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Herzstück



Jean-Luc Godard: Ich versuchte herauszufinden, herauszulösen und wieder zusammenzusetzen.

Die Meditation über
"Das Leiden Buddhas"

Weil ich das Leiden erfahren habe,
Weil ich das Leiden verstanden habe,
Und ich seine Ursachen erkannt habe,

Weil ich die Ursachen des Leidens durchschaut habe,
Weil ich weiß, daß Wohlsein möglich ist,
Weil ich Wohlsein erlangt habe,

Weil ich den edlen achtfachen Pfad, der zum Wohlsein führt,
Erkannt, bis zum Ende beschritten
Und vollkommene Befreiung erfahren habe,

Verkünde ich euch nunmehr,
Daß ich ein freier Mensch bin.

Buddha: Lehrrede von der Ingangsetzung des Rades der Lehre.

Patti Smith: Gloria

Die Vergangenheit ist weder tot, noch ist' sie vergangen.

Philosophisch stammt diese Wahrnehmung von Henri Bergson, dessen Buch Materie und Gedächtnis von Godard als eines der ersten zitiert wird am Anfang der Histoire(s) du cinema. Immer und zu jeder Zeit geschehen Dinge, sagt Bergson, die fast allen Zeitgenossen entgehen. Sie sind nicht da für ihre Zeit. Für die Zukünftigen aber können diese, retrospektiv, zum Entscheidenden einer Epoche werden; zum Wesentlichen der Dann-Vergangenheit. Überhaupt gehört vieles, so Bergson, nur retrospektiv zur ehemaligen Gegenwart und hatte in jener Vergangenheit, als sie noch gegenwärtig war, nicht mehr Realität als für uns die Musik zukünftiger Musiker. Wir haben demnach die Möglichkeit, nicht nur den jetzigen Moment, sondern auch das Vergangene realer zu machen, indem unsere Sinne, unsere Einfühlung, unsere erweiterten Kenntnisse Züge an ihr wahrnehmen, die Augen, Ohren wie Nerven der Zeitgenossen entgingen. An genau so etwas arbeitet Godard in seinen Histoire(s) du cinema, wenn er beklagt, man habe die Erfindung Kino zwar gemacht, sie aber nicht wirklich genutzt, ihre Potenzen nicht ausgeschöpft. Heißt auch: Durch Godards Schichtungs- und Montagearbeit wird »das Kino« und seine Geschichte(n) in zwanzig, dreißig Jahren für die dann Lebenden von realerem Umriß sein, als es für die meisten Zeitgenossenjetzt ist; es wird einen Grad intensiverer Realität erreichen durch die Komprimationsformen, in denen es, durch die Arbeit Godards, auf sie gekommen sein wird. Solcher Vorgänge ist sich Bergson, neben Jules Michelet Godards erster Gewährsmann für Geschichtliches, sicher.
(Klaus Theweleit: Jean-Luc Godard. Histoire(s) de Cinema. S.19)

 

Ein Gewebe von Zitaten.

Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die Botschaft des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen, von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. […] [Der Schreiber kann] nur eine immer schon geschehene, niemals originelle Geste nachahmen. Seine einzige Macht besteht darin, die Schriften zu vermischen und sie miteinander zu konfrontieren,
(Roland Barthes: Der Tod des Autors.)

Marcel Proust: Daß man sich verliert, ist noch nicht schlimm, sondern daß man sich hinterher nicht wieder zurechtfinden kann.

Herzzeit 2.0

 Novalis: Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren- Das Hörbare am Unhörbaren- Das Fühlen am Unfühlbaren. Vielleicht das Denken am Undenkbaren.

Geliebter alter Zauberer.

Ich werde Zeuge eines einzigartigen physiologischen Phänomens: John Slade, wie er die Welt wahrnimmt und sie transformiert, sie herein- und auseinandernimmt, ihre Elemente, noch während er sie speichert, neu zusammenfügt, um zu irgendeinem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt ein organisches Wunder hervorzubringen, eine Fusion von Bild und Musik, eine Verszeile. (...)
Mein grauhaariger Freund, mein geliebter Zauberer, legte einen Packen Karteikarten in seinen Hut - und schüttelte ein Gedicht daraus hervor.
(Vladimr Nabokov: Fahles Feuer. S. 33.)

