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Dichten ist Maß-Nahme



Hand in Hand

Eine Hand
Die Hand von einer der Schönen.
Die Frau ist schön,
so schön.
Eine Berührung,
Ich fasse ihre Hand
Gerne.
Einen Augenblick
Und sie, die Einsame der Schönen,
Fliegt,
Fliegt mit mir
Hand in Hand
Zu zweit.
Mit Mühen kann sie
Mir nur folgen.
Ich verliere an Höhe -
Ein Absturz droht.
Aber ich stütze sie,
Ich fasse sie an,
Greife an ihre Brust
Und hebe. Wir fliegen.
Verschämt schau
Ich zu ihr. Sie ist
So schön.
An der Brust stütze
Ich sie. Verschämt
Ihr Blick und der meine.
Doch dann die Bäume
Über den Köpfen der Vielen.
Tore, Tore - wir
Müssen dadurch.
© wRoo 2014


Jean-Luc Godard: Wir erzählen von einem Film, den wir gesehen haben, auch immer nur Stücke.

Seelische Armut

Wir alle kommen aus den wohlhabenden Ländern, und diese WohlstandsGesellschaften sind verantwortlich für die Entwicklung der ganzen Menschheit. So sehe ich das.
Im Vergleich mit den Menschen in den armen Ländern hast du alles. Wir haben alles und empfinden es als selbstverständlich. Aber die anderen wollen auch Fahrräder, Waschmaschinen, Computer haben. Sie empfinden es als Problem, daß sie keine besitzen.
Die Menschen mitten im Wohlstand haben solche Probleme nicht mehr, sie haben andere: seelische, psychische Probleme. Aber mitten in diesem Wohlstand können die Menschen hier durchaus eine Möglichkeit finden, den richtigen Weg zu wählen. So gesehen geben die äußeren Bedingungen neue Impulse und eine neue Zugänglichkeit zum Weg der seelischen Reifung.
Die Menschen in den reichen Ländern leiden unter seelischer Armut.
(Nakagawa Roshi: Weil wir Menschen sind.)

Verdi - Requiem

 

Mitgegeben auf den Weg

Im Gedicht wird etwas gesagt, doch faktisch so, daß das Gesagte solange ungesagt bleibt, als derjenige, der es liest, es sich nicht gesagt sein läßt. Mit anderen Worten: das Gedicht ist nicht aktuell, sondern aktualisierbar. Das ist, auch zeitlich, die "Besetzbarkeit" des Gedichts: das Du, an das es gerichtet ist, ist ihm mitgegeben auf den Weg zu diesem Du. Das Du ist, noch ehe es gekommen ist, da. (Auch das ist Daseinsentwurf).
(Paul Celan: Der Meridian.)

Thomas Bernhard: Ausgerechnet der Mensch ist unmenschlich.

Herzzeit 2.0

Nietzsche: Ich will Dichter meines Lebens sein.

wozu Dichter



Das Gedicht verweilt und verhofft.

Dichtung: das kann eine Atemwende bedeuten. Wer weiß, vielleicht legt die Dichtung den Weg - auch den Weg der Kunst - um einer solchen Atemwende willen zurück?
Das Gedicht verweilt oder verhofft – ein auf die Kreatur zu beziehendes Wort – bei solchen Gedanken.
Niemand kann sagen, wie lange die Atempause – das Verhoffen und der Gedanke – noch fortwährt. Das " Geschwinde" , das schon immer "draußen" war, hat an Geschwindigkeit gewonnen; das Gedicht weiß das; aber es hält unentwegt auf jenes "Andere" zu, das es sich als erreichbar, als freizusetzen, als vakant vielleicht, und dabei ihm, dem Gedicht – sagen wir: zugewandt denkt.
Sind diese Wege nun Umwege, Umwege von dir zu dir? Aber es sind ja zugleich auch, unter wie vielen anderen Wegen, Wege, auf denen die Sprache stimmhaft wird, es sind Begegnungen, Wege einer Stimme zu einem wahrnehmenden Du, kreatürliche Wege, Daseinsentwürfe vielleicht. (Paul Celan: Büchner-Preis-Rede.)

