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Wolken



Jean-Luc Godard: Wörter können über Wörter sprechen. Schief wird es erst, wenn Wörter über Bilder sprechen.

Todesfuge


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Paul Celan: Todesfuge.

Das Leben der Mönche

Die Meditationshalle oder Zendo, wie sie in Japan genannt wird, ist ein rechteckiges Gebäude, dessen Größe sich nach der Zahl der Mönche richtet. Das Zendo zu Engakuji in Kamakura ist ungefähr 11 auf 20 Meter groß und faßt 30 bis 40 Mönche. Der Raum für jeden einzelnen Mönch ist ein Tatami, eine Matte von 1 auf 2 Meter, auf der er sitzt, meditiert und schläft. Das Bettzeug für jeden besteht sommers wie winters lediglich aus einer breiten wattierten Steppdecke in der Größe von 1,5 auf 2 Meter. Für gewöhnlich hat er kein Kissen, wenn es ihm nicht zeitweilig aus eigenem Besitz zugestanden wird. Sein Besitz ist aber fast gleich Null. Er besteht aus einem Kesa (kasäya) und Koromo (Mönchsgewänder), einigen wenigen Büchern, einem Rasierapparat und einem Satz Schalen, was in einem Kästchen aus Papiermache von 40 X 30 X 10,5 cm Größe aufbewahrt wird. Auf der Wanderschaft wird dieses Kästchen auf der Brust getragen und ist am Nacken mit einer breiten Binde befestigt. So führt der Mönch seine ganze Habe mit sich.
(D.T. Suzuki: Die große Befreiung)

Casta Diva Bartoli

 

Wie bei einem Experiment

Man müßte ein Stück Film zeigen. Dafür müßte man es zunächst finden, und man müßte auch schon die Suche nach diesem Stück Film zeigen, mengenweise kleine Stücke vorführen und erzählen, wie man sie gefunden hat, Sagen: In der Richtung haben wir gesucht ... , und dann plötzlich, gemeinsam mit Ihnen und vor Ihnen, wie bei einem Experiment, feststellen, daß es das kleine Stück ist, das interessiert, und es dann zu einem anderen in Beziehung setzen und so ein Stück Geschichte daraus machen.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S.61)

 "Ich speichere - also bin ich."

Psalm - Ja, ja Nein, nein- ein Koan

Martin Heidegger: Fragen ist das Philosophieren in erster Linie, das eigentliche Philosophieren.

Die Würfelbecher des Zufalls.

Jene eisernen Hände der Nothwendigkeit, welche den Würfelbecher des Zufalls schütteln, spielen ihr Spiel unendliche Zeit: da müssen Würfe vorkommen, die der Zweckmässigkeit und Vernünftigkeit jedes Grades vollkommen ähnlich sehen. Vielleicht sind unsere Willensacte, unsere Zwecke nichts Anderes, als eben solche Würfe – und wir sind nur zu beschränkt und zu eitel dazu, unsere äusserste Beschränktheit zu begreifen: die nämlich, dass wir selber mit eisernen Händen den Würfelbecher schütteln, dass wir selber in unseren absichtlichsten Handlungen Nichts mehr thun, als das Spiel der Nothwendigkeit zu spielen. Vielleicht! –
(Friedrich Nietzsche. Die Morgenröte.)

Tausendkristall



Der Dichter ist kein Lehrer der Moral.

Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht.
(Georg Büchner)

Tue einfach, was du tust, was auch immer es sein mag. Das gilt nicht nur für Zazen: Alles was du tust, solltest du einfach tun.
(Kodo Sawaki)

