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myArt160422



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lauter Wörter und kein einziges Wort



Hand in Hand

Eine Hand
Die Hand von einer der Schönen.
Die Frau ist schön,
so schön.
Eine Berührung,
Ich fasse ihre Hand
Gerne.
Einen Augenblick
Und sie, die Einsame der Schönen,
Fliegt,
Fliegt mit mir
Hand in Hand
Zu zweit.
Mit Mühen kann sie
Mir nur folgen.
Ich verliere an Höhe -
Ein Absturz droht.
Aber ich stütze sie,
Ich fasse sie an,
Greife an ihre Brust
Und hebe. Wir fliegen.
Verschämt schau
Ich zu ihr. Sie ist
So schön.
An der Brust stütze
Ich sie. Verschämt
Ihr Blick und der meine.
Doch dann die Bäume
Über den Köpfen der Vielen.
Tore, Tore - wir
Müssen dadurch.
© wRoo 2014


John Cage: Verschiedene Techniken können zusammen auftreten, alle zur gleichen Zeit.

Herz-Sutra

Form ist Leerheit,
Leerheit ist Form.
Form unterscheidet sich nicht von Leerheit,
Leerheit unterscheidet sich nicht von Form.
Was daher Form ist, das ist Leerheit,
was Leerheit ist, das ist Form.
Das gilt für alle fünf skandhas gleichermaßen:
für Körper, Empfindung, Wahrnehmung,
Willensimpulse und für Bewußtsein.
Alle Dinge dieser Welt
erscheinen als Form und als Substanz.
Das ist nichts anderes als ihre Leerheit:
Sie entstehen nicht und vergehen nicht.
Sie sind weder rein noch unrein.
Sie nehmen nicht zu und nehmen nicht ab.
In der Leerheit gibt es also keinen Körper, keine Empfindung,
keine Wahrnehmung, keinen Willensimpuls und kein Bewußtsem.
Es gibt weder Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper noch Geist,
weder Formen, Töne, Duft, Geschmack,
Berührbares noch Denkbares.
Es gibt weder die Welt der Sinne
noch die Welt des Bewußtseins.
Da ist auch keine Unwissenheit und kein Ende von Unwissenheit.
Da gibt es weder Alter und Tod noch die Überwindung von
Alter und Tod;
kein Leiden, keine Ursache, kein Ende des Leidens
und auch keinen Weg, der zum Ende des Leidens führt.
In der Leerheit ist kein Erkennen und kein Erreichen,
weil es da nichts zu erreichen gibt.
(Herz-Sutra)

Prince - Purple Rain

 

Das Buch der Wandlungen.

Die Wandlungen sind ein Buch,
Dem man nicht ferne bleiben darf.
Sein SINN ist stets wechselnd,
Veränderung, Bewegung ohne Rast,
Durchfließend die sechs leeren Plätze;
Sie steigen auf und fallen ohn’ Verharren,
Die Festen und die Weichen wandeln sich.
Man kann sie nicht in eine Regel schließen;
Nur Anderung ist es, was hier wirkt.
(I Ging.)

Marcel Proust: Die Erschaffung der Welt hat nicht ein für allemal stattgefunden [...], sie findet unabwendbar alle Tage wieder statt.

Herzzeit 2.0

Das Gedicht ist als Gedicht dunkel.

ich grab mich dir zu



Hohe Stimmungen.

Mir scheint es, daß die meisten Menschen an hohe Stimmungen überhaupt nicht glauben, es sei denn für Augenblicke, höchstens Viertelstunden, – jene wenigen ausgenommen, welche eine längere Dauer des hohen Gefühls aus Erfahrung kennen. Aber gar der Mensch eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen großen Stimmung sein – das ist bisher nur ein Traum und eine entzückende Möglichkeit gewesen: die Geschichte gibt uns noch kein sicheres Beispiel davon.
(Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.)

