www.zuschauKunst.de

myArt161106



161106,...160923,...160618,...160515,...160507,...160422,...160227,...151220,...150926,...1500815,...150623,...150515,...150406,...150103,...141212,...141028

Everything is a remix



Jean-Luc Godard: Ich versuche, in der ganzen Konfusion etwas klarer zu sein, indem ich Momente der Vermischung zeige.

Todesfuge


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Paul Celan: Todesfuge.

Mit leeren Händen

«Mit leeren Händen gehe ich dahin, und siehe!
der Spaten ist in meinen Händen;
Ich wandre zu Fuß
und reite dabei auf dem Rücken eines Ochsen;
Wenn ich über die Brücke schreite,
Siehe, so fließt nicht das Wasser, sondern die Brücke.»
(Fu-tai-shih)

Grigory Sokolov - Bach - Goldberg Variations, BWV 988

 

Zufallsverfahren

Kontrolle interessiert mich nicht, mich interessiert Unvorhersehbarkeit. Ich treffe keine Auswahl, ich stelle Fragen. Die Fragen kommen per Zufallsverfahren zu mir. Das Zufallsverfahren, das ich nutze, ist ein altes chinesisches Orakel. das I Ging. Es ist wohl das älteste Buch überhaupt, es entstand 4000 v. Chr.
(John Cage: Out of the Cage.)

Georg Büchner: Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.

Diesseits von Eden - ein Koan

Fernando Pessoa: Sehen und hören sind die einzigen edlen Dinge, die das Leben enthält.

Wandlungen der Leere.

Jeder Augenblick zeigt, was geschieht. Ich entwickelte die Kompositionsmethode durch das Losen mit Münzen, die im Buch der Wandlungen verwendet wird. Man mag einwenden, dass von diesem Standpunkt aus alles geht.
Tatsächlich geht auch alles, aber nur wenn nichts zur Grundlage genommen wird. In einer völligen Leere kann alles stattfinden. Und unnötig es zu sagen, jeder Klang ist einmalig (kam zufällig vor, während gespielt wurde) und ist nicht informiert über europäische Geschichte und Theorie: Hällt man den Verstand auf die Leere gerichtet, auf den Raum, kann man sehen, es kann alles darin sein, ist tatsächlich darin.
(John Cage: Silence. S. 124f.)

wachsendes Steingrau



Der Dichter ist kein Lehrer der Moral.

Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht.
(Georg Büchner)

Versuche nicht, dich objektiv zu sehen.
(Tozan)

Was wäre, wenn...

