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das Augenkind



Meinen Weg gehe ich nicht.

In der Schlucht
Drängen die vielen,
Schulter an Schulter.
Meinen Weg gehe ich nicht.
Sie stoßen und drängen,
stören mich - sehr.
Die Freunde – die beiden.
Der eine anonym;
Anwesend der andere,
Lieb aber unerreichbar.
© wRoo 2014


Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch. (Mt, 10, 8)

Was ist dann der Geist?

Frage: «Sind Worte der Geist selbst?»
Antwort: «Nein, Worte sind äußere Bedingungen, sie sind nicht der Geist.»
Fr.: «Wenn außerhalb der äußeren Bedingungen, wo ist dann der Geist zu suchen?»
A.: «Es gibt keinen Geist unabhängig von Worten.»
(Das bedeutet, der Geist liegt wohl in den Worten, ist aber nicht dasselbe wie sie.)
Fr.: «Gibt es keinen Geist, der unabhängig von Worten ist, was ist dann der Geist?»
A.: «Der Geist ist gestaltlos und bildlos. In Wahrheit ist der Geist weder unabhängig noch abhängig von Worten. Er ist ewig heiter und frei in seinem Wirken. Der Patriarch sagt: 'Wenn du begreifst, daß der Geist nicht der Geist ist, so verstehst du den Geist und seine Werke.'»

Prince - Purple Rain

 

Mitgegeben auf den Weg

Im Gedicht wird etwas gesagt, doch faktisch so, daß das Gesagte solange ungesagt bleibt, als derjenige, der es liest, es sich nicht gesagt sein läßt. Mit anderen Worten: das Gedicht ist nicht aktuell, sondern aktualisierbar. Das ist, auch zeitlich, die "Besetzbarkeit" des Gedichts: das Du, an das es gerichtet ist, ist ihm mitgegeben auf den Weg zu diesem Du. Das Du ist, noch ehe es gekommen ist, da. (Auch das ist Daseinsentwurf).
(Paul Celan: Der Meridian.)

Marcel Proust: Die Vergangenheit entflieht nicht, sie bleibt und verharrt bewegungslos.

Herzzeit 2.0

Arno Schmidt: Etyms will be Etyms.

Everything is a remix



Die verlorene Zeit.

Das Kunstwerk war die einzige Möglichkeit, die verlorene Zeit wiederzufinden. Ein neues Licht ging mir auf. Ich verstand, dass alle die Materialien des Kunstwerks mein vergangenes Leben ausmachten. Sie waren mir zugefallen während der frivolen Vergnügungen, der Trägheit, der Zärtlichkeit, des Schmerzes, von mir aufgenommen, ohne dass ich ihre Bestimmung und selbst ihr Fortdauern erriet, genauso wenig wie es das SaaIkorn tut, das alle Nahrung, die die Pflanze zum Wachstum braucht, speichert. Wie das Saatkorn könnte ich sterben, wenn die Pflanze sich entwickelt hätte. Dafür hatte ich also gelebt, ohne es zu wissen.
(Marcel Proust.)

Wir sind niemals allein in dieser Welt.
(Nakagawa Roshi)

