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Bienengleichnis



Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen!

Sag nicht, daß ich morgen abreisen werde,
denn ich komme auch heute noch an.

Betrachte es ganz tief: Jede Sekunde komme ich an,
sei es als Knospe in einem Frühlingszweig
oder als winziger Vogel mit noch zarten Flügeln,
der im neuen Nest erst singen lernt.
Ich komme an als Raupe im Herzen der Blume
oder als Juwel, verborgen im Stein.

Ich komme stets gerade erst an, um zu lachen und zu weinen,
mich zu fürchten und zu hoffen.
Der Schlag meines Herzens ist Geburt und Tod
von allem, was lebt.

Ich bin die Eintagsfliege,
die an der Wasseroberfläche des Flusses schlüpft.
Und ich bin auch der Vogel, der herabstürzt, um sie zu schnappen.

Ich bin der Frosch, der vergnüglich im klaren
Wasser eines Teiches schwimmt.
Und ich bin die Ringelnatter,
die in der Stille den Frosch verspeist.

Ich bin das Kind aus Uganda, nur Haut und Knochen,
mit Beinchen so dünn wie Bambusstöcke.
Und ich bin der Waffenhändler,
der todbringende Waffen nach Uganda verkauft.

Ich bin das zwölfjährige Mädchen,
Flüchtling in einem kleinen Boot,
das von Piraten vergewaltigt wurde
und nur noch den Tod im Ozean sucht.
Und ich bin auch der Pirat,
mein Herz ist noch nicht fähig,
zu erkennen und zu lieben.

Ich bin ein Mitglied des Politbüros
mit reichlich Macht in meinen Händen.
Und ich bin der Mann, der seine „Blutschuld“
an sein Volk zu zahlen hat
und langsam in einem Arbeitslager stirbt.

Meine Freude ist wie der Frühling.
So warm, daß sie die Blumen auf der ganzen Erde
erblühen läßt.
Mein Schmerz ist wie ein Tränenstrom.
So mächtig, daß er alle vier Meere ausfüllt.
Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen!
Damit ich all mein Weinen und Lachen
zugleich hören kann.
Damit ich sehe,
daß meine Freude und mein Schmerz eins sind.

Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen!
Damit ich erwache!
Damit das Tor meines Herzens von nun an offen steht,
das Tor des Mitgefühls.“

(Thich Nhat Hanh – aus dem Buch „Zeiten der Achtsamkeit“)

 Novalis: Alle Zufälle unseres Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben.

Im Hier & Jetzt zuhause sein

Die Vergangenheit ist weder tot, noch ist' sie vergangen.

Philosophisch stammt diese Wahrnehmung von Henri Bergson, dessen Buch Materie und Gedächtnis von Godard als eines der ersten zitiert wird am Anfang der Histoire(s) du cinema. Immer und zu jeder Zeit geschehen Dinge, sagt Bergson, die fast allen Zeitgenossen entgehen. Sie sind nicht da für ihre Zeit. Für die Zukünftigen aber können diese, retrospektiv, zum Entscheidenden einer Epoche werden; zum Wesentlichen der Dann-Vergangenheit. Überhaupt gehört vieles, so Bergson, nur retrospektiv zur ehemaligen Gegenwart und hatte in jener Vergangenheit, als sie noch gegenwärtig war, nicht mehr Realität als für uns die Musik zukünftiger Musiker. Wir haben demnach die Möglichkeit, nicht nur den jetzigen Moment, sondern auch das Vergangene realer zu machen, indem unsere Sinne, unsere Einfühlung, unsere erweiterten Kenntnisse Züge an ihr wahrnehmen, die Augen, Ohren wie Nerven der Zeitgenossen entgingen. An genau so etwas arbeitet Godard in seinen Histoire(s) du cinema, wenn er beklagt, man habe die Erfindung Kino zwar gemacht, sie aber nicht wirklich genutzt, ihre Potenzen nicht ausgeschöpft. Heißt auch: Durch Godards Schichtungs- und Montagearbeit wird »das Kino« und seine Geschichte(n) in zwanzig, dreißig Jahren für die dann Lebenden von realerem Umriß sein, als es für die meisten Zeitgenossenjetzt ist; es wird einen Grad intensiverer Realität erreichen durch die Komprimationsformen, in denen es, durch die Arbeit Godards, auf sie gekommen sein wird. Solcher Vorgänge ist sich Bergson, neben Jules Michelet Godards erster Gewährsmann für Geschichtliches, sicher.
(Klaus Theweleit: Jean-Luc Godard. Histoire(s) de Cinema. S.19)

 

Filme und Jazz.

Ich habe meine Filme eher so gemacht wie zwei, drei Jazzmusiker arbeiten: Man gibt sich ein Thema, man spielt und dann organisiert es sich von selbst.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S416)

Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch. (Mt, 7, 12)

Zweites leben



Paul Celan: Zwei Menschen sind in mir, einer versteht den anderen nicht.

lauter Wörter und kein einziges Wort



In verbis herbis et lapidibus.

Ist es sehr schwer, Euch vorzustellen, daß Der Urmensch die Sprache, besonders die Einzel=Worte, gar nicht als seine Werkzeuge, vielmehr als einen ganz verdammten Zauber, in verbis herbis et lapidibus, betrachtet haben könnte? Daß er mit irgndeine Buchstabenverbindung - etwa S=U=S=I : ! - sein Pferd rufen konnte? : und es kam ! - In einer ähnlichen Situation befinden Wir=Uns heut wiederum : die Oberflächen der Worte meistern wir hinreichend=stramm; wie 1 Uhr in Bergmannskapsel : wir ziehen sie uns ausm Bauch - und sie muß (!muß!) uns die Zeit angeben. / (Arno Schmidt: Zettels Traum)

William Shakespeare: Das Leben ist ein Schatten, und der wandert, ein armer Spieler nur, der seine Stunde auf der Bühne auf- und abgeht und sich quält.

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