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lauter Wörter und kein einziges Wort



Einen Augenblick - Hand in Hand

Mühsam
Beginne ich zu fliegen.
Der Flug strengt
Mich an.
Im Gelingen
Beginnt der Kampf,
Die Höhe zu halten,
Dem Gedränge
Der Klage
Zu entfliehen.
Ich schwebe,
Ich fliege
Allein und gern.
Ich fliege,
Ich schwebe.
Im Wettstreit
Kommt der Unerreichbare
Und fliegt mit mir
Im Spiel.
Wir kreisen und schweben,
gleiten und kreisen.
Wir - zwei.
Er fliegt
In die Schlucht
Ins Tal.
Sein Weg
Wird enden -
Schon bald.
Ich fliege hinauf
Auf die Hochebene,
Die Scham
Der Schlucht;
Und bin allein.
Der Flug ist schwer.
Die Freude so groß.
© wRoo 2014


 Novalis: Alle Zufälle unseres Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben.

Alle Dinge sind ohne Anfang.

Diese Blume des Dharma kann weder mit dem Körper noch mit dem Geist oder mit Worten erfasst werden. Sie ist weder materiell noch spirituell noch intellektuelles Wissen. Unser Dharma ist die Blume des einen Fahrzeugs, das die Buddhas von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft befördert, die achtundzwanzig indischen und sechs chinesischen Patriarchen. Sie ist der ursprüngliche Grund des Daseins. Alle Dinge sind ohne Anfang und beinhalten daher alles. Die sechs Sinne, die vier Jahreszeiten und die vier großen Elemente haben alle ihren Ursprung in der Leere, doch nur wenige Menschen erkennen dies. Wind ist Atem, Feuer ist Belebtsein, Wasser ist Blut, und wenn man den Körper bestattet, wird er zu Erde. Auch diese Elemente sind anfanglos und vergänglich.
(Ikkyu Sôjun)

Prince - Purple Rain

 

Göttliche Würfel und Würfelspieler.

Ein wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: daß sie lieber noch auf den Füßen des Zufalls – tanzen.
O Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, daß es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze gibt –
– daß du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, daß du mir ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! –
(Friedrich Nietzsche Also sprach Zarathustra. Frankfurt a.M. 1982. S. 166f.)


Joseph Beuys: Mein ganzes Leben war Werbung, aber man sollte sich einmal dafür interessieren, wofür ich geworben habe.

Herzzeit 2.0

 Paul Celan: Das Gedicht ist als Gedicht dunkel.

Bringt keine Nachrichten mehr!



Man muß lieben lernen.

So geht es uns in der Musik: erst muß man eine Figur und Weise überhaupt hören lernen, heraushören, unterscheiden, als ein Leben für sich isolieren und abgrenzen; dann braucht es Mühe und guten Willen, sie zu ertragen, trotz ihrer Fremdheit, Geduld gegen ihren Blick und Ausdruck, Mildherzigkeit gegen das Wunderliche an ihr zu üben –: endlich kommt ein Augenblick, wo[194] wir ihrer gewohnt sind, wo wir sie erwarten, wo wir ahnen, daß sie uns fehlen würde, wenn sie fehlte; und nun wirkt sie ihren Zwang und Zauber fort und fort und endet nicht eher, als bis wir ihre demütigen und entzückten Liebhaber geworden sind, die nichts Besseres von der Welt mehr wollen als sie und wieder sie. – So geht es uns aber nicht nur mit der Musik: gerade so haben wir alle Dinge, die wir jetzt lieben, lieben gelernt. Wir werden schließlich immer für unsern guten Willen, unsere Geduld, Billigkeit, Sanftmütigkeit gegen das Fremde belohnt, indem das Fremde langsam seinen Schleier abwirft und sich als neue unsägliche Schönheit darstellt –: es ist sein Dank für unsre Gastfreundschaft. Auch wer sich selber liebt, wird es auf diesem Wege gelernt haben: es gibt keinen anderen Weg. Auch die Liebe muß man lernen.
(Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.)

