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Tausendkristall



Hochkultur


Fassbomben in der Waffenruhe,
Die Truppen ziehen vor,
Der Rubel rollt,
Die Hochkultur lebt:
Rechtsradikale werden zu Denkern,
Heimatlose zu Grabschern.

16 belagerte Orte,
Fäkalien,
Kein Essen,
Kugeln,
Wenn Du den Kopf rausstreckst.
Kinder sterben.
Keine Hilfe.
That's it.

Die Truppen ziehen vor,
Der Rubel rollt,
Die Hochkultur lebt.
Frieden in der Presse,
Hochkultur.

2016,
ein Jahr des Glaubens,
der Menschenrechte,
Der Brandsätze.

Menschenrechte?
Humanismus?
Hochkultur?
Der Fußpilz juckt.

Was bleibt?
Die Liebe, nur die Liebe.
Für wen?

Bisschen Sex hier
Und da.

Geiz ist geil!
Der Rubel rollt.
Der Euro rollt.
Verpisst Euch!

Welche Kultur verteidigen wir?
Was ist das, was uns glauben läßt?

Werte.
Blut fliesst.
Es rollt.
Werte?

That's it.

No way,
I don't like Mondays.

Es kotzt mich an.

© wRoo 2016


Novalis: Der Dichter betet den Zufall an.

Vom Urgrund des Daseins.

Die menschliche Geburt ist wie ein Feuer; Vater und Mutter sind die Steine und das Kind der Funken, den sie erzeugen. Der Sex zwischen Mann und Frau erzeugt den Funken des Lebens. Das Feuer brennt so lange, bis sein Brennstoff erschöpft ist. Auch die Eltern kommen aus der Leere, dem Ursprung jeder Form, und werden vergehen. Befreit euch von den Formen und kehrt zum Urgrund des Daseins zurück. Aus diesem entsteht das Leben. Doch auch daran sollt ihr nicht festhalten.
(Ikkyu Sôjun)

Verdi - Requiem

 

Originalität.

»Heute«, beklagte sich Herr K., »gibt es Unzählige, die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können, und dies wird allgemein gebilligt. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi verfaßte noch im Mannesalter ein Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt. Infolgedessen werden Gedanken nur in eigner Werkstatt hergestellt, indem sich der faul vorkommt, der nicht genug davon fertig bringt. Freilich gibt es dann auch keinen Gedanken, der übernommen werden, und auch keine Formulierung eines Gedankens, die zitiert werden könnte. Wie wenig brauchen diese alle zu ihrer Tätigkeit! Ein Federhalter und etwas Papier ist das einzige, was sie vorzeigen können! Und ohne jede Hilfe, nur mit dem kümmerlichen Material, das ein einzelner auf seinen Armen herbeischaffen kann, errichten sie ihre Hütten! Größere Gebäude kennen sie nicht als solche, die ein einziger zu bauen imstande ist!«
(Bertolt Brecht: Geschichten von Herrn Keuner.)

 Novalis: Unser Leben ist kein Traum - aber es soll und wird vielleicht einer werden.

Herzzeit 2.0

John Cage: Jedes etwas ist ein Echo von nichts.

Es waren Augenblicke



Gleichnis.

Jene Denker, in denen alle Sterne sich in kyklischen Bahnen bewegen, sind nicht die tiefsten; wer in sich wie in einen ungeheuren Weltraum hineinsieht und Milchstraßen in sich trägt, der weiß auch, wie unregelmäßig alle Milchstraßen sind; sie führen bis ins Chaos und Labyrinth des Daseins hinein.
(Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.)

Praxis bedeutet: den Ort, an dem du jetzt stehst, zum Paradies zu machen, das Himmelreich unter deinen Füßen zu entdecken.
(Kodo Sawaki)

