www.zuschauKunst.de

myArt160923



160923,...160618,...160515,...160507,...160422,...160227,...151220,...150926,...1500815,...150623,...150515,...150406,...150103,...141212,...141028

das Augenkind



mit geschäftiger Hand

Froh empfind' ich mich nun mit dem Internet verbunden,
Vor- und Mitwelt gleitet schneller und verfügbarer mir.
Ich befolg' die Datenschutz-Richtlinen, überfliege die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd’ ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.
Und informiere ich mich nicht, wenn ich des performanten Datenmanagements
Anmut spähe, und die Hand leite Klick für Klick.
Dann manage ich Big Data erst recht: ich denk’ und disigne,
Sehe in ständiger Verbundenheit, reviewe mit sehender Hand.
Löscht die Liebste denn gleich mir den benötigten Speicherplatz;
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer nur gepostet, es wird vernünftig kopiert,
Hackt sie das Internet, scann' ich und koordiniere viel.
Oftmals hab’ ich auch schon auf ihrem iPad modelliert
Und den Service heimlich mit fingernder Hand,
objektorientiert gezählt. Sie twittert regelkonform
Und es durchglühet ihre Perormance mir bis ins Tiefste die Architektur.
 Der Follwer controlled unseren Traffic indes und denket der Sozialen Netzwerke,
Da er die Datenmodellierung seinen Triumvirn getan.

"©" digipo)e(sie, Januar 2013


Jean-Luc Godard: Was mir Spass macht, ist, zwei Bilder so zusammenzustellen, dass daraus sich was drittes ergibt, nicht ein Bild, sondern das, was man mit zweien gemacht hat.

Irgendetwas fehlt da doch noch.

Du willst Geld verdienen, du willst schlemmen, du willst Karriere machen. Das bedeutet es, vom Weg abzukommen. Beim Zen geht es darum, zurückzukehren zu deinem eigentlichen Weg. Besinne dich auf deine eigene Natur! Vondiesem Standpunkt aus wirst du erkennen, dass du nicht aus eigener Kraft geboren wurdest, noch atmest du aus eigener Kraft, und du bist es auch nicht, der dein Herz zum Schlagen bringt. "Ich mach einfach was mir Spaß macht" red keinen Unsinn, die alten Weisen lehren uns, dass das Universum nicht getrennt ist von uns selbst.
Du widmest dich eifrig deinem Studium, weil du ein klares Ziel vor Augen hast. Außerdem motiviert es dich, wenn andere deinen Erfolg sehen.Doch sobald du dein Ziel erreicht hast, überkommt dich wieder die Schwermut. Irgendetwas fehlt da doch noch. Deinem wirklichen Selbst wirst du erst dann begegnen, wenn du aus diesem stinkenden Fleischsack ausbrichst und eins wirst mit dem Universum. Dafür musst du dich erstmal fest auf deinen Arsch setzen. Wenn du dann endlich erkennst, dass du eins bist mit dem Universum und dein tägliches Leben aus dieser konkreten Erfahrung heraus lebst, dann spürst du Freude, dann fühlst du dein Glück.
(Kodo Sawaki: Zen ist die größte Lüge aller Zeiten.)

Bach - Mass in B minor, BWV232 by Philippe Herreweghe and Collegium Vocale Gent

 

Die Vollendung des Kunstwerks.

Mich beeindruckt der Gedanke Marcel Duchamps, dass ein Kunstwerk nicht vom Künstler sondern vom Zuhörer und Betrachter vollendet wird. Also kann sich das Werk je Betrachter verändern.
(John Cage: Out of the Cage.)

Georg Büchner: Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.

Diesseits von Eden - ein Koan

Friedrich Nietzsche: Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.

Kulturflatrate



Aufgabe des Betrachters.

Kunstwerke sind Objekte, die nicht einfach erscheinen, sondern ihr Erscheinen darbieten und dem Betrachter aufgeben, die Konstruktion dieses Erscheinens zu erkunden und zu verstehen: Sie sind auf Interpretation angelegte Objekte.
(Wolfgang Seel: Ästhetik des Erscheinens. S.158)

Ich muß meinen eigenen Weg gehen; wenn ich jemandem etwas Gutes tun will, muß ich es auf meine eigene Weise tun.
(Nakagawa Roshi)