Die Kunst hält das aus

Anruf in einem Hotel in Philadelphia: Hélène Grimaud ist gerade auf USA-Tournee und hat unter einem Pseudonym eingecheckt, das wir natürlich nicht verraten, sonst hätten die Stalker und Fans, die mit Stofftier-Wölfen hinter ihr her sind, leichtes Spiel. Seit ein paar Jahren lebt die 46-jährige Französin wieder in New York. Etwas weiter nordöstlich, in South Salem, liegt das Wolf Conservation Center, das sie 1999 zur Rettung wild lebender Wölfe gegründet hat. Die Musikwelt betrachtete dieses Engagement anfangs misstrauisch und tippte auf eine PR-Aktion. Längst aber spricht der Ernst für sich, mit dem Grimaud ihre Umweltschutz-Projekte vorantreibt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Schnittmengen bilden würden zwischen Kunst und Natur, musikalischen und außermusikalischen Ideen. Hélène Grimauds neue CD "Water" legt davon ein exzentrisches Zeugnis ab.
DIE ZEIT: Frau Grimaud, im vergangenen Jahr haben Sie zweimal mit dem bildenden Künstler Douglas Gordon zusammengearbeitet, in zwei spektakulären szenischen Installationen in New York und in Manchester. Jetzt machen Sie eine CD, an der auch Greenpeace Freude hätte. Trügt der Eindruck, dass die absolute Musik Ihnen auf der Bühne nicht mehr genügt?
Hélène Grimaud: Der trügt definitiv! Ich bin gestern aus Detroit gekommen, wo ich mit Leonard Slatkin und dem Detroit Symphony Orchestra beide Brahms-Klavierkonzerte gespielt habe. In Philadelphia spiele ich mit Yannick Nézet-Séguin, wieder Brahms, und der Rest der Saison besteht aus Mozart- und Bach-Konzerten. Das ist mein täglich Brot. Alles andere nimmt nur einen sehr kleinen Teil meiner Arbeit ein. Das ist ein fremdes Reich, das ich ab und zu betrete. Ich finde es enorm wichtig, dass alles Szenische so abstrakt wie möglich bleibt. Es geht nicht darum, den Zuschauern zu sagen, was sie fühlen sollen, es geht darum, eine Welt zu schaffen, die es ihnen ermöglicht, Gefühle zu erleben.
ZEIT: Dennoch könnte man auch Ihre Water-CD als Misstrauensantrag an die Musik verstehen: Die Musik scheint mehr zu brauchen als sich selbst, ein Programm oder ein ästhetisches Surplus.
Grimaud: Ich sehe das genau andersherum: Jede Partitur ist eine Art heilige Schrift, die zum Leben erweckt werden will und muss. Dieses Leben kann gar nicht prall genug sein. Ich meine nicht Parameter wie Qualität oder Quantität, die zählen auch, keine Frage. Das Wesentliche aber geht darüber hinaus. Es gibt keinen Grund, eine Partitur nicht voll auszuschöpfen. Verstehen Sie? Solange ich sorgfältig mit ihr umgehe, kann der Musik nichts passieren, sie ist immer stark. Jede Interpretation ist letztlich nur eine Deklination. Und wenn eine bildhafte, szenische oder programmatische Annäherung bedeutet, dass das Repertoire weiterlebt, ergreife ich die Chance.
ZEIT: Fürchten Sie denn, dass ein gewisses Repertoire aussterben könnte? Ihr Water-Programm versammelt Musik aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert, von Albéniz über Janáček bis Takemitsu.
Grimaud: Auch mit Stücken von Liszt, Ravel und Debussy hätte man ein sehr schönes Water-Programm zusammenstellen können. Aber ich wollte Schönheit, ich wollte Vielfalt, mir ging es um die Korrespondenzen zwischen den unterschiedlichen Sprachen. Und ich wollte auf keinen Fall erzählerisch oder illustrativ werden. Deshalb mochte ich Douglas Gordons Installation tears become ... streams become... in der New Yorker Armory auch so sehr ...
ZEIT: ... einer ehemaligen Waffenhalle. Gordon setzte sie unter Wasser und platzierte Sie mit dem Flügel mitten hinein, wo Sie das Programm von Water im Dunkeln spielten.
Grimaud: Das war hochsinnlich und blieb doch abstrakt. Ich bin nicht die Retterin der musikalischen Moderne, wenn Sie das meinen, die Moderne muss man nicht mehr retten. Es geht um die Ernsthaftigkeit und Tiefe der Auseinandersetzung. Das gilt auch für Nitin Sawhney, der die Überleitungen zwischen den einzelnen Stücken komponiert hat. Er hat nicht gesagt, gib mir die Liste, ich mache das, sondern er hat überhaupt erst angefangen zu schreiben, als er mich hat spielen hören. Es ging ihm um die konkreten Tempi und Phrasierungen, um den Sound, den spezifischen Flow der Musik. Der Strom seiner Transitions trägt von der ersten bis zur letzten Nummer. Wie der Raum, wie das Licht in Douglas Gordons Installation.
ZEIT: Wasser als Quelle des Lebens und der Inspiration, klingt das nicht ein bisschen esoterisch?
Grimaud: Nach lila Latzhosen und Räucherstäbchen? Ich glaube, die moderne westliche Gesellschaft hat ein Problem mit Spiritualität. Entweder wir machen sie lächerlich, oder wir überlassen sie den Fanatikern und Fundamentalisten. Dazwischen gibt es nichts. Vor 100 Jahren war das noch anders. Wasser ist nicht nur eine Metapher, das wussten die Menschen. Für Komponisten wie Maurice Ravel oder Gabriel Fauré war Wasser eine Quelle der Inspiration, weil es die Quelle allen Lebens ist. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen.
