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Es waren Augenblicke



Vladimr Nabokov: Kunst soll zwar deutlich sein, der Vorstellungskraft des Lesers aber auch einen gewissen Raum lassen, in dem sie sich üben kann.

Todesfuge


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Paul Celan: Todesfuge.

Ruft die Wachen!

Nach meinem Tod werden einige meiner Schüler in die Berge und Wälder gehen, andere dem Reiswein und den Frauen frönen. Diejenigen aber, die einer Zuhörerschaft über Zen als moralischen Weg predigen, unterschlagen den wahren Buddhismus und sind Ikkyus Feinde. Sie sollen vom Geist Kashos bestraft werden, weil sie wie Einäugige die Blinden zu führen suchen. Ich habe niemals auch nur einem einzigen Schüler inka erteilt; wenn also jemand sich solcher brüstet, kommt er nicht aus der lkkyu-Schule. Behauptet er gar, den Buddhismus zu verstehen, dann ruft die Wachen! Ich bitte euch inständig, mir so eure Treue zu zeigen.
(Ikkyu Sôjun)

Casta Diva Callas

 

Ein schwirrender Bienenschwarm.

"Schließlich besteht das menschliche Gehirn aus 100 Milliarden Neuronen und annähernd einer Billiarde Synapsen [...] Jede Nervenzelle ist einzigartig, und ein und dasselbe Signal wird von tausend Nervenzellen auf tausend unterschiedliche Arten verarbeitet. Doch zugleich respektieren sich die Neuronen vollständig und gleichen permanent ihre Interpretationen miteinander ab – ganz anders als eine menschliche Gesellschaft, in der einer sagt, er habe recht und alle anderen unrecht [...] Anders als in einem Computer werden im Gehirn Informationen multidimensional, nichtlinear und in permanenter Rückkopplung ausgetauscht. Es gleiche einem schwirrenden Bienenschwarm, der ständig seine Form, Zusammensetzung und Arbeitsverteilung ändere"
(Henry Makram: Die Demokratie der Neuronen.)

Martin Heidegger: Zeitvertreib ist ein Zeit antreiende Wegtreiben der Langeweile.

Psalm - Ja, ja Nein, nein- ein Koan

 Paul Celan: Schlüsselgeräusche oben, im Atem- Baum über euch:

Göttliche Würfel und Würfelspieler.

Ein wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: daß sie lieber noch auf den Füßen des Zufalls – tanzen.
O Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, daß es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze gibt –
– daß du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, daß du mir ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! –
(Friedrich Nietzsche Also sprach Zarathustra. Frankfurt a.M. 1982. S. 166f.)


Pallaksch



Das Wort, das meinen Mund verlässt.

"Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. (jes 55, 10f.)

Wenn ihr die Dinge mit eurem warmherzigen Geist tut, ist das echte Übung.
(Shunryu Suzuki)

Wellen der Zuversicht

Mit diesem Bauwerk beginnt eine neue Epoche: Eine erste Besichtigung der Elbphilharmonie in Hamburg.

