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ein Kind

nicht von hier
nicht von diesem Erdteil
vielleicht von diesem Stern

nicht hier
und nicht jetzt
aber vom Geist
von unserem Geist

da und dort
und niemals hier

nicht jetzt
immer früher
oder später
alles gleichzeitig

ja, auch ich
bin ein Kind
unserer Zeit

© wRoo 2016


John Cage: Ein jeder von uns denkt seine eigenen Gedanken, seine eigene Erfahrung & jede Erfahrung ändert sich & während wir denken.

Die schöpferische Freiheit

»In eurem Geist existieren ursprünglich keine Falschheit, keine Schlechtigkeit, keine Eifersucht und keine Gewalttätigkeit.« Wir haben die schöpferische Freiheit und auch die Fähigkeit, uns selbst zu schulen. Wir Menschen jedoch leben ziemlich kompliziert, und es ist unsere Aufgabe, damit zurechtzukommen und uns geistig-seelisch zu entwickeln. Diese Aufgabe ist gleichzeitig eine schöpferische, kreative Freude.
(Nakagawa Roshi: Weil wir Menschen sind.)

Schönberg: Verklärte Nacht - Jansons

 

Das siebente Siegel 3.

Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schöpferischen Hauche und von jener himmlischen Not, die noch Zufälle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen: Wenn ich je mit dem Lachen des schöpferischen Blitzes lachte, dem der lange Donner der Tat grollend, aber gehorsam nachfolgt: Wenn ich je am Göttertisch der Erde mit Göttern Würfel spielte, daß die Erde bebte und brach und Feuerflüsse heraufschnob: –– denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen neuen Worten und Götter-Würfen: –o wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?
(Friedrich Nietzsche Also sprach Zarathustra. Frankfurt a.M. 1982. S. 233)

Marcel Proust: Das Individuum webt in etwas, das allgemeiner ist als es selbst.



Joseph Beuys: Man muss eigentlich von innen her an die Sache herangehen.

Bienengleichnis



Hohe Stimmungen.

Mir scheint es, daß die meisten Menschen an hohe Stimmungen überhaupt nicht glauben, es sei denn für Augenblicke, höchstens Viertelstunden, – jene wenigen ausgenommen, welche eine längere Dauer des hohen Gefühls aus Erfahrung kennen. Aber gar der Mensch eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen großen Stimmung sein – das ist bisher nur ein Traum und eine entzückende Möglichkeit gewesen: die Geschichte gibt uns noch kein sicheres Beispiel davon.
(Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.)

Die Übung des Weges ist: sich jetzt und hier allen Problemen und Aufgaben zu stellen. Wir müssen ständig bereit sein, die Dinge genauer und tiefer zu verstehen.
(Nakagawa Roshi)