 Wenn ihr ihr selbst seid, seht ihr die Dinge, wie sie sind, und wer¬det eins mit eurer Umgebung.
(Shunryu Suzuki)

Letzte Tage der Menschheit


In Paris herrscht nach den Brüsseler Anschlägen schwer bewaffnete Melancholie. Ein Treffen mit dem algerischen Autor Boualem Sansal, der den Sieg des Islamismus über den Westen für möglich hält.
Es ist der erste Morgen nach dem Anschlag in Brüssel. Unser Treffen ist seit Langem verabredet. Boualem Sansal hat einen Roman geschrieben, der Das Ende der Welt heißt. Darin geht es um eine Glaubensdiktatur im Jahr 2084. Eine einzige Religion beherrscht den Planeten. Widerspruch, Pluralismus, unreligiöse Gedanken sind ausgelöscht, ebenso alle Erinnerungen an die Vergangenheit. Die Welt ist zusammengeschrumpft, wüst und leer, es gibt nur noch den Propheten und seine willenlosen Untergebenen. Michel Houellebecq hat dem Roman seinen Segen erteilt. Die Franzosen haben das Buch hunderttausendfach verschlungen. Es hat den großen Preis der Académie française bekommen. Seit Monaten bereichert Sansal mit seinem weißhaarigen Pferdeschwanz und seiner altmodischen Nickelbrille die französischen Talkshows.
Sansal ist 66 Jahre alt. Als er geboren wurde, war Algerien noch ein französisches Departement. Er stammt aus demselben Stadtviertel wie Albert Camus, die Mütter der beiden waren befreundet. Er hat sein ganzes Leben in Algerien verbracht, war hoher Staatsbeamter im Wirtschaftsministerium, schrieb Romane, wurde entlassen. Wir treffen uns im Verlag Gallimard, seiner Heimat in Paris, und wollen über Literatur sprechen, über seinen Roman, der bald in Deutschland erscheinen wird. Aber das geht nicht. Die Bilder aus Brüssel, die Stimmung in Paris, eine Mischung aus urbaner Routiniertheit und schwer bewaffneter Melancholie, lassen kein entspanntes Gespräch aufkommen. Was immer die Wahnsinnigen aus Molenbeek mit ihren sinnlosen Morden eigentlich bezwecken wollen, sie haben bereits etwas erreicht. Die Städte sind nicht mehr dieselben. Gespräche, Gedanken, Reflexe und Nervenbahnen haben sich verändert. Man will sich nicht verrückt machen lassen und ist es vielleicht schon.
In dieser Lage gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man setzt darauf, dass die jungen Männer, die bereit sind, sich und uns in die Luft zu sprengen, zum üblichen Unfallgeschehen des westlichen Lebens gehören, ein schwieriger, aber doch berechenbarer Fall, dessen Restrisiko man am Ende genauso ungerührt zur Kenntnis nimmt wie die jährliche Verkehrstotenstatistik. Dann kann man auch jetzt noch ruhig schlafen. Oder man glaubt, dass dies ein Kampf ist, der sich, egal wie viele Fingerabdrücke und Daten man auch sammelt, nicht mehr kontrollieren lässt und der erst aufhören wird, wenn sie gewonnen und wir verloren haben. Dann kann man nicht mehr schlafen.
Boualem Sansal hat diesen verrückten Gedanken, obwohl so vieles, eigentlich alles gegen ihn spricht, der Verstand, das Gefühl, das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen den stabilen Demokratien und den verlorenen Söhnen der Vorstädte. Er sagt: "Sie haben dem Westen den Krieg erklärt und führen systematisch eine Schlacht nach der anderen. Und sie werden gewinnen. Ihr erster Sieg besteht darin, die Gesellschaft zu verängstigen."