Von Hanno Rauterberg, DIE ZEIT Nr. 46/2016, 3. November 2016
Ein Haus auf der Grenze: zwischen Himmel und Erde, zwischen Hafen und Stadt. Ein Haus, das im Strom steht, von Flut und Ebbe so lockend umspült, als solle es gleich die Anker lichten und in der blauen Ferne entschwinden. Ein Haus, das nicht stillstehen mag. Das sich vor aller Augen wandelt und bewegt – und auch jene, die es besuchen, erheben und verwandeln will.
15 Jahre des Planens und Bauens mussten vergehen. Groß war anfangs die Euphorie, noch größer aber das Entsetzen, als Lug, Trug und Kleingeisterei kein Ende nahmen und niemand mehr zu sagen wusste, ob hier, in Hamburgs Elbphilharmonie, je etwas anderes erklingen würde als der Klagegesang über 789 verschwendete Millionen. Doch jetzt ist es vollbracht. Jetzt öffnet das machtvolle Haus seine Aussichtsplattform, und mit einem Mal ist der Kummer wie fortgeblasen. Hier ist mehr entstanden als eine Halle für Musik. Und etwas ganz anderes als das übliche Architektenbohei, das in London (Riesengurke), New York (Riesenrochen) oder auch Bilbao (Riesenauffahrunfall) für Spektakel sorgt.
Die Elbphilharmonie ist ein wahrhaft erstaunliches Bauwerk, vielleicht das erstaunlichste der letzten Jahrzehnte, und sie erinnert schon deshalb an die legendären Olympiabauten in München und an die Philharmonie in Berlin, weil auch dort die Zuversicht zu einer Form fand. Etwas Neues sollte beginnen – und es begann.
Allerdings ging es in Hamburg damit los, dass etwas zu Ende war. Im Hafen zog die Globalisierung ein, der normierte Container, diese Allerweltskiste, die etliche der alten Lagerhäuser überflüssig machte. So auch den Kaispeicher A, ein Backsteintrumm aus den sechziger Jahren, das stoisch, kantig und verschlossen dastand, als wäre der Hamburger Kaufmannsgeist für immer darin eingebunkert. Hier war alles Rationalität, bis ein anderer Geist einzog. Einer, der Wellen schlagen will, herrlich irrational.
Die Kernidee stammt von dem Baseler Architektenbüro Herzog & de Meuron (Senior-Partner: Ascan Mergenthaler), das für London die Tate Modern entwarf und jetzt in Berlin die Neue Nationalgalerie erweitern darf. Sein Vorschlag für Hamburg war so simpel wie verblüffend: das Klinkerhaus nicht ab- oder aufzubrechen, es vielmehr als Sockel zu begreifen, um darauf Neues zu gründen. Also dialektisch zu denken und jeden sich bietenden Gegensatz so lange auszukosten, bis er seine volle Kraft entfaltet – und im Zauber der Ambivalenz vor unseren Augen verschwimmt.
Die klassische Moderne verlangte etwas anderes: eine Architektur der Eindeutigkeit. Neues hatte neu, Altes alt zu sein, und worauf es vor allem ankam, war Kohärenz. Dieses Denken wurde von der Postmoderne veralbert und wenig später, von den Dekonstruktivisten, in seine Einzelteile zerlegt. Jetzt aber, mit der Elbphilharmonie, hebt eine weitere Phase an, womöglich eine neue Epoche: Diese Architektur zelebriert die Gegensätze, hat einen roten Sockel und einen weiß schimmernden Aufbau, ist unten stumpf und oben bewegt, mag es verschlossen und bleibt dabei durchsichtig. Sie liebt klare Grenzen – und liebt noch mehr die Grenzverwischung.
Was zunächst wirkt wie zwei klare Pole, geht auf in einem Spiel der Uneindeutigkeiten, in das die Elbphilharmonie jeden verwickelt, der sich ihr nähert. Von Westen kommend sieht sie schlank aus, beinahe fragil und trotz ihrer gewaltigen Höhe – 110 Meter – alles andere als triumphal. Sie ist mächtig, beherrschend aber ist sie nicht.
Dann, wandert man nach Osten, wandelt sich das Bild: Was sich eben noch reckte, verliert an Höhe. Das Haus sackt ab, 30 Meter tief, und lagert nun breit auf seinem Sockel. Das sähe brütend aus, sogar behäbig, wäre da nicht das schwungvolle Dach, das die rigide Ordnung der Glasfassade – ein Rechteck neben dem anderen – zum Schwingen bringt. Im Grunde verbietet es sich, in diesem Fall von einem Dach zu sprechen. Es schließt nichts ab (na ja, den Regen hoffentlich schon), es reißt etwas auf. Und die harten Fronten üben Lockerheit.