Wolken



Sprechendes Ich

Freilich ist hier niemals die Sprache selbst, die
Sprache schlechthin am Werk, sondern immer
nur ein unter dem besonderen Neigungswinkel
seiner Existenz sprechendes Ich ...
(Paul Celan)

Es ist leicht, einen großen goldenen Buddha in einem großen goldenen Buddha zu sehen, aber wenn du den großen Buddha in einem Grashalm siehst, wird das eine ganz bondere Freude sein.
(Shunryu Suzuki)

Reich mir den Apfel, Eva!

Woher unser kritisches Gottesbild kommt und warum wir es verteidigen sollten

Warum wuchs im Paradies ein Baum mit verbotenen Früchten? Wenn Gott die Welt erschaffen hat, hätte er den Baum doch weglassen können, auf dass Adam und Eva für alle Zeiten nackt, unschuldig, unwissend und somit glücklich geblieben wären. Stattdessen erließ er ein Verbot, das sogleich zur Übertretung reizte. Mit den Worten der Schlange: "An dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist." Bevor Adam und Eva das Gebot des Herrn übertreten, stellen sie ihn also selbst infrage: Enthält er uns vor, was uns zusteht? Will er uns wirklich wohl? Hat seine Ordnung Sinn? So beginnt schon im Paradies der Zweifel an Gott.

Die allererste Geschichte der Bibel handelt von den Bedenken der menschlichen Geschöpfe gegenüber dem Schöpfer, von ihrer Unfähigkeit, blind zu glauben. Dass die Zweifler mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft werden, spricht nicht gegen den Zweifel, sondern unterstreicht dessen Macht: Durch ihn kommt die Menschheitsgeschichte in Gang.

In der Bibel gehören Gott und der Zweifel an Gott seit je zusammen. Schon im Alten Testament, das die Christen von den Juden geerbt haben, liefert die Religion selber den Vorbehalt gegen das Gottvertrauen. So wird der Widerspruchsgeist geweckt. Vielleicht ist er das Beste am Christentum: denn ohne Zweifel keine Religionsfreiheit und kein Religionsfrieden.

Schade, dass davon in den aktuellen Glaubensdebatten so wenig zu spüren ist. Allenthalben wird der Glaube gegen Kritik in Schutz genommen. Kaum entbrennt ein Streit über Kreuz oder Kopftuch, über Abendmahl oder Beschneidung, über Kirchen- oder Islamreform, ergeht sogleich die Warnung, den Streit nicht zu weit zu treiben. Es könnten sich sonst Gläubige beleidigt und diskriminiert fühlen! Nicht mehr der Glaube gilt als zweifelhaft – sondern der Zweifel.

Kant, deutscher Prediger der Vernunftreligion, würde seinen Ohren nicht trauen. Lessing, deutscher Dichter der Toleranz, und Hegel, deutscher Erfinder des Weltgeistes, wären entsetzt. Nur Hegels Schüler, die Religionskritiker Ludwig Feuerbach und Karl Marx, fühlten sich heute bestätigt in ihrer Überzeugung: Ja, der Glaube benebelt den Verstand.

Wirft die Religion Probleme auf, melden sich Religionsverteidiger vehement zu Wort. Erhebt sich Religionskritik, wird sie als Religionsfeindschaft verdächtigt. Als verberge sich hinter jedem "Aber" ein aggressiver Atheismus, als sei jeder Skeptiker schon ein Kommunist, der Kirchen sprengen lässt. Es herrscht eine spürbare Angst vor offener Glaubenskontroverse. Religion wird verteidigt, als sei sie ein Wert an sich. Als komme es nicht darauf an, was und wie einer glaubt und in welchem Zustand sich seine Glaubensgemeinschaft befindet.

So war es 2010, als die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ans Licht kamen: Systematische Vertuschung wurde offenbar, und die machtgeschützte Innerlichkeit des Klerus geriet in die Kritik, doch viele Kirchenvertreter verstanden dies als kirchenfeindliche Attacke. Später, als 240 deutsche katholische Theologen von Papst Benedikt Kirchenreformen forderten, verdächtigte man sie, Agenten der Verweltlichung zu sein. Jeder Kritiker war gleich ein Feind.