Was immer es ist, es ist gut - alle Dinge sind Buddha. Und es gibt noch nicht einmal einen Buddha.
(Shunryu Suzuki)

Da ist nichts vorbei

Der Deal mit der Türkei mag Deutschland eine kurze Atempause verschaffen, mehr aber nicht. Die nächsten Flüchtlinge machen sich schon bereit. Tun wir es auch?
Tag schließt irgendwo in Deutschland eine Flüchtlingsnotunterkunft. Container werden abgebaut, den Sicherheits- und Cateringdiensten wird gekündigt. Umgewidmete Möbelhäuser werden wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt. Ein Truppenübungsplatz wird das, was er vorher war. In vielen Bundesländern lag im März die Auslastungsquote der Flüchtlingsnotunterkünfte bei unter 50 Prozent.
Seit vergangenem Dezember sinkt die Zahl der Ankommenden: 90.000 im Januar, 60.000 im Februar, 20.000 im März. Dafür ist die Zahl der Asylanträge in Deutschland um 112 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal 2015 gestiegen, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge jetzt imstande ist, Anträge von Flüchtlingen entgegenzunehmen, die seit Monaten auf einen Termin warten.
Ruhe kehrt ein, und etwas scheint zu Ende zu gehen. Ist die Flüchtlingskrise etwa vorbei?
Das hängt davon ab, was mit dem Wort Flüchtlingskrise gemeint ist. Ist gemeint, dass die Flüchtlinge eine Krise verursacht haben? Ist also unsere Krise gemeint, die der Deutschen? Unsere Angst vor dem Kontrollverlust, ausgelöst durch Bilder von Menschen, die auf Behördenfluren kampieren? Ist die Peinlichkeit gemeint, die wir empfinden, weil unsere Verwaltung gar nicht so einwandfrei funktioniert, wie wir angenommen hatten? Ja, dieser Kummer ist halbwegs verwunden. Die Fernsehnachrichten handeln jetzt von anderen Themen: von auszubauenden Autobahnen oder von der Rente. Das Land diskutiert, ob eine Beleidigung auch eine Beleidigung ist, wenn sie satirisch gemeint ist. Man kann sagen: Die Lage hat sich entspannt.
Wenn aber das Wort Flüchtlingskrise bedeutet, dass Menschen auf der Flucht sind, weshalb ihr Leben zu einer Krise wird, dann ist gar nichts vorbei. Da gibt es zum Beispiel die Syrer. Für einige mag es sich gerade zum Guten wenden. Das sind die Syrer in den türkischen Flüchtlingscamps. Sie haben die Perspektive, nach Europa zu gelangen, ohne ihr Leben zu riskieren. Sie brauchen etwas Geduld, ob das historische Experiment gelingt, das Abkommen zwischen der EU und der Türkei. Und sie brauchen Glück, um zu den 72.000 Menschen zu gehören, welche die EU zunächst aufzunehmen bereit ist.
Aber dann gibt es da noch die anderen Syrer. Die Zehntausenden, die an der türkisch-syrischen Grenze festsitzen, weil die Türkei sie nicht einreisen lässt. Sie sind von einem Kriegsgebiet in ein anderes geflohen, denn hier kämpfen Rebellen, IS und Kurden gegeneinander. In Idomeni an der Grenze zu Mazedonien harren Syrer in feuchten Zelten aus, in der falschen Hoffnung, Griechenland Richtung Norden verlassen zu dürfen. Nicht zu vergessen die Syrer, die keine Flüchtlinge sind, zum Beispiel die Bewohner von Deir al-Sur, einer vom IS eingenommenen Stadt, die Assad von der Versorgung abgeschnitten hat, was wiederum zu einer Hungersnot geführt hat.
Die Zahl der in Deutschland zurückgewonnenen Möbelhäuser scheint also nicht hinreichend Aufschluss zu geben über den Zustand der Welt. Welche Zahlen könnten sich stattdessen eignen?