Die Kunst hält das aus

Anruf in einem Hotel in Philadelphia: Hélène Grimaud ist gerade auf USA-Tournee und hat unter einem Pseudonym eingecheckt, das wir natürlich nicht verraten, sonst hätten die Stalker und Fans, die mit Stofftier-Wölfen hinter ihr her sind, leichtes Spiel. Seit ein paar Jahren lebt die 46-jährige Französin wieder in New York. Etwas weiter nordöstlich, in South Salem, liegt das Wolf Conservation Center, das sie 1999 zur Rettung wild lebender Wölfe gegründet hat. Die Musikwelt betrachtete dieses Engagement anfangs misstrauisch und tippte auf eine PR-Aktion. Längst aber spricht der Ernst für sich, mit dem Grimaud ihre Umweltschutz-Projekte vorantreibt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Schnittmengen bilden würden zwischen Kunst und Natur, musikalischen und außermusikalischen Ideen. Hélène Grimauds neue CD "Water" legt davon ein exzentrisches Zeugnis ab.
DIE ZEIT: Frau Grimaud, im vergangenen Jahr haben Sie zweimal mit dem bildenden Künstler Douglas Gordon zusammengearbeitet, in zwei spektakulären szenischen Installationen in New York und in Manchester. Jetzt machen Sie eine CD, an der auch Greenpeace Freude hätte. Trügt der Eindruck, dass die absolute Musik Ihnen auf der Bühne nicht mehr genügt?
Hélène Grimaud: Der trügt definitiv! Ich bin gestern aus Detroit gekommen, wo ich mit Leonard Slatkin und dem Detroit Symphony Orchestra beide Brahms-Klavierkonzerte gespielt habe. In Philadelphia spiele ich mit Yannick Nézet-Séguin, wieder Brahms, und der Rest der Saison besteht aus Mozart- und Bach-Konzerten. Das ist mein täglich Brot. Alles andere nimmt nur einen sehr kleinen Teil meiner Arbeit ein. Das ist ein fremdes Reich, das ich ab und zu betrete. Ich finde es enorm wichtig, dass alles Szenische so abstrakt wie möglich bleibt. Es geht nicht darum, den Zuschauern zu sagen, was sie fühlen sollen, es geht darum, eine Welt zu schaffen, die es ihnen ermöglicht, Gefühle zu erleben.
ZEIT: Dennoch könnte man auch Ihre Water-CD als Misstrauensantrag an die Musik verstehen: Die Musik scheint mehr zu brauchen als sich selbst, ein Programm oder ein ästhetisches Surplus.
Grimaud: Ich sehe das genau andersherum: Jede Partitur ist eine Art heilige Schrift, die zum Leben erweckt werden will und muss. Dieses Leben kann gar nicht prall genug sein. Ich meine nicht Parameter wie Qualität oder Quantität, die zählen auch, keine Frage. Das Wesentliche aber geht darüber hinaus. Es gibt keinen Grund, eine Partitur nicht voll auszuschöpfen. Verstehen Sie? Solange ich sorgfältig mit ihr umgehe, kann der Musik nichts passieren, sie ist immer stark. Jede Interpretation ist letztlich nur eine Deklination. Und wenn eine bildhafte, szenische oder programmatische Annäherung bedeutet, dass das Repertoire weiterlebt, ergreife ich die Chance.
ZEIT: Fürchten Sie denn, dass ein gewisses Repertoire aussterben könnte? Ihr Water-Programm versammelt Musik aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert, von Albéniz über Janáček bis Takemitsu.
Grimaud: Auch mit Stücken von Liszt, Ravel und Debussy hätte man ein sehr schönes Water-Programm zusammenstellen können. Aber ich wollte Schönheit, ich wollte Vielfalt, mir ging es um die Korrespondenzen zwischen den unterschiedlichen Sprachen. Und ich wollte auf keinen Fall erzählerisch oder illustrativ werden. Deshalb mochte ich Douglas Gordons Installation tears become ... streams become... in der New Yorker Armory auch so sehr ...
ZEIT: ... einer ehemaligen Waffenhalle. Gordon setzte sie unter Wasser und platzierte Sie mit dem Flügel mitten hinein, wo Sie das Programm von Water im Dunkeln spielten.
Grimaud: Das war hochsinnlich und blieb doch abstrakt. Ich bin nicht die Retterin der musikalischen Moderne, wenn Sie das meinen, die Moderne muss man nicht mehr retten. Es geht um die Ernsthaftigkeit und Tiefe der Auseinandersetzung. Das gilt auch für Nitin Sawhney, der die Überleitungen zwischen den einzelnen Stücken komponiert hat. Er hat nicht gesagt, gib mir die Liste, ich mache das, sondern er hat überhaupt erst angefangen zu schreiben, als er mich hat spielen hören. Es ging ihm um die konkreten Tempi und Phrasierungen, um den Sound, den spezifischen Flow der Musik. Der Strom seiner Transitions trägt von der ersten bis zur letzten Nummer. Wie der Raum, wie das Licht in Douglas Gordons Installation.
ZEIT: Wasser als Quelle des Lebens und der Inspiration, klingt das nicht ein bisschen esoterisch?
Grimaud: Nach lila Latzhosen und Räucherstäbchen? Ich glaube, die moderne westliche Gesellschaft hat ein Problem mit Spiritualität. Entweder wir machen sie lächerlich, oder wir überlassen sie den Fanatikern und Fundamentalisten. Dazwischen gibt es nichts. Vor 100 Jahren war das noch anders. Wasser ist nicht nur eine Metapher, das wussten die Menschen. Für Komponisten wie Maurice Ravel oder Gabriel Fauré war Wasser eine Quelle der Inspiration, weil es die Quelle allen Lebens ist. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen.