Der Sündenfall

Als die Menschheit sesshaft wurde, handelte sie sich gewaltige Schwierigkeiten ein – und brachte die kulturelle Evolution auf Hochtouren. Die beste Quelle dafür ist ein Buch, das jeder kennt: Die Bibel.
Der größte Fehler in der langen Geschichte der Menschheit? Für den Evolutionsbiologen und Pulitzer-Preisträger Jared Diamond ist die Antwort eindeutig: dass die Menschen sesshaft wurden. Zwar habe es sich, gesteht der amerikanische Forscher zu, um den Startschuss zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte gehandelt – in den vergangenen 10.000 Jahren ist die Zahl der Menschen von vier Millionen auf bald acht Milliarden gewachsen. Doch die gewaltigen Probleme, die durch die Sesshaftwerdung erst entstanden sind, bestimmen das menschliche Schicksal bis heute.
Tatsächlich stellt der Übergang des Homo sapiens vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter die dramatischste Verhaltensänderung einer Tierart auf diesem Planeten dar, die je beobachtet wurde. Um die Bedingungen und Motive dieses Wandels zu erforschen, stützten sich Wissenschaftler bisher auf genetische, archäologische und ethnologische Studien. Unbemerkt blieb, dass es eine Quelle gibt, die wie keine zweite Einblick in diese Misere des Menschen gewährt: die Bibel.
Das Alte Testament bringt den menschheitsgeschichtlichen Umbruch auf den Punkt: Gott hat Adam und Eva fürs Paradies bestimmt, aber diese fristen ihr Dasein weit jenseits von Eden. Dort geht es drunter und drüber. Kain erschlägt Abel. Gott schickt die Sintflut. Der Turmbau von Babel endet im Fiasko. Die Geschichten um Abraham und Co. strotzen von Zank und Zwietracht. Dürren, Seuchen und Kriege sind ein beständiges Thema der Thora, der fünf Bücher Mose.
Es sind genau jene Krisen, die sich erst aus dem Sesshaftwerden ergeben, dem eigentlichen Sündenfall der Menschheit. Wie diese Katastrophen die kulturelle Evolution auf Touren brachten, das dokumentiert die Bibel.
Unsere nomadischen Vorfahren haben vermutlich nie im Paradies gelebt. Weil sie aber für Zehntausende von Jahren in kleinen Gruppen als Jäger und Sammler umherzogen, waren sie hervorragend an dieses Dasein angepasst. Weder gab es nennenswerten Besitz noch ausgeprägte Hierarchien. Die Beute wurde geteilt. Da man keine Vorräte anlegen konnte, waren soziale Beziehungen die Lebensversicherung. Egoisten wurden, wie der Anthropologe Christopher Boehm von der University of Southern California zeigte, von der Gruppe in die Schranken gewiesen, wenn nicht verstoßen oder gar getötet. Unter diesen Bedingungen entstand als zentrale moralische Intuition der Sinn für Gleichheit, Gerechtigkeit und Gemeinschaft.
Warum also vor mehr als zehntausend Jahren dieser dramatische Wandel? Sehr wahrscheinlich ist dieses Szenario: Wo es die reichen Wildbestände erlaubten, hörten nach dem Ende der letzten Eiszeit einzelne Gruppen auf, Beeren und Beute suchend umherzuziehen. In Lagernähe säten sich dann jene Pflanzen zufällig aus, deren Früchte und Samen die Frauen sammelten. Und brachten die Jäger mal Jungtiere aus dem Wald mit, so vollzog sich deren Domestikation wohl fast von selbst.
Prähistoriker diskutieren noch, ob ein Klimawandel dem natürlichen Überfluss im fruchtbaren Halbmond zwischen Levante, Euphrat und Tigris vor gut zwölftausend Jahren ein Ende bereitet hat oder ob die Wildbestände durch zu starke Bejagung eingebrochen sind. Auf jeden Fall reichte das, was die Natur allein hergab, nicht mehr aus. Da auch die Nachbarn mit diesen Problemen kämpften, war Weiterziehen keine Option. Also mussten Ackerbau und Viehzucht fortan das Überleben sichern.
Die Folgen waren verheerend. Zwar wuchs die Bevölkerung, weil die Babys früh entwöhnt wurden und die Frauen mehr Kinder gebaren. Doch der Einzelne litt. Skelettfunde aus dieser Zeit beweisen, dass die Menschen kleiner blieben und früher starben. In der neuen Welt musste man im Schweiße seines Angesichts schuften, da hat die Bibel recht. Samuel Bowles, Ökonom vom Santa Fe Institute, hat berechnet, dass Bauern erheblich mehr Zeit für dieselbe Kalorienmenge aufwenden mussten als Jäger und Sammler. Zudem führte ihre oft einseitige Ernährung zu Mangelerkrankungen. Nicht zuletzt veränderte die Nahrungsumstellung die Mundflora – seither plagt Karies die Menschheit.