Wo es Zeichen gibt, gibt es Illusion. Wo Wahrnehmung ist, ist auch Täuschung.
(Thich Nhat Hanh: Das Diamantsutra)

In mir ist die Hölle los

In einem neuen Buch zitiert der amerikanische Germanist Joseph McVeigh erstmals aus den Briefen von Ingeborg Bachmann an ihren Mentor und Geliebten Hans Weigel.
Er war ihr Held, ihr Entdecker, ihr Ersatzvater, ihr Beschützer. Im Sommer 1948 schrieb Ingeborg Bachmann an Hans Weigel: "Ich muss den Kopf wieder einmal ein bisserl an Deine gute breite Brust betten, damit die Dämonilein keine Gewalt über mich haben." Weigel, den die Nachwuchsliteratin bei einem Interview kennengelernt hatte, als sie, knapp 20 Jahre alt, aus der Kärntner Provinz in das kriegszerstörte Wien umgezogen war, wurde schnell zu einer Schlüsselfigur in ihrem Leben. Er, der Feuilletonist, Rezensent, Autor und Talenteförderer, erkannte gleich die Begabung der jungen Schriftstellerin und unterstützte sie sowohl finanziell als auch durch die Bereitstellung wichtiger Kontakte.
Aus Freundschaft wurde mehr – zumindest für die damals noch völlig unbekannte Autorin. Sie sah in Hans Weigel, dem fast 20 Jahre Älteren, einen Mentor, bald aber auch ein Objekt ihrer erotischen Begierde. Und wenn sie ihm schrieb, "dass ich jeden Tag jubeln könnte vor Verrücktheit" und Wien für sie eine "heftig und unendliche geliebte Stadt" war, dann darf man davon ausgehen, dass sie den Adressaten mit einschloss.
Der amerikanische Germanist Joseph McVeigh hat die bislang unveröffentlichten Briefe von Ingeborg Bachmann an Hans Weigel, die im Nachlass des Autors in der Wienbibliothek im Rathaus lagern, ausgewertet und zu dem Buch Bachmanns Wien verdichtet, das die Jahre der Autorin in der Hauptstadt von 1946 bis 1953 beschreibt. "Es hat viele Wiener Kollegen überrascht", sagt der Wissenschaftler, "dass ein Außenseiter, ein Amerikaner, von den Bachmann-Erben, die den Nachlass bewachen wie Fort Knox, die Erlaubnis bekommen hat, aus den Briefen zu zitieren. Das ist ein großes Glück und eine große Ehre." Angesichts dieser Korrespondenz und weiterer, bislang kaum erschlossener Quellen wagt McVeigh eine steile These: Im Gegensatz zur bisherigen biografischen Literatur, die Bachmanns sieben Wiener Jahre meist als unbedeutende Probezeit und als Vorbereitung für ihre späteren bedeutenden Texte darstellte, ist er der Meinung, dass diese Zeit die "Brutstätte von Ingeborg Bachmanns Werk" sei und damit Voraussetzung für das Verständnis aller späteren Arbeiten. Man habe, so McVeigh, immer nur von den Traumata der Kriegszeit und von der zerstörten Kindheit in Kärnten gesprochen: "Das mag schon alles wichtig sein. Aber davon ist in den Briefen nichts zu spüren. Bachmann gibt in ihren eigenen Worten ein ganz anderes Bild von sich, von ihrer Wiener Zeit und von ihrer Lebensauffassung, als man es aus den Biographien kennt."
Ein Bild, das gekennzeichnet ist vom Gefühl eines Tanzes auf dem Vulkan: Das Schriftstellerküken, das noch im Begriff ist, den Flaum der Provinz abzustreifen, stürzt sich voller Lebens- und Liebeshunger in die intellektuellen und künstlerischen Milieus der Hauptstadt. Bachmann oszilliert als Philosophiestudentin an der Universität zwischen Metaphysik und Sprachphilosophie und promoviert schließlich über Heidegger. Sie posiert als Model für die Illustrierte des Radiosenders Rot-Weiß-Rot, schreibt Kurzgeschichten und Lyrik und ist trunken von dem Leben, das inmitten der Ruinen erblüht: "In mir ist rein die Hölle los. Tagsüber bin ich ganz besoffen von Gedichten und irgendetwas, das noch nicht herauskommt und kein Gesicht hat. So unwirklich hab ich noch nie gelebt."