So ist es auch, seit sich islamistische Anschläge mehren: Deutsche Reformmuslime, die religiöse Eiferer des Islams kritisieren, werden von muslimischen Verbänden aufgefordert, keinen Generalverdacht gegen die Glaubensbrüder zu schüren. Muslimische Feministinnen, die das Kopftuch kritisieren, werden gerügt, ihre Kritik nütze den Islamhassern und sei daher zu unterlassen.

Was ist Zweifel?

Gerade wiederholt sich das Muster im Streit um das Kreuz des Markus Söder: Die Mehrheit der Politiker und Journalisten fand die bayerische Kreuzverordnung zwar falsch, doch viele fühlten sich bemüßigt, das Kreuz zu verteidigen, obwohl es gar nicht angegriffen worden war. Die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer forderte: "Lasst uns das Religiöse wertschätzen und dem Religiösen einen Platz im öffentlichen Raum geben." Eine Wertschätzung der Religionsfreiheit, die auch eine Freiheit vom Religiösen ist, forderte sie nicht. Seit wann ist es tolerant, Religionsstreit zu vermeiden? Und wie kommt man da wieder heraus?

Antwort: Indem man sich den Wert des Zweifels klarmacht. Deutschland war und ist ein Land der Religionskritik. Hier freut man sich nicht einfach, wenn ein Deutscher Papst wird, sondern kritisiert ihn hingebungsvoll. Hier weiß man aus blutigen Konfessionskriegen, dass Glaubensstreit erlaubt sein muss. Hier ist Gott nicht nur zum Anbeten da, sondern zum Streiten. In anderen Ländern immer noch undenkbar!

Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche und behaupten, es sei Gott selber gewesen, der sich am siebten Tag als Schlange unter den Baum der Erkenntnis legte. "Er erholte sich so davon, Gott zu sein. Er hatte alles zu schön gemacht", schrieb der Philosoph 1886 in Jenseits von Gut und Böse. Das Paradies sei dem Schöpfer schon am ersten Sonntag langweilig geworden, weshalb er Widerstand gegen sich selbst organisierte. Heute kennt man von Nietzsche vor allem den Satz "Gott ist tot!" Doch er verkündete ihn nicht triumphierend, sondern beinahe bedauernd. Diese Haltung ist typisch für eine Religionskritik, die bei aller Lust an der Provokation den Glauben nicht einfach verneint, sondern dessen Verlust beklagt. Man hätte gern Gewissheit, aber nichts ist gewiss. Man weiß nur, der Glaube ist ohne Zweifel nicht zu haben – und der Unglaube erst recht nicht.

Was ist Zweifel? Aus dem Paradies vertrieben zu sein. Die Bibel ist deshalb voll von Zweiflern: Kain, der an Gottes Liebe nicht glaubt und aus Neid seinen Bruder Abel erschlägt. Moses, der nicht glauben kann, dass Gott aus dem brennenden Dornbusch zu ihm spricht. Jona, der sich dem Auftrag Gottes widersetzt, weil er ihn für unsinnig hält. Auch die Propheten brüllen ihre Zweifel ins All, und selbst Jesus zweifelt in den letzten Stunden am Vater im Himmel. Der berühmteste Zweifler der Bibel aber ist der Apostel Thomas, er glaubt nicht, dass Jesus auferstanden ist, bis er eigenhändig dessen Wundmale berührt.

Gott, wenn er existiert, ist nicht von dieser Welt, folglich bleibt er den Menschen ein Geheimnis. Folglich kann es auf jenseitige Fragen keine letzten diesseitigen Antworten geben. Daran sollten sich die neuen Verteidiger der Religion erinnern. Nur wer den eigenen Glauben nicht verabsolutiert, kann Andersgläubige oder Nichtgläubige tolerieren.