Von dieser Kunst besessen

Der Brandberg in Namibia ist der Louvre der Felsmalerei. Ein einsamer Grafiker kopierte hier Zehntausende Steinzeitbilder für die Nachwelt – und ließ dabei sein Leben.
Unser Gang ins Gebirge: nur ein kurzer Trip auf seinen Spuren. Harald Pager aber holte sich hier den Tod. Wir haben zwei Tage eingeplant für diesen kahlen, schroffen Koloss aus Granit. Pager blieb acht Jahre. In Furchen und an Flanken des Gesteins wollen
wir Felszeichnungen anschauen , geschaffen von Künstlern am Ende der Steinzeit. Pager zeichnete damals in endloser Knochenarbeit 45.000 Figuren ab, er erfasste mit wissenschaftlicher Präzision 879 Fundstellen. Kein Mensch außer ihm schuf je ein so gewaltiges dokumentarisches Werk über Felskunst.
Sonnenaufgang am Brandberg. Mit dem Licht kommen die Farben. Das Grün der spärlichen Vegetation – Stinkbüsche, wilde Feigen, Akazien – und das Ocker von Fels und Geröll. Wir haben anfangs Glück. Eine Wolkendecke schiebt sich in den Himmel über uns. Kaum direkte Strahlen, trotzdem ist die Wärme beachtlich. Kein Weg ist eingezeichnet. Unscheinbare Steinhäufchen, im Lauf der Jahre als Orientierungshilfe auf Felsbrocken platziert, geben unserem Guide Alfons Hinweise, wo es in Richtung Gipfel geht.
Ich bin Teil einer Gruppe aus einheimischen Spurenlesern und deutschen Archäologen . Gemeinsam wagen wir den Aufstieg, um uns oben mit dem Anblick der schönen Kunst
zu belohnen. Der Weg dorthin ist eine Herausforderung an die Physis. Denn rund um
den mit 2573 Metern höchsten Berg Namibias liegt Wüste: die Namib. Mehr als 50.000 Zeichnungen haben Menschen hier oben hinterlassen. Die Werke sind zwei bis sechs Jahrtausende alt, geschaffen vermutlich von Vorfahren der San, jener Bevölkerungsgruppe, von der einige bis jüngst als Jäger und Sammler davon lebten, was Wüsten und Halbwüsten ihnen gaben.
Das Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln hat sechs Bände der Rock Paintings of the Upper Brandberg herausgegeben – dann lief das Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus. Erst jetzt, zehn Jahre später, gibt es das Werk als Ganzes zu sehen, das Pager im Auftrag der Uni von 1977 bis 1985 geschaffen hat. Als Teil des African Archaeology Archive Cologne (AAArC) werden die Zeichnungen weltweit online zugänglich gemacht, dazu Tausende unveröffentlichte Bilder und die Feldtagebücher des Grafikers.

Sein Werk sprengt jede Vorstellungskraft. Neben der Kopierarbeit hat Pager die Fundorte nicht nur mit seiner Hasselblad-Kamera fotografiert, sondern auch maßstabgetreu die Umgebung gezeichnet. Jeden Stein, der die Größe eines Fußballs erreichte, bildete er ab. Er rechnete mit ein bis zwei Jahren Arbeit. Am Ende reichten nicht mal die acht bis zu seinem Tod.
Wer aufs Geratewohl losschreitet, läuft Gefahr zu scheitern. Sackgassen führen in Schluchten, Wege enden vor unbezwingbaren Brocken. Mit Alfons kommen wir gut voran. Doch die hüfthohen Stufen, auf die wir uns samt Rucksack immer wieder wuchten müssen, kosten Kraft. Der Schweiß fließt, wir trinken literweise. Das erleichtert unser Gepäck, vermittelt aber eine Ahnung davon, was für Abenteuer wir zu bewältigen haben. Denn ich überschlage die Mengen unseres Wasserverbrauchs, rechne hoch und stelle fest: Ja, das Wasser wird reichen – bis heute Abend. Morgen aber ist noch ein heißer Tag. Um zu überleben, werden wir, wie vor Jahrtausenden die Künstler, wie Pager, Wasser finden müssen. Irgendwo oben auf dem Berg, an dessen riesigem Fuß seit einer Million Jahren Trockenheit herrscht.

Der Sudetendeutsche Pager hatte sein Kunststudium in Graz abgeschlossen. 1952 wanderte er nach Südafrika aus und verdiente sein Geld als Werbegrafiker in Johannesburg. Er begann, sich für Felskunst zu interessieren, dokumentierte sie in Bildbänden. 1977 kam der Auftrag aus Köln. Pager überlegte nicht lange und machte sich auf zum Brandberg.

"Ich verliere jede Hoffnung, diese Arbeit je zu beenden"
Es geht bergan durch bizarre Formationen – vom Wüstensand geschliffene Klumpen. Alfons, der Guide, und der Kölner Archäologe Tilman Lenssen-Erz dirigieren uns in schmale Unterstände. Dort zeigen sie uns erste Zeugnisse, ein Vorgeschmack auf das, was kommen wird: Linien, Muster, rote und schwarze Figuren. Manches schwer zu erkennen. Lenssen-Erz ging Dutzende Male durch diese Schluchten. Kaum einer weltweit kennt sich mit Felsmalereien besser aus. Als Leiter der Felsbildforschung an der Forschungsstelle Afrika betreut er die Publikation von Pagers Arbeit. Immer wieder kommt er zurück und erforscht vor Ort die Meisterwerke: "Es ist jedes Mal eine Offenbarung."

