich selber seine Götter erfunden hat! Aber man verberge es sich nicht: mit diesem Glück Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne! Und nur um diesen Preis kauft man die kostbarste Muschel, welche die Wellen des Daseins bisher ans Ufer gespült haben! Man wird als ihr Besitzer immer feiner im Schmerz, und zuletzt zu fein: ein kleiner Mißmut und Ekel genügte am Ende, um Homer das Leben zu verleiden. Er hatte ein törichtes Rätselchen, das ihm junge Fischer aufgaben, nicht zu raten vermocht! Ja, die kleinen Rätsel sind die Gefahr der Glücklichsten!
(Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.)

Wir sind immer im Jetzt-Hier.
(Nakagawa Roshi)

Der letzte Kuß, vorgestern nacht

Sie hat sie gut versteckt, jetzt wurden sie zufällig gefunden: Zwei intime Briefe des Dichters Paul Celan an seine Geliebte Ingeborg Bachmann.
Es ist wahrscheinlich die größte und unglücklichste Dichterliebe des 20. Jahrhunderts. Sie begann bald nach dem Krieg in Wien, im Winter 1948, endete zum ersten Mal im Winter 1950, flammt sieben Jahre später wieder auf, so heftig wie nie, und endet endgültig, traurig und verzweifelt, im Sommer 1958.
Es gibt – völlig unvorstellbar in unserer bildbesessenen Epoche – nur einen einzigen Schnappschuss des hohen Paares der deutschsprachigen Nachkriegslyrik. Das Foto zeigt Ingeborg Bachmann und Paul Celan als frisch entdeckte Wunderkinder des deutschen Literaturbetriebs, der damals gerade dabei war, sich selbst aus dem intellektuellen Nichts neu zu erfinden. Sie sitzen, 32 und 26 Jahre alt, im Mai 1952 in Niendorf an der Ostsee auf schwerem Gestühl vor leeren Tellern, nachdem sie beide gelesen haben vor den Herren der Gruppe 47. Zwei Monate zuvor hat Celan der Bachmann einen Abschiedsbrief geschrieben, einen von vielen. Er sei oft genug, schrieb er, "schonungslos" mit seiner Geliebten "ins Gericht" gegangen, nunmehr sei klar, "dass nur die Freundschaft" zwischen den beiden möglich sei, "das Andere", womit er wohl die Liebe meint, sei "unrettbar verloren". Einen geschenkten Ring aus dem Celanschen Familienerbe hatte sie ihm bereits zurückgeben müssen. An dem Abend, an dem das Foto geschossen wurde, war eigentlich schon alles vorbei.
Celan heiratet noch im selben Jahr die französische Grafikerin Gisèle de L’Estrange. 1955 kommt der Sohn Eric in Paris zur Welt. Etwa zur selben Zeit unterzieht sich die österreichische Studentin Britta Eisenreich nach einer Liebesaffäre mit Celan einer Abtreibung in Berlin. Ingeborg Bachmann geht mit dem Komponisten Hans Werner Henze nach Italien. Es folgen fünf Jahre Funkstille. "Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und habe verloren", schreibt Ingeborg Bachmann tief verletzt. Die schwierige Liebe zwischen dem bedeutendsten deutschsprachigen Nachkriegsdichter und der bedeutendsten österreichischen Nachkriegsautorin ist gescheitert.
Dann kommt der 11. Oktober 1957. Der deutsche Literaturbetrieb, auch damals schon fleißig, führt Ingeborg Bachmann und Paul Celan wieder zusammen. Beide nehmen an einer dreitägigen Tagung zur Literaturkritik in Wuppertal teil. Am 14. Oktober verbringt das Paar eine Nacht in einem Hotel in der kleinen Straße "Am Hof" unweit des Rheins.
Es muss ein Erdrutsch gewesen sein. In den Briefen der beiden, die im Jahr 2008 von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann unter dem Titel Herzzeit herausgegeben wurden, ist das Nachbeben zu spüren. Celan überschüttet die wiedergefundene Geliebte mit Gedichten: Weiss und Leicht, Rheinufer, Köln, Am Hof. Beinahe täglich läuft er, zurück in Paris und bei Gisèle, zum Briefkasten, um eine neue Gedichtdepesche nach München zu schicken, wo Ingeborg Bachmann vorübergehend eine "feste Stelle" als Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen bekleidet. Aus München zurück kommt zunächst: nichts. Dann, zwei Wochen nach der Liebesnacht am Rhein, ein erster Brief der Bachmann und ihr Entschluss: "Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen."
Man konnte bisher nur vermuten, dass es in dieser Hochphase des Briefwechsels ein Missing Link geben musste, das ein wenig Licht in das Dunkel bringt, in dem die aufsehenerregendste Liebesgeschichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die im Oktober 1957 zum ersten und einzigen Mal einer glücklichen Wendung nahe war, erneut scheiterte. Jetzt hat man das Missing Link gefunden: Auf dem Dachboden der Familie Bachmann in Klagenfurt lagen gut versteckt in einer Mappe zwischen Schulheften und Zeitungsausschnitten, die man als bedeutungslos eingestuft hatte, zwei außergewöhnliche Briefe Paul Celans, die er seiner Geliebten kurz nach der Kölner Nacht im Oktober 1957 geschrieben hat.