Es blieb nicht das einzige Hygieneproblem der Siedler. Dass die Zahl der Darmparasiten stieg, beweisen Koprolithen, versteinerte Exkremente. Der Kontakt mit domestizierten Tieren ließ immer mehr Erreger von Schaf, Schwein, Ziege oder Rind auf den Menschen überspringen. (Nicht ohne Grund wird in der Thora die Sodomie gleich dreimal explizit verboten.) Je enger die Menschen beieinander wohnten, desto verheerender wüteten Epidemien. Ihre ersten Städte wurden zu Seuchen-Eldorados: von Babel bis Sodom und Gomorrha. Wen wundert es da noch, dass in der Bibel so oft Städte untergingen.
Gottes Fluch über Eva schließlich ist eine besonders präzise Beschreibung der neuen anderen Umstände: "Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger bist; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein." Unter dem sich formierenden Patriarchat verloren die Frauen nicht nur ihre Selbstbestimmung, auch führten ihre kleinere Statur und neue Körperbelastungen etwa durch Getreidemahlen dazu, dass ihre vielen Geburten mit Qualen und hoher Sterblichkeit verbunden waren.
Die Hausordnung der sesshaften Welt
Die Solidarität der alten Jagdgemeinschaften verschwand. Wer Vorräte besaß, war nicht mehr auf Nachbarn angewiesen. Die mit der Sesshaftwerdung einhergehende Erfindung des Grundeigentums entfaltete eine fatale Dynamik. Es musste verteidigt werden, dazu brauchten die Patriarchen ihre Söhne, die aber nicht alle erben konnten. Kein Wunder, dass sich biblische Brüder ständig an die Gurgel gingen.
In der neuen Konkurrenz nutzten die einst von den Gruppen niedergehaltenen Despoten ihre Chance. Sie brachten die im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung aufkommenden Staaten unter ihre Herrschaft. Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Krieg eskalierten.
In früheren Zeiten hatte die biologische Evolution das Überleben der Populationen gesichert, seit dem Sesshaftwerden fehlte für eine biologische Anpassung die Zeit. Die kulturelle Evolution übernahm die Führung: Wer überleben wollte, musste sich etwas einfallen lassen. Die größer werdenden Gesellschaften brauchten neue Regeln für ihr Zusammenleben, Gesetze. Wer aber sollte sie erlassen? Wer sie durchsetzen? Wie sollten sie lauten? Auch wussten die Menschen nichts von Bakterien und Viren, von Plattentektonik, Wetter und Klimaschwankungen…
Uralte mentale Schaltkreise lassen Menschen überall geheimnisvolle Kräfte vermuten. So wähnten die Siedler hinter Krisen und Katastrophen die alten Verdächtigen für Unglück: Geister und Ahnen. Diesen bescherte die Misere der Sesshaftwerdung einen gewaltigen Karrieresprung. Aus Geistern wurden Götter. Da sie Kriege und Krankheiten schickten, galt es, sie zu besänftigen. Man baute ihnen Tempel und versuchte, ihre Gunst mit Opfern zu erkaufen. So avancierte Religion zur kulturellen Schutzmacht.
Unter den Bedingungen der Vielgötterei hatten die Menschen aber nie eindeutig entscheiden können, welcher Gott für welches Unglück zuständig war. Im Monotheismus gab es nur noch einen Verantwortlichen. Der aber musste nun die Arbeit eines ganzen Götterhimmels übernehmen. Deshalb erscheint Jahwe, der Gott des Alten Testaments, so zornig. Doch das erwies sich als Vorteil.
»Ackerbau und Viehzucht statt Sammeln und Jagen: Nie hat eine Art ihr Verhalten so grundlegend verändert.«
Schickte er Seuchen, Dürren oder ein feindliches Heer, hatten die Menschen etwas falsch gemacht. Dann galt es herauszufinden, was Gottes Zorn erregt hatte, und die Missetat per Gesetz zu untersagen. Tatsächlich birgt die Thora nicht nur die Zehn Gebote, sondern weitere 603 Gesetze. Sie sind die Hausordnung der sesshaften Welt.