"Ich werde immer an die Kraft der Schönheit glauben"
ZEIT: Sie sind in Aix-en-Provence in Südfrankreich geboren und haben mir einmal erzählt, dass Sie als Kind so gut wie nie im Mittelmeer geschwommen sind: Sind Sie kein Wassermensch?
Grimaud: Sagen wir so: Ich halte mich gern in der Nähe von Wasser auf. Ich spüre da eine spezielle Energie, vielleicht ist das aber auch nur subjektiv. Wasser in seiner Ambivalenz, in seiner Poesie und zerstörerischen Kraft fasziniert die Menschheit nicht erst seit Leonardo da Vinci. Interessanterweise haben sich Musiker immer mehr mit der atmosphärischen Seite beschäftigt, weniger mit der brutalen. Als Interpretin betrachte ich das als Aufforderung, der sogenannten impressionistischen Lieblichkeit nicht zu trauen und hinter die Fassaden zu blicken, denn diese andere Dimension ist ja da.
ZEIT: Gleichwohl dürften selbst Luciano Berio oder Toru Takemitsu beim Komponieren nicht an die Erderwärmung und das Schmelzen der Pole gedacht haben, wie wir heute das tun, ja tun müssen. Ist das ein Problem? Überfrachten wir die Musik mit unserer Realität?
Grimaud: Wenn Sie so wollen, dann ist jede Rezeption eine Überfrachtung, eine Überwölbung mit eigenen Erfahrungen. Die Kunst hält das aus. Für frühere Zeitalter war die Natur ein Wissensspeicher. Man ging hinaus, machte einen Spaziergang, kam zurück und schrieb nieder, was der Wind einem durch die Blätter der Bäume zugeflüstert hatte. Das ist jetzt grob vereinfacht gesagt, so romantisierend war es nicht, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es bis heute gilt. Denn wenn wir uns diesen existenziellen Bezug zu der Welt, in der wir leben, bewahrt hätten, wäre es nie so weit gekommen.
ZEIT: Kann Kunst, kann Musik uns noch helfen?
Grimaud: Kunst kann immer helfen, das Bewusstsein und die Sensibilität der Wahrnehmung zu schärfen. Aber reicht das? Natürlich nicht. Solange Menschenrechte nicht gelten, es keine Gesundheitsversorgung gibt, solange die grundlegenden Bedingungen des Lebens nicht erfüllt sind, so lange kann die Kunst nur sehr wenig bewirken. Ich werde immer an die Kraft der Schönheit glauben und auch daran, dass sie die Welt verändern kann, aber ohne Voraussetzungen geht es nicht. Menschen, die in Syrien oder an der griechisch-mazedonischen Grenze um ihr Überleben kämpfen, ist mit Ravel nicht viel geholfen. Das heißt nicht, dass man seine Musik und alle Musik ebenso gut weglassen könnte, weil sie eh nichts "nützt", nein. Kunst ist nicht nützlich. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass jeder Gedanke hilft, jede noch so kleine Tat. Ich bin überhaupt ein Fan von überschaubaren Einheiten und Eigeninitiativen. Den einen Helden, den Retter der Welt wird es nicht geben. Wir müssen schon selbst etwas tun – und sei es, dass wir über die Missstände sprechen.
ZEIT: Die notgedrungen abstrakt bleiben, solange das Wasser zu Hause aus dem Wasserhahn kommt.
Grimaud: Haben wir denn keine Vorstellungskraft, keine Empathie? 663 Millionen Menschen auf der Erde haben kein sauberes Wasser, 40 Prozent der Weltbevölkerung keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu sanitären Anlagen, alle 90 Sekunden stirbt deshalb ein Kind, Frauen und Kinder in Afrika und Asien verbringen im Schnitt mindestens sechs Stunden am Tag damit, Wasser zu beschaffen – wie sollen diese Menschen je ein menschenwürdiges Dasein führen, sich entwickeln, etwas lernen?
ZEIT: Was tun Sie persönlich dafür? Ist es möglich, als international gefeierte Pianistin ein halbwegs umweltverträgliches Leben zu führen?
Grimaud: Was den Alltag betrifft, bemühe ich mich darum. Ich achte darauf, was ich konsumiere und woher die Dinge kommen. Wenn etwas kaputtgeht, werfe ich es nicht gleich weg, nur weil ich das Geld habe, mir etwas Neues zu kaufen. Aber für mich war das nie schwer, ich denke nicht in Statistiken und Ressourcen, sondern in Lebewesen. Meine Arbeit mit den Wölfen hat mich zu einem extrem verantwortungsbewussten Menschen erzogen. Abgesehen davon natürlich, dass ich nicht so viel fliegen sollte. Aber da habe ich momentan keine Wahl.
ZEIT: Derzeit ächzt Europa unter Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Die nächsten Flüchtlinge, heißt es, werden Klima- und Wasserflüchtlinge sein. Wie prophetisch ist Ihr neues Album?
Grimaud: In dem Sinne, dass man es als Versprechen einer Umkehr betrachten könnte, hoffentlich sehr prophetisch! Gemessen an ihrem Reichtum, tut die westliche Welt absurd wenig für die Bedürftigen, in jeder Beziehung. Man setzt nicht auf Nachhaltigkeit, will nicht in erster Linie helfen, sondern verfolgt von vorneherein andere, eigene Interessen. Das muss sich ändern. Sonst ändert sich nichts.

Interview: Christine Lemke-Matwey
31. März 2016 DIE ZEIT Nr. 13/2016, 17. März 2016
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