So jedenfalls sieht die Fassade aus, die hier und da von stutzenartigen Löchern durchsetzt ist, sich manchmal auch wobbelig aufwirft, so als wirkte im Inneren des Bauwerks eine Macht, die drängt und drückt und es auf keinen Fall hinnehmen mag, dass die kühle Ratio der Klassischen Moderne, die fest daran glaubte, die Welt sei bis ins Letzte zu beherrschen, hier die Oberhand behält. Das heißt nun nicht, dass die Ratio abdankt. Sie gestattet sich nur die eine oder andere Ungereimtheit.
Diese Art von punktierter Klarheit, von ondulierender Härte muss man nicht unbedingt schön finden. Wo das Auge nach Regelhaftem sucht, gleitet es ab. Wo es Konstanz erwartet, wechselt dieser Bau seine Anmutung, ist schillernd orange, ist grau unterkühlt oder grün überreift, manchmal alles zugleich. Er fängt den Himmel ein, der sich bekanntlich in Hamburg an keine Prognosen hält. Und wenn es im Osten regnet und im Westen die Sonne durchbricht, dann zeigt die Elbphilharmonie von beidem etwas, gerade weil ihre Glashaut sich seltsam wölbt und wellt und damit alles Licht auf sich lenkt, von oben und unten, von links und rechts. Spiegelnd zieht sie die Stadt zusammen, und das nicht nur im optischen Sinne.
Die Architektur überwindet, was eigentlich abweisend ist. Jeder andere Neubau, der seinen riesigen, kalten Glaskörper auf einen maximal verschlossenen Backsteinsockel setzte, würde gewiss als Fremdkörper empfunden. Doch dieses Bauwerk setzt sich ab, ohne entrückt zu wirken. In seinem irisierenden Spiel der Formen und Farben erscheint es nahbar, was abermals vor allem an den wilden Dachwellen liegt.
Welle oder Eisberg – was haben die Naturmetaphern zu bedeuten?
Weiße Metallscheiben schmücken das Auf und Nieder und ziehen die Augen an, die von einer Woge zur nächsten gleiten. Verwundert das keinen? Wie kann es sein, dass ein derart hohes Haus sich aufs Haupt schauen lässt? Selbst die viel kleineren Bürowürfel der HafenCity verweigern sich den neugierigen Blicken, man muss schon einen Kirchturm besteigen, um einen Aufblick zu haben. Hier aber, in der Elbphilharmonie, ist das Hohe hoch und senkt sich doch mit Verve so weit herab, dass sich auch dieser schier unüberwindliche Gegensatz – Oben und Unten – aufzulösen scheint und jeder sich angezogen, ja verführt fühlen darf, dieses eigentümliche Bauwerk näher zu erkunden.
Man möchte hinein, man möchte hinauf! Wobei es keinen rechten, stolzen Eingang gibt, wie man es bei einem Haus wie diesem, das gleich drei Konzertsäle beherbergt, dazu ein Hotel, Lokale, Wohnungen und vieles mehr, erwarten könnte. Nicht einmal Türen gibt es, nur Drehkreuze und eine flache Ladeluke, die den Besucher umstandslos verschluckt. Schon findet man sich in einer Röhre wieder, weiß und funkelnd, die Wände von gläsernen Pailletten durchsetzt. Hier geht es nach oben, eine Roll-, nein, eine Gleittreppe führt sanft und festlich hinauf ins Unabsehbare. Denn seltsamerweise beschreibt die Treppe einen Bogen, und was an ihrem Ende wartet, ist erst nicht zu sehen – und erweist sich dann als staunenswerte Überraschung. Frachter, Segelschiffe, die schwappenden Wellen, der Hafen liegt da wie in einem Schaufenster, und das Auge wandert immer tiefer hinein in dieses lebendige Bild, würde am liebsten über den Horizont hinausschauen, denn dort hinten, nicht fern, muss sie doch liegen, die offene See.
Eine Einbildung natürlich, und damit ebendas, worum es in diesem Bauwerk vor allem geht: staunend der eigenen Sehnsucht nachzuspüren und einzutreten in eine andere Wirklichkeit, die der Kunst.