Doch das sei nur die erste Phase. Wie alle Anfänger im Leben mit dem Terror entwickelten die westlichen Gesellschaften im Moment die unvermeidlichen Symptome eines beginnenden Traumas. Sie klammern sich an Fahndungserfolge und beruhigen sich mit einer Mitleidstheorie. Sie suchen Gründe für den Terror, beschuldigen sich selbst, die falsche Politik, die missglückte Integration. Boualem Sansal kennt das Drehbuch, nach dem sich das alles abspielt. Er hat denselben Film schon einmal in den neunziger Jahren in Algerien gesehen. Die Angriffe auf die Frauen, die man herunterspielt, "das ist zwar nicht schön, aber so ist nun mal ihre Kultur, jeder hat so seine Marotten". Das Stockholm-Syndrom der angegriffenen Gesellschaft, die versucht, Verständnis zu entwickeln. Die panische Ausgrenzung der Islam-Kritiker, die zu Rechtsextremisten erklärt werden. Man könne, meint Sansal, diese Phase leider nicht überspringen. Jede bedrohte Gesellschaft wiederhole dieselben Fehler. Doch dann, irgendwann, wacht man auf und sieht: Das ist eine Armee mit Waffen, mit Technologie, mit einem genauen strategischen Plan. In der nächsten Etappe, prophezeit Sansal, werde sie Journalisten ermorden. Über hundert sind in Algerien liquidiert worden.
Sansal redet schnell, sehr schnell. Er lässt sich nur ungern unterbrechen. Er sprudelt. Natürlich weiß er, dass man ihn im Westen für einen Alarmisten hält, einen Schriftsteller, der alles übertreibt, weil das Übertreiben sein Beruf ist. Man hört ihm zu und schickt ihn nach Hause, nach Algerien, wo er einmal ein wichtiger, einflussreicher Mann war und heute ein verbotener Autor ist, der um sein Leben fürchtet. Wäre er nicht Muslim, meint er, ließe man ihn auch im Westen nicht mehr zu Wort kommen. Ein Essay über die Welteroberungspläne des Islamismus, den er im Auftrag der Hamburger Körber-Stiftung geschrieben hat, wurde von der Stiftung nicht wie geplant veröffentlicht, weil der Autor sich weigerte, ihn abzumildern. An einer zentralen Stelle des Essays heißt es: "Auch in Europa ist es mit der Meinungsfreiheit nicht weit her, sobald es um den Islam geht. Die bloße Erwähnung des Begriffs würgt jede Diskussion im Keim ab oder lässt sie auf Phrasen und Allgemeinplätze des politisch Korrekten zusteuern." Der abgelehnte Essay erschien schließlich unter dem Titel Allahs Narren im Merlin Verlag. Die Buchpremiere fand in einer weltverlorenen Scheune in der Lüneburger Heide statt. Dem Buch vorangestellt ist ein Satz von Camus: "Wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei."
"Der Westen ist eine Todesmaschine und merkt es nicht."
Natürlich landen in diesen Tagen alle Gespräche unvermeidbar irgendwann bei der zwischen Willkommen und Abschiebung schlingernden deutschen Flüchtlingspolitik. Für Sansal ein Desaster: "Die Islamisten deuten die Toleranz der Kanzlerin als Eingeständnis des Scheiterns. Wenn ich Islamist wäre, würde ich morgen in Deutschland eine Partei der Muslimbruderschaft gründen. Die Kanzlerin selbst hat alle eingeladen. Und die Deutschen stimmen ihr zu."
Den Einwand, dass das doch nur ein Missverständnis war, eines, das schnell mit europäischen Verträgen, mazedonischem Stacheldraht und deutschem Geld korrigiert wurde, lässt er nicht gelten: "In den kleinen Dörfern kommt das nicht mehr an, dass Merkel ihre Meinung geändert hat. Die Schließung der Grenze nutzt nichts. Man muss den Leuten helfen. Wenn sie einmal aufgebrochen sind, werden sie sterben, an Ausbeutung, auf der Straße. Sie können weder vor noch zurück. In Marokko lässt man sie in der Sahara verdursten. In Algerien müssen sie als Zwangsarbeiter zwölf, vierzehn Stunden arbeiten ohne Bezahlung. Es wäre besser, die Leute würden zu Hause bleiben, sich wehren und im Kampf sterben. Der Westen ist eine Todesmaschine und merkt es nicht."