"Ich werde immer an die Kraft der Schönheit glauben"
ZEIT: Sie sind in Aix-en-Provence in Südfrankreich geboren und haben mir einmal erzählt, dass Sie als Kind so gut wie nie im Mittelmeer geschwommen sind: Sind Sie kein Wassermensch?
Grimaud: Sagen wir so: Ich halte mich gern in der Nähe von Wasser auf. Ich spüre da eine spezielle Energie, vielleicht ist das aber auch nur subjektiv. Wasser in seiner Ambivalenz, in seiner Poesie und zerstörerischen Kraft fasziniert die Menschheit nicht erst seit Leonardo da Vinci. Interessanterweise haben sich Musiker immer mehr mit der atmosphärischen Seite beschäftigt, weniger mit der brutalen. Als Interpretin betrachte ich das als Aufforderung, der sogenannten impressionistischen Lieblichkeit nicht zu trauen und hinter die Fassaden zu blicken, denn diese andere Dimension ist ja da.
ZEIT: Gleichwohl dürften selbst Luciano Berio oder Toru Takemitsu beim Komponieren nicht an die Erderwärmung und das Schmelzen der Pole gedacht haben, wie wir heute das tun, ja tun müssen. Ist das ein Problem? Überfrachten wir die Musik mit unserer Realität?
Grimaud: Wenn Sie so wollen, dann ist jede Rezeption eine Überfrachtung, eine Überwölbung mit eigenen Erfahrungen. Die Kunst hält das aus. Für frühere Zeitalter war die Natur ein Wissensspeicher. Man ging hinaus, machte einen Spaziergang, kam zurück und schrieb nieder, was der Wind einem durch die Blätter der Bäume zugeflüstert hatte. Das ist jetzt grob vereinfacht gesagt, so romantisierend war es nicht, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es bis heute gilt. Denn wenn wir uns diesen existenziellen Bezug zu der Welt, in der wir leben, bewahrt hätten, wäre es nie so weit gekommen.
ZEIT: Kann Kunst, kann Musik uns noch helfen?
Grimaud: Kunst kann immer helfen, das Bewusstsein und die Sensibilität der Wahrnehmung zu schärfen. Aber reicht das? Natürlich nicht. Solange Menschenrechte nicht gelten, es keine Gesundheitsversorgung gibt, solange die grundlegenden Bedingungen des Lebens nicht erfüllt sind, so lange kann die Kunst nur sehr wenig bewirken. Ich werde immer an die Kraft der Schönheit glauben und auch daran, dass sie die Welt verändern kann, aber ohne Voraussetzungen geht es nicht. Menschen, die in Syrien oder an der griechisch-mazedonischen Grenze um ihr Überleben kämpfen, ist mit Ravel nicht viel geholfen. Das heißt nicht, dass man seine Musik und alle Musik ebenso gut weglassen könnte, weil sie eh nichts "nützt", nein. Kunst ist nicht nützlich. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass jeder Gedanke hilft, jede noch so kleine Tat. Ich bin überhaupt ein Fan von überschaubaren Einheiten und Eigeninitiativen. Den einen Helden, den Retter der Welt wird es nicht geben. Wir müssen schon selbst etwas tun – und sei es, dass wir über die Missstände sprechen.
ZEIT: Die notgedrungen abstrakt bleiben, solange das Wasser zu Hause aus dem Wasserhahn kommt.
Grimaud: Haben wir denn keine Vorstellungskraft, keine Empathie? 663 Millionen Menschen auf der Erde haben kein sauberes Wasser, 40 Prozent der Weltbevölkerung keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu sanitären Anlagen, alle 90 Sekunden stirbt deshalb ein Kind, Frauen und Kinder in Afrika und Asien verbringen im Schnitt mindestens sechs Stunden am Tag damit, Wasser zu beschaffen – wie sollen diese Menschen je ein menschenwürdiges Dasein führen, sich entwickeln, etwas lernen?
ZEIT: Was tun Sie persönlich dafür? Ist es möglich, als international gefeierte Pianistin ein halbwegs umweltverträgliches Leben zu führen?
Grimaud: Was den Alltag betrifft, bemühe ich mich darum. Ich achte darauf, was ich konsumiere und woher die Dinge kommen. Wenn etwas kaputtgeht, werfe ich es nicht gleich weg, nur weil ich das Geld habe, mir etwas Neues zu kaufen. Aber für mich war das nie schwer, ich denke nicht in Statistiken und Ressourcen, sondern in Lebewesen. Meine Arbeit mit den Wölfen hat mich zu einem extrem verantwortungsbewussten Menschen erzogen. Abgesehen davon natürlich, dass ich nicht so viel fliegen sollte. Aber da habe ich momentan keine Wahl.
ZEIT: Derzeit ächzt Europa unter Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Die nächsten Flüchtlinge, heißt es, werden Klima- und Wasserflüchtlinge sein. Wie prophetisch ist Ihr neues Album?
Grimaud: In dem Sinne, dass man es als Versprechen einer Umkehr betrachten könnte, hoffentlich sehr prophetisch! Gemessen an ihrem Reichtum, tut die westliche Welt absurd wenig für die Bedürftigen, in jeder Beziehung. Man setzt nicht auf Nachhaltigkeit, will nicht in erster Linie helfen, sondern verfolgt von vorneherein andere, eigene Interessen. Das muss sich ändern. Sonst ändert sich nichts.

Interview: Christine Lemke-Matwey
31. März 2016 DIE ZEIT Nr. 13/2016, 17. März 2016
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