Zehn- bis zwanzigköpfige Gruppen zogen wohl einst hier umher. Der Berg muss eine unermessliche Bedeutung gehabt haben. Er war eine Lebensversicherung. Denn so schroff er sich vordergründig präsentiert: Er ist eine Oase. Geht ein Regenschauer nieder, fließt das Nass über die riesigen Felsplatten. Anders als im Umland, wo jeder Tropfen versickert, nimmt der versiegelte Untergrund des Brandbergs kaum Feuchte auf. Das Wasser sammelt sich in natürlichen Kavernen und lässt Mensch, Tier und seltsame endemische Pflanzen überleben.
Unser Ziel ist die Lufthöhle. Tausend Höhenmeter liegen vor uns. Um lebend wieder hinabzukommen, wird es nicht nur darum gehen, Wasser zu finden. Weitere Gefahren lauern. Die Indizien liegen am Wegesrand: kalkweiße Fäkalien. Abgelegt hat sie ein Leopard. Wir werden seinen Hinterlassenschaften in den zwei Tagen oft begegnen. Das Raubtier, nicht groß, aber gesegnet mit unglaublichen Kräften und unbewaffneten Menschen wie uns stets überlegen, ist überall. Zum Glück aber scheu. Werden wir es zu Gesicht bekommen? Wollen wir das? In einer Dokumentation von 1984 hält Pager eine zerfetzte Hose, zerfetzte Schuhe und eine übel malträtierte Wasserflasche in die Kamera. Ein Leopard hatte in seiner Abwesenheit sein Nachtlager besucht. "Wie von einem Schrapnell getroffen", kommentierte Pager die Bissspuren an den Habseligkeiten.

Der Untergrund heizt sich auf, gegen elf wird die Hitze mörderisch, 40 Grad Celsius. Unerbittlich die hohen Tritte. Auf den Brandberg spaziert man nicht, man überwindet für Riesen konstruierte Stufen, im Backofen.
Gelegentlich begleiteten ihn zwei Ovambo als Helfer. Während Pager durchsichtige Folien auf den Felsen fixierte, die Linien der Steinzeitkünstler mit Bleistift nachzeichnete, suchten seine Gefährten nach neuen Stellen mit Kunst. Oft aber war Pager wochenlang allein. Ein Leben voller Entbehrungen, nicht nur wegen des Wassermangels. Auf die Frage, wie er die Einsamkeit aushalte, verriet er: "Oh, kein Problem. Man kann sich ablenken und sich zum Beispiel mit den Eidechsen unterhalten. Ein Problem wird es erst, wenn sie antworten."

Die Begleiter erwiesen sich als so erfolgreich, dass die Liste an Fundstellen länger und länger wurde. Unter Vorsprüngen, oft auch an Wänden, fanden sie prachtvolle Bilder. Die meisten Orte liegen auf mehr als 1800 Meter über dem Meer; sie dienten auch als Wohnstätten. Archäologische Funde zeugen davon: Steinwerkzeuge, Keramik und Schmuck aus Straußeneierschalen.

Manche Zeichnungen zeigen mythische Regengeschöpfe – Giraffen in heftigem Schauer und Schlangen mit riesigen Ohren. Menschen sind schreitend oder tanzend verewigt. Am berühmtesten ist die "Weiße Frau" – in Wahrheit ein Mann. Es gibt richtige Szenen: Ein Jäger schleppt seinen womöglich verletzten Kumpel nach Hause. Zwei Männer, offenbar Schamanen, wenden sich einer Giraffe zu – um Regen bittend?
Die Künstler gewannen intensives Rot aus Hämatit, einem Mineral, Schwarz aus Kohle und Ruß, Weiß aus Gips, Sinter oder dem Kot der Vögel. Sie trugen die Farben wohl mit Tierhaaren, Vogelfedern oder weich gekauten Stöckchen auf. Noch bevor die ersten Europäer in den Süden Afrikas kamen, hörten die Ureinwohner auf, den Brandberg zu bemalen. Was von ihren Werken geblieben ist, wollte Harald Pager dokumentieren. Komplett.