Selbst Joseph Ratzinger, der viel geschmähte Traditionalist, wusste das. Seine Einführung in das Christentum beginnt mit dem Befremdlichen des Glaubens: Wer heute den Glauben glaubhaft verkündigen wolle, der müsse die Ungeborgenheit seines eigenen Glaubens erkennen. Der Glaubende hänge am Glauben wie am Kreuz, aber das Kreuz hänge an nichts – als loser Balken treibe es auf dem Meer. Fortwährend werde dem Glaubenden das Salzwasser des Zweifels in den Mund gespült, dem Ungläubigen aber ergehe es nicht besser. "Wer der Ungewissheit des Glaubens entfliehen will, der wird die Ungewissheit des Unglaubens erfahren." Keiner könne dem Zweifel ganz, keiner dem Glauben ganz entrinnen. "Der Glaubende wie der Ungläubige haben am Zweifel und am Glauben Anteil."

2005 wurde Ratzinger zu Papst Benedikt XVI., in einer Zeit, als die neuen Glaubenskonflikte schon aufbrachen, aber der Westen sich seiner selbst noch gewiss war. Das rote Jahrhundert hatte man überstanden und wähnte sich nun auf dem rechten Weg. Gegen diese Selbstüberschätzung setzte Benedikt die Vision einer entweltlichten Kirche. Er kritisierte die Welt, aber verbarrikadierte sich gegen die Kirchenkritik, als hätte er die eigene dialektische Einsicht von einst vergessen.

Erst sein Nachfolger, Franziskus, hat dafür wieder Worte gefunden. Er macht die Reform seiner Kirche zur Chefsache. Er beschämt die Politik, indem er zum Kritiker an den Weltmiseren wird. Und während der Westen eine Identitätskrise erleidet, während rechte Populisten und islamische Fundamentalisten ihre Ansprüche geltend machen, der Ton der politischen Debatte rechthaberischer wird, beharrt ausgerechnet der "Stellvertreter Gottes" auf seiner Fehlbarkeit.

Was heißt Religionskritik?

Er weiß: Rechthaberei in Glaubensdingen ist der Kern gefährlicher religiöser und damit politischer Konflikte, sie passt nicht zur Religionsfreiheit. Die Rechthaber vergessen, wie mühevoll diese Freiheit errungen wurde, wie lange es dauerte, bis ein aufgeklärtes Gottesbild erlaubt war. Lessing musste sich Religionskritisches noch vom Herzog verbieten lassen, weil es Ärger mache. Er schrieb daraufhin sein Theaterstück Nathan der Weise – ein Meilenstein der Aufklärung und ein großes Plädoyer für das Miteinander von Juden, Christen, Muslimen. Lessing nannte aber auch die Bedingung: Jeder Gläubige muss dem Andersgläubigen vorurteilsfrei begegnen und dessen Wahrheit gelten lassen. Jede Religion ist nur so wahr, wie sie tolerant ist, und so irrig, wie sie dogmatisch ist.

Deutschland ist ein Land der Religionskritik, und das verdanken wir Kritikern, Theologen und Dichtern gleichermaßen. Goethe, kein Atheist, erhob gleich zwei Gottesherausforderer zu seinen Helden: Prometheus, der sich dem Göttervater Zeus widersetzt, und Mephistopheles, den Geist, der stets verneint. An Prometheus fasziniert bis heute dessen Weigerung, sich einer unhinterfragbaren Obrigkeit zu unterwerfen. An Mephisto fasziniert dessen illusionsloses Bild vom Menschen, sein teuflischer Realismus, mit dem er am Ende unterliegt, weil er das Gute unterschätzt.

Was heißt Religionskritik? Dass keine Religion ihre Wahrheit verabsolutieren darf, dass aber auch die Kritik sich selbst nicht verabsolutiert. Schon die antiken Denker erkennen, dass Gott zwar kritisierbar, aber nicht widerlegbar ist. Und einer der schärfsten Kirchenkritiker der Aufklärung, Voltaire, möchte sich lieber nicht als Atheist bezeichnen. Leidenschaftlich zwar bekämpft er die Macht des Klerus und ruft zur Zerstörung des Papsttums auf, aber er schreibt auch: "Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden." Für Voltaire ist Gott eine unverzichtbare moralische Autorität, die die Gesellschaft leiten soll. Diese autoritäre Sicht auf Gott erinnert an das moderne Postulat, auch die Demokratie komme ohne Gott nicht aus – und deshalb stehe er im Grundgesetz.