Ein wenig ungemütlich geht es in dieser Wirklichkeit zu, denn nur ein paar Treppenstufen weiter findet man sich wieder in einem Zwischenreich, unter den Füßen die Klinker des alten Speichers, über dem Kopf der wuchtige Neubau mit seinem großen und dem kleinen Konzertsaal, die nachgerade von aller Erdenschwere befreit zu sein scheinen. Nur wenige schräge Stützen gibt es, dazwischen einen offenen Raum mit weich geformter Decke, die zu den Seiten, nach Nord und Süd, durch weite Bögen die Blicke freigibt. Noch einmal erprobt die Architektur ihre synthetisierende Kraft: Wer den Kopf nach links wendet, sieht das Rathaus, die Innenstadt, all die Kontorhäuser des alten Hamburg. Wer nach rechts schaut, erblickt das Vielerlei der Silos, Kräne, Baracken, unsortiert, ungestalt, im Hintergrund einen Bunker. Das zertrennte Hamburg, von der Elbe geschieden, strömt hier oben so machtvoll zusammen, als solle auch dieser, der urbane Gegensatz kurzgeschlossen werden, um die Stadt unter jene Spannung zu setzen, die ihr oftmals fehlt.
Damit der Wind nicht allzu sehr pfeift, haben die Architekten an beiden Seiten einen Vorhang aufgespannt, gläsern und gewellt, ein herrlicher Manierismus. Rund um die Plaza jedoch öffnet sich das Panorama ungeschützt, und Hamburg ist eingeladen, sich selbst in den Blick zu nehmen. Ein seltener Moment der Erhabenheit, selbst an grauen Tagen. Denn wie in kaum einer anderen Stadt durchdringen sich hier das wimmelige Menschenwerk und der urmächtige Strom. Und kaum lässt sich entscheiden, was verlockender ist, Kultur oder Natur.
10.000 Gipsplatten sollen eine perfekte Akustik gewährleisten
Die Elbphilharmonie hat darauf ihre eigene Antwort gefunden. Nicht zufällig zieht sie die schönsten Metaphern auf sich, manche sehen in ihrer Architektur die kabbeligen Wellen des Meeres, andere einen treibenden Eisberg, wieder andere sprechen von einer Gletscherlandschaft. Und hat man erst einmal die Plaza verlassen (was vom 11. Januar an möglich sein wird) und betritt die Foyers der Konzertsäle, dann fühlt es sich rasch an wie auf einer hochalpinen Bergtour, auch wenn es eine Tour über schönes Parkett ist, entlang an feinweißen Wänden. Doch drückt der bauchige Körper des Saals spürbar alles andere an den Rand, Garderoben, Bars, Toiletten, und die Wege dazwischen sind so aufregend gestaffelt, dass man sich freut, wenn der eigene Sitzplatz möglichst weit oben liegt. Denn so steigt man immer weiter hinauf in den piranesihaften Canyon, ein Abenteuer mit überraschenden Quer-, Schräg- und Aufsichten.
Was aber mag das bedeuten? Was haben Welle und Berg hier, am höchsten Ort der hohen Kunst, zu suchen? Herzog & de Meuron sprachen früh vom Kristall, den sie dem Kaispeicher A aufgesetzt hätten. Auch wenn man solcher Architektenlyrik nicht unbedingt folgen muss, ist es doch aufschlussreich, dass spätestens mit der Romantik der Kristall als höchste Form des Lebens begriffen wurde, versteinert und doch auf geheimnisvolle Weise lebendig. In diesem Sinne ließe sich auch die Architektur der Elbphilharmonie begreifen: als genuiner Ausdruck jener neuen Epoche des Anthropozäns, in der zwischen natürlicher und menschengemachter Natur kaum mehr zu unterscheiden ist.
Berg und Meer sind hier keine aufgeklebten Metaphern, sie lassen sich räumlich erfahren: als natürliche Kultur, als kulturelle Natürlichkeit und in jedem Fall als ein Gegensatz, der abermals verschwimmt. Konnte man der Klassischen Moderne noch vorwerfen, sie habe alles Geheimnisvolle vertrieben, ihre Architektur sei entzaubert, kehrt in der Elbphilharmonie ein Moment der Verwunschenheit zurück. Auch damit weist sie über ihre Zeit hinaus.