Eine Vielzahl dieser Regeln dient der Gesundheitsvorsorge. Ob bei Ernährung, Hygiene oder beim Geschlechtsverkehr: Regeln sollen verhindern, dass Gott in Rage gerät. Besonders in Bezug auf Körperflüssigkeiten schien er leicht erregbar. Soldaten schreibt die Bibel sogar vor, wie diese mit ihrer Notdurft umzugehen haben: "und wenn du gesessen hast, sollst du zuscharren, was von dir gegangen ist." (Deuteronomium 23,14)
Für die Gläubigen regelten die biblischen Gesetze menschliche Pflichten gegenüber Gott, tatsächlich sicherten sie das Überleben der Gesellschaften. Faszinierend daran ist: Man musste die wahren Ursachen einer Krise gar nicht kennen. Es reichte aus, etwa jene Praktiken zu identifizieren, die wiederholt Krankheiten vorangingen, und diese zu unterbinden. Gott erweist sich damit als protowissenschaftliche Strategie, um Wissenslücken zu überbrücken.
Gesetze regulierten auch das seit der Sesshaftwerdung aus dem Lot geratene soziale Leben: Bei der Erkundung göttlicher Intentionen leitete die Priester und Schriftgelehrten die Annahme, dass Jahwe dieselben Dinge zornig machen wie die Menschen selbst. So hasst er maßlosen Reichtum, verabscheut Ungerechtigkeit, fordert Nächstenliebe und Solidarität mit den Armen – ein Widerhall der alten Jäger- und-Sammler-Moral. Das ist die zivilisatorische Leistung der Thora: Als allerorten Despoten herrschten, machte sie die Moral zur Sache Gottes und entzog sie so dem Zugriff der Mächtigen.
Aber auch dieses Katastrophenvermeidungssystem hatte Schwächen, die Veränderungen erzwangen. An der Bibel wurde von etwa 800 vor bis 200 nach Christus gearbeitet. Immer wieder musste die biblische Weltordnung an die veränderten Bedürfnisse und Gegebenheiten angepasst werden. Es entstand in den Psalmen neben dem strafenden auch das Bild eines fürsorglichen Gottes, der sich um die spirituellen Nöte der Menschen kümmert, der sie heilt und tröstet. Ist jemand, der krank wird, wirklich selbst schuld daran?
Eine Rückkehr ist nicht möglich
Und wenn auch größter Gehorsam Krieg und Unterdrückung nicht verschwinden ließ, handelte es sich dann dabei gar nicht um Strafen, sondern vielleicht um Prüfungen Gottes? Zur selben Zeit wurde die Zuständigkeit für das Übel in der Welt Satan und den Dämonen übertragen. Mit der Konsequenz, dass das Unheil nicht mehr demütig ertragen werden musste, sondern bekämpft werden konnte – und durfte.
Doch selbst für die gesetzestreuesten, leidgeprüftesten Frommen kehrten Krankheiten, Kriege, Hungersnöte immer wieder. War Gott wortbrüchig? War er ungerecht? Eine Idee, vielleicht die Killer-Applikation der Bibel, musste das göttliche Regelgebäude stützen. Diese Idee war das Jenseits, dort sollte sich die göttliche Gerechtigkeit erfüllen. Obwohl es sich um eine zentrale religiöse Institution handelt, ist diese Jenseits-Vorstellung in der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, eine relativ späte Erfindung.
Auf all dem baute das Christentum seinen Erfolg auf.
Die Bibel hat ihre besten Zeiten als Hygiene- und Sozialgesetzbuch hinter sich. Und die Wissenschaft hat den Katastrophenschutz übernommen. Doch mit den Folgen von Acker- und Städtebau, mit den Erfolgen unserer technischen Zivilisation schlagen wir uns noch heute herum. Und die kulturelle Evolution, die diesen irrwitzigen Wandel ermöglichte, hat selbst eine Menge neuer Probleme produziert. Manch Zivilisationsüberdrüssiger mag da sehnsüchtig von naturverbundenen Horden träumen und selbst wieder zum Jäger und Sammler werden wollen.
Doch den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als ihre Präventionsstrategien neu zu justieren – ebenso die Regeln fürs Zusammenleben auf engem Raum. Denn eine Rückkehr in die Welt vor dem Sesshaftwerden ist nicht möglich. Dem steht mehr entgegen als nur die Engel mit dem flammenden Schwert, die Jahwe vor dem Garten Eden postiert hat.

Von Carel van Schaik und Kai Michel
DIE ZEIT Nr. 39/2016, 15. September 2016

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