Bald zeichnete sich ab, dass zwei Jahre nie reichen würden. Rastlos machte Pager weiter. Im sechsten Jahr, im März 1983, notierte er in sein Tagebuch: "Ein großes Felsbild wie dieses versetzt mir immer eine Art Schock. Wenn ich es sehe, verliere ich jede Hoffnung, diese Arbeit je zu beenden."

Die Farben explodieren, der Granit scheint zu brennen

Wie ein offenes Fischmaul empfängt uns die Lufthöhle am oberen Rand einer langen, nach Westen abfallenden Platte. Im Innern ein riesiger Fries. Wir knien uns hin, berauscht, und versenken den Blick in die Fülle der Darstellungen. Ein Strauß, Giraffen, Oryx-Antilopen, Bergzebras – so detailliert, dass sie wohl der Bildung dienen konnten, Unterricht für den Jägernachwuchs. Allein hier sind 670 einzelne Motive zu finden. Nicht nur Tiere, auch Männer mit Pfeil und Bogen, eine Gruppe Frauen in zeremoniellem Marsch.

Der Mythos Brandberg hängt auch mit der Geologie zusammen. Vor 130 Millionen Jahren stieg Magma aus dem Erdinnern auf und sammelte sich unter der steinernen Decke des Urkontinents Gondwana. Intrusion nennt man das Phänomen, bei dem flüssiges Material in vorhandenes Gestein einfließt. Als später die Erosion den Boden abtrug, trotzte der harte Klumpen Granit den Elementen – wie ein eingeschlagener Komet aus dem All. Auch an ihm nagt der Zahn der Zeit. Die Erosion hat Furchen in den Fels getrieben, hektargroße Schalen sind wegen heftiger Temperaturwechsel abgeplatzt, Teile davon sind als Blöcke in der Landschaft stehen geblieben.

Das Wasser ist alle. Wir folgen Alfons in eine Spalte, die dreißig Meter in den Fels hineinführt. Ein vergleichsweise kühler Ort, tatsächlich findet sich zuhinterst in dem schmalen Einschnitt ein kleines Bassin, mit grünlich braunem Nass. Der Ort müffelt kellerartig, das Wasser, das wir in unsere Plastikflaschen füllen, ist reich an Sedimenten und Bakterien. Es gehört zu den Bedingungen dieses Bergs, dass nur ins zivilisierte Leben zurückkehren kann, wer sich die schmutzige Plörre einverleibt.

Man gewöhnt sich daran, dass beim Schlucken Bakterienschlieren mit in den Magen kriechen. Ich versuche, die Angst vor tödlicher Krankheit als das abzutun, was sie ist, die Paranoia eines verweichlichten Erdenbürgers im 21. Jahrhundert. Realer ist eine andere Gefahr. Eine Puffotter wohnt unter dem Felsen, den wir zur Kaffeeküche ernannt haben. Immerhin keine Mamba; der Biss einer Puffotter ist nicht immer tödlich.
Als die Sonne den Horizont erreicht, können wir sehen, wie der Berg zu seinem Namen kam. Die Farben explodieren, der Granit scheint zu brennen. Auch Pager ergötzte sich, wenn er nach zwölf Stunden in verrenkter Körperhaltung mit steifem Nacken in die Wüste hinabschaute, an diesem Anblick. Das Farbschauspiel war der Bonus für jahrelange Qual: "Ich werde zum größten Teil in Sonnenauf- und -untergängen bezahlt."