Diese existenzialistische Lebensphase zwischen Boheme und Prekariat spielt vor dem Prospekt einer zerstörten Metropole mit Bombentrichtern und Schutthalden, in der Hunger und Wohnungsnot herrschen und die noch Jahre nach dem Krieg von Flüchtlingsströmen überflutet wird. Der im amerikanischen Sektor der viergeteilten Stadt betriebene Sender Rot-Weiß-Rot, für den Ingeborg Bachmann im Script Department arbeitet und wo sie gemeinsam mit Jörg Mauthe und Peter Weiser Dialoge für die rasend erfolgreiche Soap Die Radiofamilie schreibt, ist auch ein Propagandainstrument gegen die von der sowjetischen Zensur kontrollierte Radiostation RAVAG. Misstrauisch äugt man hinüber zu den machthungrigen Russen, die jahrelang die Unterfertigung des Staatsvertrages verschleppen, und versucht subkutan, die Botschaft vom freien Westen im allgemeinen Bewusstsein zu verankern.
Bei Rot-Weiß-Rot findet auch der aus dem Schweizer Exil heimgekehrte jüdische Generalist und selbst ernannte Kalte Krieger Hans Weigel bald ein reiches Betätigungsfeld. In seiner Sendung In den Wind gesprochen hämmert er antikommunistische Parolen und beleidigt etwa den Schauspieler Josef Meinrad als Josef Iwanowitsch Meinrad. Gleichzeitig will er auch als Platzhirsch die Stunde null nach dem künstlerischen Kahlschlag der Nazis nutzen und den Aufbau eines Kultur- und Geisteslebens steuern – in einem Land, in dem laut einer Umfrage aus dem Jahr 1947 immer noch 51 Prozent der Bevölkerung der Meinung sind, dass der Nationalsozialismus eine gute Idee war, die nur schlecht ausgeführt worden sei. Weigel rempelt Konkurrenten weg, gibt Anthologien heraus und versammelt vielversprechende Jungautoren zu einem literarischen Diskussionszirkel im Café Raimund beim Volkstheater, darunter Ilse Aichinger, Milo Dor, Christine Busta, Jeannie Ebner, Reinhard Federmann und natürlich auch seine Neuentdeckung Ingeborg Bachmann. "Wir waren alle Mitte Zwanzig", schrieb diese später, "notorisch geldlos, notorisch hoffnungslos, zukunftslos, kleine Angestellte oder Hilfsarbeiter, einige schon freie Schriftsteller, das hieß soviel wie abenteuerliche Existenzen, von denen niemand recht wußte, wovon sie lebten."
Für Bachmann spitzte sich die Lage im Privaten dramatisch zu. Sie, die bereits ein problematisches Liebesverhältnis mit Hans Weigel unterhielt, verstrickte sich beinahe gleichzeitig in eine liaison dangereuse mit dem Poeten Paul Celan, der 1947 nach einem sechswöchigen Fußmarsch aus Bukarest in Wien eingetroffen war, aber bald nach Paris weiterreiste.
Viele Bachmann-Interpreten sind der Meinung, dass die Beziehung zum Schöpfer der Todesfuge, dem poetischen Seelenverwandten, die tiefere und unergründlichere gewesen sei. Doch die Briefe an Weigel zeigen ein anderes Bild: Als die Schriftstellerin 1950 nach Paris reist, um Celan zu besuchen, wird daraus schnell ein strindbergischer Albtraum. Er macht ihr mal Heiratsanträge, dann wiederum übt er Psychoterror aus, weil er, wie sie schreibt, "doch so entsetzlich eifersüchtig ist". Bachmann flieht aus dem gemeinsamen Domizil, sucht sich ein eigenes Zimmer und schreibt schließlich, nach Luft schnappend, an ihren Hans: "Von meinem Jeweiligen bin ich fort, das ist eine böse Geschichte, die ich Dir vielleicht einmal erzählen werde, aber im Augenblick bin ich noch zu kaputt, um mich – oder mein Herz – auszuschütten."
Immer noch war Weigel ihre große Liebe. Doch nach einigen Jahren der Tändelei musste Ingeborg Bachmann erkennen, dass die gute breite Brust, an die sie ihren Kopf betten wollte, um ihre "Dämonilein" zu bannen, dem größten Dämon von allen gehörte. Denn Weigel, weit davon entfernt, ihre fast backfischartige Adoration zu erwidern, sah die Beziehung offenbar eher als sexuelle Annäherung ohne Verbindlichkeit, betonte die "freiheitliche Partnerschaft" des Miteinander und heiratete 1951 ohne Umschweife die Schauspielerin Elvira Hofer. Er war offenbar weniger an Bachmanns Körper und Seele interessiert als an der Möglichkeit, literarische Exzellenz aus ihr herauszupressen.