352. So viele Flüchtlinge sind dieses Jahr im Mittelmeer zwischen Afrika und Europa ertrunken. Weitere 400 Menschen sollen am vergangenen Montag umgekommen sein, wobei die Angaben bis zum Redaktionsschluss am Dienstagabend nicht bestätigt wurden. Nach dem Deal zwischen der EU und der Türkei Ende März kommen zwar nur noch ein paar Dutzend Flüchtlinge täglich in Griechenland an. Dafür aber steigt seit Jahresbeginn die Zahl der Migranten, die in mehr oder weniger seetauglichen Schiffen von Libyen nach Italien übersetzen. Die Flüchtlinge werden von der italienischen Küstenwache und von Hilfsorganisationen aufgegriffen und gehen auf Lampedusa oder Sizilien an Land. In den ersten Aprilwochen wurden bis zu 1.800 Ankommende am Tag gezählt. Der französische Verteidigungsminister sagte in einem Interview, 800.000 Menschen warteten in Libyen darauf, in Boote zu steigen, er nennt für seine Schätzung allerdings keine Quellen. Der EU-Ratspräsident Donald Tusk spricht von einer "alarmierenden Zahl".
Österreich hat reagiert und an seiner Grenze zu Italien am Brenner Strukturen geschaffen, die eine schnelle Schließung möglich machen: als wolle man das Bühnenbild vorbereiten, um das Drama aus dem vergangenen Jahr noch einmal aufzuführen. Doch zum einen gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass die Migranten in großer Zahl Richtung Norden weiterziehen, so wie die Syrer den Balkan durchquerten, statt sich in Griechenland niederzulassen.
Die Flüchtlingspolitik in Phase drei
Zum anderen ist niemand dazu verurteilt, Fehler zu wiederholen. Deutschland gerät nicht zwangsläufig wieder in eine Krise, wenn bald mehr Flüchtlinge herkommen sollten. Wir haben im vergangenen Jahr dazugelernt.
Die Verwaltung funktioniert besser. Das Gefühl, überrannt zu werden, wird sich nicht mehr so leicht einstellen. Einige Notunterkünfte bleiben eingerichtet, selbst wenn sie erst mal zu Teilen leer stehen, weil die Regierung damit rechnet, dass immer wieder Flüchtlinge, auch sehr viele, herkommen werden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat sich nach jahrelangen Versäumnissen der neuen Realität angepasst und umstrukturiert und aufgestockt.
Hinter dieser Entwicklung steht eine grundsätzliche Erkenntnis aus dem vergangenen Jahr: dass ein kleines Meer oder auch eine Wüste die Leute nicht davon abhält, ihr Leben vor Gewalt und Armut zu uns zu retten. Sollte es den Menschen aus beispielsweise Gambia gelingen, Sahara, Mittelmeer, Italien, Alpen und Österreich hinter sich zu lassen, um in Deutschland Zuflucht zu suchen – diese aus der Not geborene Zähigkeit wäre uns nicht mehr ganz neu.
Das ist insofern wichtig, als die Nervosität, mit der hierzulande auf die Ankunft der Flüchtlinge reagiert wurde, viel mit der Ignoranz zu tun hat, mit der die deutsche Politik sie behandelte, bevor sie plötzlich in bayerischen Vorgärten standen. Die Deutschen dachten immer: Lampedusa ist eine italienische Insel. Liegt Deutschland etwa am Mittelmeer? Es war dann im vergangenen Jahr so, als hätten die Flüchtlinge unser Versteck doch noch entdeckt. Jahrzehntelang war Deutschland zwar eine Top-Exportnation gewesen, aber wundersamerweise hatte so viel Reichtum kaum Begehrlichkeiten unter den Armen dieser Welt geweckt. Entsprechend groß war der Schreck, als ein administratives Konstrukt namens Dublin-Übereinkommen das Land nicht davor bewahren konnte, am Weltgeschehen teilzunehmen.
Noch mal kann die Wirklichkeit uns nicht überrumpeln, wir kennen sie jetzt. Es kann also eine neue Phase der Flüchtlingspolitik beginnen, Phase drei nach Ahnungslosigkeit und Hysterie sozusagen. Wie könnte sie aussehen?
Man könnte sich vornehmen, sich diesmal von Anfang an über die Begriffe im Klaren zu sein, die man verwendet. Es beginnt mit der Feststellung, dass der Terminus "alternative Flüchtlingsroute", wie die Route Nordafrika–Italien jetzt genannt wird, in einem Punkt falsch ist: Diejenigen, die über Italien nach Europa gelangen, sind keine Syrer, die auf diese Route ausweichen, weil der Balkan dicht ist. Es sind Flüchtlinge aus Afrika. Ihre Zahl steigt nur deshalb an, weil das Wetter besser wird und Stürme im Mittelmeer im Frühling seltener sind. Man kann mit etwas Glück auch ohne teure Schutzkleidung das Meer in einem offenen Boot überqueren, ohne zu erfrieren.