Vor allem aber im Inneren, im kolossalen Hauptsaal mit seinen 2.150 Plätzen, zeigt sich das programmatische Wollen, das die Architekten treibt: ein Verlangen nach Einbindung und Zusammenschau. Wäre es nicht ein schwerer Kalauer, würde man die Phil- glatt zur Vielharmonie umtaufen, denn in der gewaltigen Grottenlandschaft des Saals, wie ausgewaschen von den Strömen der Jahrhunderte, scheinen die üblichen Unterschiede zwischen Vorne und Hinten, Nähe und Abstand obsolet. Markierten Konzertsäle über Jahrhunderte gesellschaftliche Hierarchien – die Ränge –, wird hier das Orchester vom Publikum umspült, ohne dass auf Anhieb zu erkennen wäre, welche Plätze die privilegierten sind. Verteilt auf halbe Nischen und felsartige Vorsprünge – tausend Plateaus –, recht eng, arg steil, rücken alle Zuhörer zusammen, und keiner muss sich zurückgesetzt fühlen. Im Gegenteil, wer einen Sitz auf halber Höhe hat, ob vor oder hinter dem Orchester, wird noch inniger empfinden, worauf diese Architektur aus ist: dass sich alle verbunden fühlen, im klingenden Bauch aus Musik.
Dass die Macht der Kunst alle Unterschiede tilgen, jede Entfremdung überwinden möge, ist damit allerdings nicht gemeint. Denn auch das gehört zur Programmatik der Elbphilharmonie: Sie ist gemacht aus lauter Unikaten. Alles Serielle, massenhaft gefertigt und gleichgeschaltet, ist ihr suspekt. So sind auch die 10.000 sandgrauen Gipsplatten, die das Innere des Saals verkleiden, alle unterschiedlich geformt. Denn allein auf diese Weise, weil jede hineingefräste Mulde, jeder faustgroße Krater eine andere Form hat, kann der Schall sich so im Raum verstreuen, dass alle Hörer sich gleichermaßen von ihm umhüllt fühlen dürfen. Auch das lässt sich als Metapher lesen, gar als politische Botschaft: dass ein gemeinschaftliches Ganzes nur erklingt, wenn der Einzelne seine Andersartigkeit bewahrt.
Die beste Aussicht ist privatisiert und kostet bis zu zehn Millionen Euro
Gut, manche werden das Wechselspiel von Egalität und Alterität ins Lächerliche ziehen. Andere die Ästhetik des Saals verspotten, weil einige Wände an den gipsverputzten Pizzeria-Stil der siebziger Jahre erinnern. Und wer vergoldete Grotesken und ähnliches Schmuckwerk gewohnt ist, wird sich an die urhöhlenhafte Ästhetik des Saals erst gewöhnen müssen. Doch bemerkenswert bleiben selbst scheinbar nebensächliche Details wie die beiden Fenster, die hinausweisen auf die Stadt, als könne so der innere Wohlklang nach außen abstrahlen. Oder die Sessel, die jedem Besucher zwei Armlehnen gönnen, weil es den Architekten wichtig schien, dass der Einzelne bei sich bleibt, den eigenen Ohren trauend. Es ist trotz seiner Größe ein Saal geworden, der Intimität erlaubt. So geschickt zergliedert er die Reihen, dass sich 2.000 Menschen wie 300 oder 400 ausnehmen. Im Rund der großen Klanggrotte inszeniert die Architektur ein kollektives Zusammensein, nicht aber den Rausch der Masse.
In manchem erinnert das an die Barockzeit, als der Musikbetrieb zu hoher Form auflief und die Architekten die schönsten Widersprüche so verwoben, dass daraus eine untrennbare, hochkomplexe Einheit entstand. In der Elbphilharmonie gehören dazu übrigens nicht nur die immateriellen Werte, die im Konzert aufklingen. Auch der materielle Luxus ist Teil der großen Inszenierung, denn neben der Kultur siedelt gleich das Geschäft, ein Hotel mit fast 250 Zimmern für höchste Ansprüche (20-Meter-Pool!), und es gibt über 40 Wohnungen (Concierge!), die sich noch luftiger, noch erhabener über Elbe und Stadt erheben als der Konzertsaal.
Der Zugang zum schönsten Ausguck bleibt so Privatvergnügen. Die Spitze des Eisbergs und der Wellen Krone ist allein dem vorbehalten, der bis zu zehn Millionen Euro dafür zahlen kann. Während der Konzertsaal noch das gleiche Recht für jeden in Szene setzt, fällt hinterrücks die Ungleichheit in ihre weichen Betten, und selbst von der Badewanne aus schaut man hinüber zum Michel.
Allerdings sind die schönsten Apartments noch zu haben. Und wenn die Öffentlichkeit nur wollte, könnte sie zurückerwerben, was ohne ihr Geld nie entstanden wäre. Höher wohnen für alle! Die schönste Lage für jeden! Auch das sind unlösbare Gegensätze. Doch erzählt die Elbphilharmonie ja davon, wie sich das schier Undenkbare denken lässt.

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