Aleppo

Der Krieg in Syrien und der Zynismus angesichts des Leids dort zeigen: Es gibt keine Moral, die der Globalisierung der Welt entsprechen würde.
Von Carolin Emcke
Die ungeheure Erweiterung der Handlungsräume ließ die Frage aufkommen, ob die Moral mit dem Fortschritt der kommerziellen Gesellschaft Schritt halten könnte." So formulierte es der Publizist Henning Ritter in seinem Essay "Nahes und Fernes Unglück. Versuch über das Mitleid". Diese Zeilen galten zwar den Entwicklungen im 18. Jahrhundert, man könnte jedoch glauben, sie bezögen sich auf die ethisch-existenziellen Fragen der Gegenwart: Ob in der globalisierten Welt mit ihrer ungeheuren Erweiterung der Handlungsräume die Moral auch dem Fortschritt der digitalisierten Gesellschaft Schritt halten kann? Ob aus der Tatsache, dass Raum und Zeit sich verdichtet haben, wie das immer behauptet wird, auch irgendetwas folgt? Ob sich mit dem Wissen über die Ereignisse an anderen Orten der Welt, das uns heutzutage digital schneller erreicht als früher, auch das Mitleid erweitert hat? Und ob das Mitleid dann auch tatsächlich zum Handeln mobilisiert? Oder, so beschrieb Henning Ritter die trostlose Alternative, ob die Gesellschaft "sich spalten könnte in ein Ethos der Nähe und der Ferne".
Bei einem Blick auf die furchtbare Schlacht um Aleppo, die wir, zeitgleich, tatenlos miterleben, zeigt sich: Die Moral hat nicht Schritt gehalten. Der ungeheuren Erweiterung der Handlungsräume entspricht keine Erweiterung des Mitleids. Es gibt stattdessen wohl doch nur ein Ethos der Nähe und der Ferne. Auch wenn die Bilder von sterbenden, verhungernden, verwundeten Kindern uns erreichen, so erreichen sie uns doch anscheinend nicht genug. Auch wenn die Hilferufe der letzten verbliebenen Ärzte aus Aleppo uns nahe rücken, so bleiben sie doch zu fern. Jeden Tag dringen schreckliche Nachrichten und Bilder zu uns; die Menschen aus Syrien, die hier Zuflucht gefunden haben, erzählen von Eltern, Geschwistern, Freunden, die allein ausharren in den Wirren des Krieges, Woche für Woche, Monat für Monat - und kein Frieden nirgends.
Es gibt keine Erweiterung des Mitleids, sondern nur einen Ethos der Nähe und der Ferne
Es ist alles bekannt. Selbst die inszenierten, manipulierten Bilder von angeblichen Hilfslieferungen werden als inszenierte, manipulierte Bilder entlarvt. Es gibt genügend mutige syrische Aktivistinnen und Aktivisten, die ihr Leben riskieren, damit die Welt erfährt von Folter und Verschleppung, von misshandelten Frauen und Bombardements mit Fassbomben, womöglich versetzt mit Chlorgas. Sie dokumentieren die Verbrechen des Assad-Regimes, so präzise und so genau, wie es geht, damit sich eines fernen Tages ein internationaler Gerichtshof damit befasst - und niemand dann leugnen kann, dass geschehen ist, was geschehen ist.
Es ist bekannt, welche Verbrechen in den Gegenden begangen werden, in denen der IS herrscht. Dazu sind noch nicht einmal kritische Beobachter nötig. Das dokumentiert und veröffentlicht die Medienabteilung des IS selbst. Es ist auch bekannt, wer in diesem Stellvertreterkrieg um Aleppo kämpft: Da ist im Westteil der Stadt die syrische Armee, mit ihren verbündeten Milizionären der Hisbollah und Kämpfern aus Afghanistan und dem Irak - und vor allem der massiven Unterstützung durch das russische Militär. Und da sind die von den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien unterstützten Rebellen im Osten der Stadt, darunter auch die extrem gut organisierten Kämpfer von al-Nusra. Sie heißen inzwischen Fatah al-Scham und haben sich offiziell von al-Qaida distanziert - aber wie sich das auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Beide Seiten behaupten, die eigene Gewalt sei die legitime. Für die Zivilgesellschaft spielt das kaum eine Rolle. Die Menschen können sich nicht aussuchen, in welchem Viertel sie in wessen Einflusszone geraten oder durch welchen Frontverlauf sie beschossen oder ausgehungert werden. Die Behauptung des Assad-Regimes und Russlands, ihre Angriffe richteten sich allein gegen Terroristen, erleben sie jeden Tag als bittere Farce.
Anfang Juni hatte die syrische Armee, unterstützt durch die russische Luftwaffe einen Belagerungsring um den Osten Aleppos gezogen. Seither sind 250 000 bis 300 000 Zivilisten von der Außenwelt und humanitärer Hilfe abgeschnitten. Allein im Monat Juli wurden zehn Angriffe auf Gesundheits-Einrichtungen und Kliniken registriert. Clarissa Ward, internationale Reporterin von CNN, sagte dem russischen Gesandten bei den UN, aus ihrer Erfahrung vor Ort müsse sie feststellen, dass "das Bombardieren von Krankenhäusern, Gerichten, Bäckereien und Obstmärkten den Terrorismus nicht stoppt". Vergangene Woche ist die internationale Diplomatie mit dem Versuch gescheitert, eine Waffenruhe herbeizuführen; es wurden keine Hilfskorridore durchgesetzt, durch die wenigstens Lebensmittel und Wasser in die Hölle hätte geliefert werden können - von einer Flugverbotszone, die der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschließen müsste, einmal ganz abgesehen. Nein, es war die Allianz der Rebellen, die in einer Gegenoffensive die Belagerung durchbrochen hat, und die einen schmalen, fragilen Korridor erkämpfte, über den die Zivilbevölkerung im Osten Aleppos nun endlich wieder versorgt werden kann. Das Vertrauen in internationale Hilfe wurde so nicht gerade gestärkt.
Inzwischen klingen nicht einmal mehr die Diplomaten diplomatisch, wenn es um die Aussichten für Syrien geht. "Wir sind im Rückwärtsgang", so lakonisch wie hoffnungslos beschrieb diese Woche die amerikanische Botschafterin bei den UN, Samantha Powers, das Bemühen um Friedensgespräche. Als Bedingung für die Wiederaufnahme der Verhandlungen waren eine Waffenpause und ein Zugang für Hilfslieferungen festgelegt worden - momentan scheint die umgekehrte Reihenfolge realistischer zu sein: Verhandlungen, damit endlich eine Waffenpause und humanitäre Hilfe durchgesetzt werden könnten. Von einem Nachkriegs-Syrien oder dem Wiederaufbau in der fernen Zukunft zu fantasieren, ist fast zynisch angesichts des Sterbens in der nahen Gegenwart.


Von Carolin Emcke

13. August 2016 Süddeutsche Nr. 187/2016

home wRoo Kontakt & Impressum