Die Deutsche Bank ist unter Druck – insgeheim arbeitet die Regierung bereits an Rettungsplänen.
Das Projekt ist streng geheim, nur etwa ein halbes Dutzend Spitzenbeamte in Berlin, Frankfurt und Brüssel sind eingeweiht. Sie bereiten sich auf ein Ereignis vor, das die Republik erschüttern würde und das noch vor wenigen Wochen als vollkommen undenkbar galt: eine Schieflage der Deutschen Bank.
An den Finanzmärkten wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen, dass das größte deutsche Kreditinstitut aus eigener Kraft nicht aus der Krise kommt. Zu Wochenbeginn fiel der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie auf einen neuen Tiefstand, die ersten Spekulanten wetten bereits auf den Niedergang des Geldhauses. Recherchen der ZEIT ergeben: In der Bundesregierung und in den zuständigen Finanzaufsichtsbehörden arbeiten Beamte für den Fall der Fälle allen öffentlichen Dementis zum Trotz bereits an Rettungsplänen für die Bank.
Bislang geht es um Planspiele. Doch sollten sie Realität werden, stünde Angela Merkel ein Jahr vor der Wahl vor einer höchst unangenehmen Entscheidung: Tut sie nichts, risikierte sie eine neue internationale Finanzkrise. Greift die Kanzlerin ein, geschieht unter Umständen das, was in Deutschland eigentlich nie mehr geschehen sollte: Banken werden mit Steuergeldern gerettet.
Die Deutsche Bank gilt in Washington als Wiederholungstäterin
Ob es so weit kommt, hängt auch von einer Frau ab, die Europa nicht zum ersten Mal das Fürchten lehrt: Loretta Lynch. Die amerikanische Justizministerin hat den Korruptionsskandal der Fifa aufgeklärt, die Abgasmanipulationen bei Volkswagen verfolgt und nun der Deutschen Bank wegen krummer Immobiliengeschäfte in den USA eine Strafe in Höhe von 14 Milliarden Dollar angedroht. Die meisten Bankanalysten sind sich einig: Falls die volle Summe fällig wird, ist die Deutsche Bank in akuter Gefahr, zumal das Institut in weitere kostspielige Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist – und in internationalen Aufsichtsgremien derzeit über strengere Eigenkapitalvorschriften für die Banken verhandelt wird. Dem Vernehmen nach würde sich aus diesen Bestimmungen vor allem für europäische Institute wie die Deutsche Bank ein zusätzlicher Bedarf an Kapital ergeben.
Bankchef John Cryan setzt darauf, dass Lynchs Leute noch mit sich reden lassen. So haben sie es auch in vergleichbaren Fällen gehandhabt. Goldman Sachs etwa musste nur gut fünf Milliarden Dollar bezahlen, deutlich weniger als ursprünglich avisiert. Aber die Deutsche Bank gilt als Wiederholungstäterin – und in den USA ist Wahlkampf. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher.
Am Wochenende berichtete der Focus sogar, Cryan habe Merkel um Unterstützung in der Auseinandersetzung mit den Amerikanern gebeten. Die Wahrheit ist wohl: Selbst wenn sie helfen wollte, könnte die Kanzlerin im Moment nur wenig tun. Eine offensive Schützenhilfe aus Berlin würde von den amerikanischen Behörden als unzulässige Einflussnahme gewertet werden und könnte sich nicht mildernd, sondern verschärfend auf das Strafmaß auswirken, heißt es in deutschen Regierungskreisen.
So ist fraglich, ob Lynch der Deutschen Bank so weit entgegenkommt, dass Cryan den Betrag ohne fremde Hilfe begleichen kann. Insgesamt hat das Institut für Rechtsstreitigkeiten knapp sechs Milliarden Euro zurückgelegt. Davon ist aber ein Teil schon für andere Strafzahlungen – unter anderem für einen Geldwäscheskandal in Russland – reserviert und steht deshalb nicht zur Verfügung. Nach Einschätzung von Kian Abouhossein, Bankenanalyst bei der Investmentbank J.P. Morgan, könnte schon eine Buße in Höhe von vier Milliarden Dollar die Deutsche Bank überfordern.
In einem solchen Fall müsste sich die Bank über die Ausgabe neuer Aktien frisches Kapital besorgen oder Unternehmensteile verkaufen. Das Problem daran: Die Preise sind auch wegen der zahlreichen Rechtsrisiken im Keller. Die zur Deutschen Bank gehörige Postbank würde bei einem Verkauf derzeit wahrscheinlich niedriger bewertet werden, als sie in den Büchern der Deutschen steht. Deshalb würde sich ein solcher Deal für das Frankfurter Institut nicht lohnen. Und das Interesse der Investoren, der Deutschen Bank Kapital zur Verfügung zu stellen, dürfte sich in Grenzen halten, wenn dieses Kapital für Strafzahlungen verfeuert wird.
Das Horrorszenario der Bundesregierung sieht so aus: Die Amerikaner bleiben hart, und der Deutschen Bank gelingt es nicht, rechtzeitig genug Kapital aufzutreiben. Wenn dann Investoren ihr Geld abziehen und Kunden ihre Konten plündern, könnte die Lage schnell eskalieren. Das Bilanzvolumen der Deutschen Bank beläuft sich auf die Hälfte der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands, und nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds ist das Institut wegen seiner engen Vernetzung mit anderen Finanzfirmen weltweit das Haus mit der größten "systemischen Bedeutung". Das bedeutet: Wenn etwas schiefgeht, dann richtig.