Als die Teilzeitgeliebte jedoch trotz drängender Nachfrage den Roman mit dem Arbeitstitel Stadt ohne Namen nicht freigab, wurde er, wie aus einem Brief an Herbert Eisenreich hervorgeht, zum verächtlichen Professor Higgins, der seine Eliza Doolittle dem Hohn preisgab: "Sorgen macht: Inge Bachmann spinnt größenwahnsinnig, hält sich für eine Dichterin mit großem D, gibt ihren Roman nicht her, setzt sich nach Italien, dort pro Jahr drei Gedichte dichten und dürfte binnen kurzem eine komische Figur werden." Aus dem Förderer war ein Vernichter geworden, der auch später alles daransetzte, Bachmanns literarische Karriere zu behindern. Ohne Erfolg allerdings, denn unter dem Schutzmantel der Gruppe 47 ging es in Deutschland für sie rasch bergauf. Das Unglück in Liebesdingen und Heiratssachen wurde allerdings prolongiert: Denn auch Paul Celan sagte sich von Ingeborg Bachmann los und verehelichte sich 1952 mit der adeligen Grafikerin Gisèle Lestrange. Dieser existenzielle Doppelschlag traf die Schriftstellerin bis ins Mark. Das zauberhafte, verzauberte Wien wurde zum Totenhaus der Gefühle, Bachmann wollte nur noch weg: nach Deutschland, nach Italien – wohin auch immer.
"Ich habe keine Matratzenschnüffelei betreiben wollen", sagt Biograf McVeigh, "aber wenn man die zerstörerische Wirkung der beiden katastrophal gescheiterten Beziehungen auf das Leben von Ingeborg Bachmann nicht berücksichtigt, kann man ihr späteres Werk kaum verstehen." Noch in der Erzählung Undine geht aus der Sammlung Das dreißigste Jahr aus dem Jahr 1961 heißt es in einer anklagenden Rede der Wassernixe: "Ihr Ungeheuer mit Namen Hans", und in den späteren Todesarten- Romanen wird der "ewige Krieg zwischen Mann und Frau" zum zentralen Topos – wobei hier natürlich auch die traumatische Trennung von Max Frisch hineinspielt. "Es war Mord", sagte Ingeborg Bachmann damals.
Joseph McVeigh, begeistert von seinen Fundstücken, die zumindest eine Akzentverschiebung in der Bewertung der frühen Wiener Jahre der Autorin zur Folge haben, schießt bei der Engführung von Leben und Werk gelegentlich übers Ziel hinaus: Bei der Analyse von fast vergessenen Erzählungen wie Das Ufer oder Die Mannequins des Ibykus sucht er akribisch nach dem literarischen Fallout der Keulenschläge, welche die Autorin getroffen haben, und vernachlässigt dabei den germanistischen Grundsatz, dass der Interpret die Autonomie des literarischen Textes zu respektieren habe. Trotzdem: Das Buch Ingeborg Bachmanns Wien bietet viel Neues, Unbekanntes und Unerwartetes. Vor allem taucht es die Figur Hans Weigel in ihrer Janusköpfigkeit in ein dubioses Licht und zeigt, dass in den Turbulenzen und Verwerfungen der Jugendjahre von Bachmann vieles sich anbahnte, das später zu einer gültigeren Form fand.
Wenn man, parallel zu Joseph McVeighs biografischen Trouvaillen, das kafkaeske Anna- Fragment aus dem verschollenen Roman Stadt ohne Namen liest, dann darf man vermuten, dass Bachmanns Wien, ursprünglich eine Stadt der Lichter und der Magie, am Ende kein Fest fürs Leben mehr war. Dank des "lieben Hans", an dessen Gefühlsechtheit sie länger schon Zweifel hegte: "Er ist nicht mein Vater. Ich habe mich betrogen, ich habe ihm gedient, ich habe ihm mein Blut verkauft für eine Gebärde verwerflicher Zugehörigkeit, ich bin an seiner Seite durch die Feste der Finsternis gegangen und über die Leichen ihm Verschuldeter."

Von Thomas Mießgang
DIE ZEIT Nr. 14/2016, 23. März 2016
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