Das heißt, es kommen noch mehr Menschen, zusätzlich zu den Kontingentflüchtlingen aus der Türkei. Doch das ist nicht die größte Herausforderung. Die liegt darin, dass diejenigen, die in Italien eintreffen, kaum Kriegsflüchtlinge sind, sondern sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge.
Das Wort Wirtschaftsflüchtling wurde bislang gebraucht, um das Mitleid zu sortieren. In dem Wort liegt die Hoffnung, dass viele Flüchtlinge gar keinen Grund haben zu fliehen. Einen Wirtschaftsflüchtling stellt man sich von hier aus als jemanden vor, der beruflich glücklos ist, von solchen Leuten kennt man selbst einige: Nicht schön, aber nicht jeder kann es zu etwas bringen.
Es könnte allerdings sein, dass das Wort Wirtschaftsflüchtling das nächste Jahr nicht überleben wird. Beispiel Niger. Das Land südlich von Libyen war früher französische Kolonie. Wichtigstes Handelsgut ist Uran, der von den Franzosen in großen Mengen abgebaut wird. Der Nebeneffekt ist, dass die Strahlung in einigen Teilen des Landes zu hoch ist. Umweltschützer beklagen, dass teilweise auch das Trinkwasser verstrahlt ist. Weideflächen werden unbrauchbar, die Wüste breitet sich weiter aus. Niger belegt im Human Development Index der UN den letzten Platz.
Jetzt hat man eine neue Einnahmequelle entdeckt. Migranten aus Westafrika kommen in Agadez in der Mitte des Landes zusammen, Schlepper organisieren die Durchquerung der Sahara nach Libyen, einem Staat ohne durchsetzungsfähige Sicherheitskräfte, um die Flüchtlinge in die Boote zu setzen.
Aber wieso eigentlich braucht Frankreich so viel Atomstrom, dass es ein ganzes Land in den Ruin treibt? Man ahnt schon, wie die Antwort lautet: Frankreich exportiert Strom, und zwar besonders gern an das Volk, das an den Rand des Nervenzusammenbruchs gerät, wenn sich irgendwo unvorhergesehen eine Warteschlange bildet, nämlich an uns. Das heißt: Wenn hier die Wäsche strahlend rein aus der Maschine kommt, hat sich in Niger die Sahara wieder ein Stück Land einverleibt.
Das Wissen über diese Ungerechtigkeit von sich zu weisen – dabei hilft die sprachliche Konstruktion Wirtschaftsflüchtling. Sie erlaubt es, dass man morgens in den Spiegel blicken kann. Vielleicht könnte man die Energie, die die Verdrängung kostet, auch anders einsetzen. Es werden weiterhin Afrikaner nach Europa kommen, auch wenn in Österreich ein Pass geschlossen wird – seit Jahren steigt ihre Zahl.
Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi hat in dieser Woche Vorschläge gemacht, wie man das Prinzip des Türkei-Deals für afrikanische Flüchtlinge anwenden könnte: wie man Migranten von der gefährlichen Reise abhält, indem man ihnen Aussicht auf kontrollierte Einwanderung bietet. So ein Vertrag wird nicht schnell zustande kommen. In Libyen gibt es nicht mal einen zweifelhaften Machthaber wie Erdoğan, nur eine fragile Regierung oder zwei oder drei. Trotzdem kann Renzis Plan die EU bei der Aufarbeitung ihrer eigenen Flüchtlingskrise voranbringen, denn sie könnte jetzt erkennen: Nicht Angela Merkel hat die Migration erfunden. Sie scheint wirklich etwas Europäisches zu sein.
Die Deutschen haben das syrische Volk in ihren Gleichheitsgedanken aufgenommen. Das hätte man sich lange nicht vorstellen können. Doch es gab darüber bei allem Streit nie Uneinigkeit. 93 Prozent der Deutschen wollen laut Umfragen, dass Kriegsflüchtlinge hier Asyl finden. Die offenen Fragen der Flüchtlingspolitik in Phase drei sind diese: Wollen die Deutschen Kontingente afrikanischer Migranten aufnehmen? Fühlt sich hier jemand für die Weiden und Wälder in Niger mitverantwortlich? Oder auch: War das vergangene Jahr erst der Anfang?

Von Elisabeth Raether
DIE ZEIT Nr. 18/2016, 21. April 2016
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