Ich habe den Schlafsack über der Höhle ausgerollt. Über mir das Firmament. Der Wind frischt auf, er stößt Wolken an, und als er immer gewaltigere Türme durch den Himmel schiebt, fühle ich mich plötzlich klein. Die schwarzen Wolkenberge flößen mehr als nur Respekt ein.

Die Nacht ist komplett schwarz, als das Geräusch von etwas Knackendem und Kauendem mein Gehirn hellwach macht. In der Finsternis erkenne ich nichts, spüre nur meine Angst. Ich greife nach der Taschenlampe und ziele auf den Ort, an dem ich die Geräuschquelle vermute. Ein schmaler Lichtkegel schießt durch das Schwarz – ins Nichts. Ein letztes kratzendes Geräusch, dann ist der Störenfried über alle Berge.

Noch vor Sonnenaufgang hilft die ganze Gruppe, darüber nachzudenken, was für eine Bestie meinen Schlaf gestört haben könnte. Das Rätsel lässt sich nicht lösen. Ein Honigdachs könnte es gewesen sein, ein Stachelschwein vielleicht. Ein Leopard. Ich bin für Leopard.

Die Wüste ist noch milchig weiß, als jene typischen dreißig Sekunden kommen, die Lenssen-Erz uns am Vorabend nicht ohne Pathos angekündigt hat. Die Farben kehren zurück. Für einen Moment beginnt die Namib unter uns zu leuchten – bis die Sonne so weit aufgestiegen ist, dass ihr grelles Licht alles Bunte wieder weggefressen hat. Eine halbe Minute Farbenrausch.

Der zweite Tag gehört der Riesenhöhle. Sie ziert ein langer Fries aus 1073 Einzelzeichnungen. Giraffen ziehen über den Fels, ein Springbockweibchen säugt sein Junges. Eine Antilopenherde entpuppt sich als meisterhafte Stilstudie, umgesetzt mit Rottönen von Violett über Zinnober bis Orange, mit Schwarz und Weiß. Mittendrin ein rätselhafter Riese, unter dessen Arm sich, im Strahl seines Achselschweißes, ein androgynes Wesen eine Dusche genehmigt. "Amis 10" heißt dieser Fundplatz. Pager hat im Tagebuch minutiös aufgezeichnet, wie lange er verweilte. 64 Stunden für die Fundstellenzeichnung, netto 340 Stunden lang kopierte er die Bilder auf seine Plastikfolien. Mancherorts kroch er in so enge Stellen, dass ihm das Abzeichnen nur mit den allerkürzesten Stummelbleistiften gelang. Und wenn die Sonne sich verzogen hatte, saß er trotzdem weiter hier, mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen. "Er war besessen", sagt Lenssen-Erz.
1983 erkrankte Pager an Krebs. Die Chemotherapie im Krankenhaus in Swakopmund vertrug er zunächst gut. Nach jeder Behandlung eilte er sofort wieder auf den Brandberg, um sein Lebenswerk zu vollenden. Pager verlor den Wettlauf gegen die Zeit. Er starb, 62-jährig, nachdem er 8,5 Kilometer Transparentpapier vollgezeichnet hatte, im Krankenhaus von Windhoek. Nicht direkt an den Folgen der Krebserkrankung, sondern an Nierenversagen. Er hatte in trockenen Jahren auf dem Berg nicht genug getrunken. Gifte blieben im Körper. Die Dehydratation hatte seine Organe kaputt gemacht.

Ein Dokument wie das von Pager wird nie mehr geschaffen werden. Hochauflösende Digitalkameras und Laserscanner könnten heute die Topografie der Felsoberfläche millimetergenau vermessen. Ein Leichtes wäre diese Arbeit auf dem schroffen Riesen trotzdem nicht. Wir füllen ein letztes Mal die Kanister und steigen ab Richtung Wüste, im Wissen um das viele saubere und kühle Wasser, das uns am Abend erwarten wird.

VON Urs Willmann
DIE ZEIT 09. Juni 2016

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