Aber sei es nicht ein Fortschritt, dass man nach dem Abkommen mit der Türkei zumindest versuche, die legalen von den illegalen Flüchtlingen zu trennen und nur die legalen nach Europa hineinzulassen? Nichts da. Die beabsichtigte Flüchtlingsauslese in türkischen Lagern sei nur Propaganda, um die verängstigten Deutschen zu beruhigen: "Woher weiß man, wer ein legaler und wer ein illegaler Flüchtling ist? Die Leute haben keine Beweise, keine Papiere, das ist alles nur Blabla."
Wird also alles genau so kommen wie in Sansals Zukunftsroman? Da darf man sich im Jahr 2084 nach dem alles verwüstenden "heiligen Krieg" und dem "nuklearen Holocaust" nur noch als Pilger von Ort zu Ort bewegen. Eine Dystopie, die warnen soll, aber am Ende doch nur aus Papier ist. Oder glaubt der Autor im Ernst, dass Deutschland, Frankreich und Belgien irgendwann muslimisch werden? "Das ist der Auftrag. In Deutschland, Frankreich und Belgien gibt es überall Ghettos, das sind abgeschottete Mini-Republiken mit eigenen Clan-Chefs, eigenen Steuern und eigenen Gesetzen. Man hat Moscheen gebaut und an den guten, den sanftmütigen Islam geglaubt. Aber das ist ein naiver und gefährlicher Intellektuellentraum. Letztlich sind alle monotheistischen Religionen gewalttätig. Das Christentum hat die Inquisition hervorgebracht und hat die Schwarzen, die Indios und die Indianer umgebracht. Es hat endlos getötet. Jetzt erwacht der Islam. Er will den Planeten erobern. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass man die Sicherheitslage im Griff habe. Die Gesellschaften werden fallen, eine nach der anderen. Zuallererst die westlichen, in denen die Leute ein komfortables Leben leben und das Leid und das Elend schwer ertragen."
Das sind Sätze, die sich wie schwarze Lava über unsere Zukunft schieben und alles unter sich begraben. In Aleppo oder Mossul würde sich niemand über sie wundern. Aber hier in Paris, wo wir zwischen lauter freundlichen, schwarz bebrillten Akademikern im Bio-Restaurant Linsensuppe essen?
Boualem Sansal ist wie Sisyphus ohne jede Hoffnung. Zur Zeit des algerischen Bürgerkriegs, als die Islamische Heilsfront die Wahlen zu gewinnen drohte und das Militär intervenierte, stand er aufseiten der algerischen Regierung. Bis heute kann er nicht fassen, dass Helmut Kohl die Islamisten, die täglich Tausende umbrachten, für Freiheitskämpfer hielt, in Deutschland aufnahm und unterstützte. Alles in allem hat die Geschichte für Sansal ausschließlich schlechte Nachrichten. Die Steine, die er sein Leben lang den Berg hinaufrollte, hießen Kolonialismus, Polizeidiktatur, Sozialismus, Islamismus und Globalisierung. Wenn er das verlängere, sagt er, lande er im Zentrum seines neuen Romans oder am Ende der Welt.
Er hat mit angesehen, wie seine Freunde, Professoren, Ärzte, Minister, die in Amerika und Europa waren, innerhalb von fünf Minuten Islamisten wurden. Sie seien unerreichbar, in einem abgeschlossenen Universum, man könne nicht mehr mit ihnen reden. Seither lebe er in diesem Letzte-Tage-der-Menschheit-Gefühl. Die Verführungskraft des Islams sei ihm unheimlich. Den Glauben, dass man Dingen auch entkommen, dass man sie sogar aufhalten und beherrschen könne, habe er nicht mehr.
Sollte sich die Erde im Sommer wider Erwarten weiter um die Sonne drehen, wird Boualem Sansal nach Deutschland kommen, um seinen Roman vorzustellen. Man wird einen gefassten, sanftmütigen Mann kennenlernen, der selber hofft, dass er nicht recht behält, und einfach nur einen unendlich traurigen Roman geschrieben hat.

Von Iris Radisch
DIE ZEIT Nr. 15/2016, 31. März 2016
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