Doch das ist falsch. Der Gottesbezug im Grundgesetz bedeutet nicht, dass Gott über dem weltlichen Gesetz steht, denn der freiheitliche Staat braucht zur Rechtfertigung keine höhere Weisheit. Der Gottesbezug dient lediglich als Demutsformel. Sie soll, so erklärt es der Rechtsphilosoph Horst Dreier, die Endlichkeit und Relativität unserer Verfassung betonen. Sie soll allen totalitären Staatsmodellen vorsorglich eine Absage erteilen – atheistischen und theokratischen gleichermaßen. Der Mensch als Macher des Grundgesetzes richtet den Blick nur deshalb nach oben, auf Gott, um zu sagen, dass er selber eben nicht Gott ist und seine Gesetze bestreitbar bleiben.

Dreier nennt einen Staat, der solchen Streit garantiert, einen Staat der Zumutungen. Dessen Bürger müssen ertragen, dass andere anders denken, leben, glauben. Doch sie haben auch die umfassende Freiheit zur Kritik, ja "zur geistigen Provokation". Warum sollte es gut sein, von dieser Freiheit keinen Gebrauch zu machen? Weil, könnte man sagen, das dem sozialen Frieden dient. Dieses Argument taucht immer wieder auf (etwa gegen Blasphemie), es kommt gern von linken Gegnern einer deutlichen Islamkritik. Früher kam es von rechts, aber es bleibt so oder so freiheitsfeindlich. Denn ein Frieden, der darauf beruht, dass Streit erstickt wird, ist kein Frieden. Religionsfreiheit, die man der Religion zuliebe nicht nutzt, ist tot.

Die deutschen Kirchen haben nach heftigem Widerstand die Religionsfreiheit als wichtiges Anliegen der Aufklärung akzeptiert. Das steht dem Islam noch bevor – und es hilft ihm nicht, wenn man ihn von Kritik verschont. Christen sollten darauf achten, dass ihre Kritik am Islam nicht selbstgerecht ist, aber sie sollten sich auch nicht einreden lassen, dass Kritik an einer fremden Religion per se selbstgerecht sei. Dafür haben sie ihr Recht auf Selbstkritik zu hart erkämpft. Seit Luther dient sie der Reform des Christentums. Luther war Ketzer aus Frömmigkeit, er betonte: Der Gekreuzigte selbst verkörpert den Zweifel an Gott. Wer den Gottessohn am Kreuz leiden sieht, muss fragen, was das für ein Gottvater sein soll. Er offenbart sich nicht in der Macht, sondern in der Ohnmacht, als das verletzliche Gegenteil seiner selbst.

Wer Gott ernst nimmt, muss eigenständig über ihn nachdenken. Denn Offenbarung heißt auch Aufklärung. Blinder Glaube aber macht gefährlich – und je blinder der Glaube, desto gefährlicher der Mensch. Daher darf in Zeiten des militanten Fundamentalismus keine Religion sakrosankt sein. Gotteskrieger erhoffen das Jenseits und verachten das Diesseits. In ihrer Jenseitsfixierung gründet der Terror, gründet die Lust an der Vernichtung. Das ist bitter für den Islam heute, zumal er in der Geschichte unterschiedliche kulturelle Gesichter zeigte. Schon Thomas von Aquin suchte das Gespräch mit seinen Philosophen. Lessing und Goethe ließen sich von ihm inspirieren. Nun müssen auch seine Theologen mit der Moderne in den Dialog treten, statt sie zu verteufeln.

In religiösen Ländern gilt Deutschland heute als glaubensschwach. Es ist aber stark – im Zweifeln. Deutsche Theologen sind darin sogar Weltspitze. Sie warnen vor Zweifelsverweigerern und sagen, vom Zweifel handelt auch Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Denn Pfingsten ermuntert die Menschen, offen für Neues zu sein und den Gedanken zuzulassen, dass es mehr gibt als das, was wir unzweifelhaft wissen. Ohne Zweifel keine Kritik und ohne Kritik kein Streit. Ohne Streit keine Freiheit und ohne Freiheit kein Frieden. Deutschland ist ein Land der Religionskritik. Es wäre schön, wenn es so bliebe.

Von Evelyn Finger
DIE ZEIT Nr. 21/2018

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