Der Rettungsplan sieht für den Fall einer solchen Eskalation zwei Stufen vor. In einer ersten Stufe würde versucht, eine private Auffanglösung zu organisieren. Dabei würde die Deutsche Bank Teile ihres Geschäfts verkaufen, und zwar zu einem Preis, der der Bank keine neuen Löcher in die Bilanz reißt. Die Hoffnung der Retter ist, dass sich Interessenten finden lassen, die einen solchen Preis zu zahlen bereit sind, weil sie darauf setzen, dass sich die Anteile mittelfristig als werthaltig erweisen. Im Notfall könnte der Staat die Aktion flankieren, indem er mögliche Verluste mithilfe von Garantieerklärungen übernimmt.
Die meisten deutschen Banken fallen allerdings als Bieter aus, weil sie ebenfalls in einer schlechten Verfassung sind. Die Commerzbank wird voraussichtlich Tausende Stellen streichen, Details will Bankchef Martin Zielke diesen Freitag vorstellen. Infrage kämen Versicherer wie Allianz und Münchner Rück – oder ausländische Unternehmen.
Politisch wäre ein Einstieg des Staates für Angela Merkel ein Desaster
Nur wenn das nicht funktioniert, würde die zweite Stufe in Kraft treten: eine Staatsbeteiligung. In der Diskussion ist dem Vernehmen nach die Übernahme eines Anteils in Höhe von 25 Prozent. Der Vorteil: Die Regierung könnte eine Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank vorantreiben, die dem Bund bereits zu rund 15 Prozent gehört. Das würde den Branchenprimus ebenfalls stützen, denn die meisten Bankenexperten glauben, dass die deutschen Banken auch deshalb in einem schlechten Zustand sind, weil es zu viele davon gibt.
Bereits im Sommer hatten die beiden Institute ausgelotet, ob eine Verschmelzung funktionieren könnte. Es heißt zwar, dass die Gespräche beendet worden seien, weil beide Häuser zur Genüge mit den jeweils eigenen Problemen beschäftigt seien. In Branchenkreisen aber ist zu hören, dass eine Fusion nach wie vor eine Option sein könne – wenn sich die Situation an den Finanzmärkten beruhigt habe. Dazu passt, dass die Commerzbank ihr Mittelstandsgeschäft neu sortiert – und der Sparte voraussichtlich eine Struktur geben wird, die stark jener der Deutschen Bank ähnelt.
Rechtlich würde sich die Bundesregierung mit einem solchen Eingriff auf ungesichertes Terrain begeben. Eigentlich greift bei einer drohenden Schieflage einer Bank seit Jahresbeginn ein neues europäische Abwicklungsregime. Es sieht vor, dass Gläubiger und notfalls auch Kunden einer Bank an den Kosten einer Sanierung beteiligt werden. Dem Vernehmen nach ist das eine Variante, die von Teilen der Bundesregierung bevorzugt wird, weil dadurch die Steuerzahler geschont würden. Der große Nachteil: Ein solches Vorgehen könnte für erhebliche Unruhe an den Finanzmärkten sorgen und damit am Ende die Kosten für die Allgemeinheit in die Höhe treiben – vor allem, wenn die Zukunft einer Bank von der Größe und Bedeutung der Deutschen Bank auf dem Spiel steht. Es sei fraglich, ob man ausgerechnet an dem Frankfurter Institut ein "Exempel statuieren" sollte, sagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim.
Tatsächlich lassen die neuen europäischen Regeln Staatseingriffe ausdrücklich zu, wenn die Stabilität des Finanzsystems auf dem Spiel steht. Für viele Experten wäre das, ökonomisch betrachtet, nicht die schlechteste aller Lösungen. Die Amerikaner haben ihre Banken ebenfalls verstaatlicht, und die Regierung hat ihre Anteile zu einem späteren Zeitpunkt sogar mit Gewinn wieder verkauft.
Für Angela Merkel wäre ein Staatseinstieg bei der Deutschen Bank politisch aber ein Desaster – und wohl auch ein Wahlhilfeprogramm für die AfD. Die Kanzlerin müsste erklären, warum kein Geld für Brücken, Straßen oder Steuersenkungen da ist, aber für die Rettung einer Bank. Noch dazu für die Deutsche Bank, deren früherer Chef Josef Ackermann auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gesagt hat, er würde sich "schämen", Staatshilfe anzunehmen – nachdem die Bundesregierung mit einer gewaltigen legislativen Kraftanstrengung einen Hilfsfonds für seine Branche aufgelegt hatte. Wenn der Staat nun doch noch einspringt, könnte Merkel sehr schnell mit der Frage konfrontiert werden, ob es damals nicht besser gewesen wäre, der Deutschen Bank nach dem Vorbild der Amerikaner Staatsgeld aufzuzwingen.
Auch in Europa drohte der Kanzlerin ein Glaubwürdigkeitsverlust. Schließlich hat Deutschland durchgesetzt, dass Staatshilfen für die Banken in der EU nur noch in Ausnahmefällen erlaubt sind. Die italienische Regierung dringt seit Monaten auf eine Lockerung der Vorschriften und würde sich bestätigt sehen, wenn die Deutsche Bank auf Steuergelder angewiesen wäre. "Wenn bei uns der Staat einspringt, dann knallen in Italien die Sektkorken", sagt ein deutscher Finanzaufseher.
So hängt jetzt alles von Loretta Lynch ab – und in Berlin hofft man inständig, dass auch die Amerikaner am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen. Denn klar ist: Eine Bankenkrise in Europa ginge auch an der US-Wirtschaft nicht spurlos vorüber.

Von Mark Schieritz und Arne Storn
DIE ZEIT Nr. 41/2016, 29. September 2016

home wRoo Kontakt & Impressum