Wie kamen die Briefe auf den Klagenfurter Dachboden? Die Tübinger Literaturwissenschaftlerin Barbara Wiedemann, die sich durch ihre Herausgebertätigkeit für die kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte Celans und verschiedene Celan-Briefwechsel, unter anderem den mit Gisèle Celan-Lestrange, große Verdienste erworben hat, beantwortet die Frage, warum Ingeborg Bachmann das wichtigste Zeugnis dieser Liebe bei ihren Eltern versteckt hat, durchaus plausibel: "Offensichtlich sollten diese Briefe, die die einzigen sind, aus denen hervorgeht, dass Celan beabsichtigte oder in Erwägung zog, zu ihr zu ziehen und seine Familie zu verlassen, nicht mehr auftauchen." Die Celan-Forscherin wusste seit Langem von der Existenz zumindest eines dieser Briefe: "Wir haben uns immer gefragt, warum verschwindet so ein Brief? Dafür gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder war er so wichtig, dass Ingeborg Bachmann ihn immer bei sich trug. Oder er war so beunruhigend, dass er vernichtet wurde. Nun kommt eine dritte Möglichkeit ins Spiel: Sie hat ihn gut versteckt."
Die beiden Briefe bestehen aus vielen Einzelblättern, auf manchen stehen nur ein paar Worte. Auf einem Blatt steht "Ingeborg, Liebste", auf dem nächsten "Gisèle ist jetzt ruhig". Das sind offensichtlich Dinge, sagt Barbara Wiedemann, "die nicht auf einem Blatt stehen konnten. Celan wirkt wie vom Schlag getroffen, grenzenlos verliebt und völlig durcheinander."
"Wir sind verloren und verzweifelt genug."
Es sind Ausnahmebriefe, deren biografische und literaturgeschichtliche Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. "Die Briefe zeigen", sagt Barbara Wiedemann, "dass es ganz viele Möglichkeiten gab, wie die Beziehung hätte werden können. Für Celan war es offensichtlich denkbar, seine Familie zu verlassen. Sie haben aber auch eine wichtige Bedeutung für manche Gedichte, die man vor diesem Hintergrund neu lesen muss."
In wenigen Zeilen entfaltet sich auf diesen fliegenden Blättern das Drama zweier Leben, aber noch mehr das zweier einzigartiger dichterischer Werke, die sich tragisch ineinander verflochten haben. Celan spricht von seiner Ehefrau Gisèle und von den Freunden, dem Wiener Künstlerehepaar Nani und Klaus Demus. Wobei auch nach der rauschhaften Kölner Wiederbegegnung der Eindruck bestehen bleibt, dass diese Liebe sich eher in Versen als in Hotelzimmern erfüllt. Nur einmal erwähnt der verliebte Briefschreiber einen Kuss, das Substantiv Liebe fehlt völlig, wohingegen sehr ausführlich in nahezu jeder Zeile von Gedichten die Rede ist. Vorzugsweise: von seinen eigenen.
Wie stark Bachmanns Lyrik und ihr Todesarten-Zyklus vom dichterischen Kosmos Celans durchdrungen ist, war bekannt. "In diesen Briefen", betont Barbara Wiedemann, "erfährt man zum ersten Mal, dass Celan Bachmanns Gedichte liest. Er zitiert das Motto von Petrarca Dura legge d’Amor, das Bachmann ihren Liedern auf der Flucht vorangestellt hat. Und er erwähnt ihren Gedichtband Anrufung des großen Bären, den er sich selbst gekauft hat." Celan sorgt sich, was aus Bachmanns Gedichten werde, sollten die beiden zusammenleben. Was er nicht ahnen konnte: Ingeborg Bachmann wird nach der endgültigen Trennung von Celan bis zu ihrem Verbrennungstod in Rom 1973 keine Gedichte mehr schreiben.
Versteht man nun besser, woran die große Dichterliebe zerbrach? "Es war von vornherein eine unmögliche Begegnung zwischen einem Opfer der Schoah und einer jungen Frau, deren Familie im weitesten Sinn zum Täterkreis gehört", meint Barbara Wiedemann. Die Liebe zwischen der Tochter eines NSDAP-Mitgliedes der ersten Stunde und dem Sohn zweier Holocaust-Opfer habe nie eine Chance auf Glück gehabt. Wie eine Flaschenpost überfällt uns in diesen neu aufgefundenen Briefen noch einmal das Trauma des vergangenen Jahrhunderts, das in den Seelen der Nachgeborenen weiterbrennt. Celan, der am 20. April 1970, nach zwei Mordversuchen an seiner Frau Gisèle, in die Seine geht, nimmt das tragische Lebensende beider Liebender vorweg, als er in den letzten Zeilen dieser neuen Briefe schreibt: "Wir sind verloren und verzweifelt genug."

Von Iris Radisch
DIE ZEIT Nr. 19/2016, 28. April 2016
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