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digitale gesell Schaft





Freundlich
aber stumm
begrüßt wRoo
den Zuschaukünstler.
Er schweigt,
hört, sieht, fühlt
und staunt...

Psalm -
Ja,ja, .-)
Nein, nein...?-(
ein Koan

"Was soll das?!"
sagt der Zuschaukünstler
und spuckt aus.

wRoo weint eine Träne,
die im Gesicht erstarrt,
und lächelt.

Er küsst
den Zuschaukünstler, wie sonst nur
Honecker seine Freinde
küssen konnte.

wRoo 5/2016


Paul Celan: Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.

Unmittelbar in die Tiefe

Die große Wahrheit des Zen ist in jedermanns Besitz. Schau hinab in Dein eigenes Wesen und suche es nicht durch andere. Dein eigener Geist ist jenseits aller Form, ist frei und still und sich selbst genügend. Immerwährend prägt er sich selbst in Deinen sechs Sinnen und in den vier Elementen. In seinem Lichte löst sich alles auf. Bringe die Zweiheit von Subjekt und Objekt zum Schweigen, vergiß beide, überspringe den Intellekt, trenne Dich vom Verstand und dringe unmittelbar in die Tiefe bis zur Identität mit dem Buddha-Geist; außerhalb seiner gibt es keine Wirklichkeit.
(D.T. Suzuki: Die große Befreiung)

Gustav Mahler - Symphony No. 10
Vienna Philharmonic, Leonard Bernstein

 

Ein Gewebe von Zitaten.

Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die Botschaft des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen, von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. […] [Der Schreiber kann] nur eine immer schon geschehene, niemals originelle Geste nachahmen. Seine einzige Macht besteht darin, die Schriften zu vermischen und sie miteinander zu konfrontieren,
(Roland Barthes: Der Tod des Autors.)

Martin Heidegger: Der Sturm fegt über die Höhe, in der Hütte knarren die Balken, das Leben liegt rein, einfach und groß vor der Seele.



 Paul Celan: Er redet nicht, er spricht, und wer spricht, Geschwisterkind, der redet zu niemand, der spricht, weil niemand ihn hört, niemand und Niemand, und dann sagt er, er und nicht sein Mund und nicht seine Zunge, sagt er und nur er: Hörst du?

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Von der höchsten Gleichförmigkeit.

Im planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen erreicht der Subjektivismus des Menschen seine höchste Spitze, von der er sich in der höchsten Ebene der organisierten Gleichförmigkeit niederlassen und dort sich einrichten wird. Die Gleichförmigkeit wird das sicherste Instrument der vollständigen, nämlich technischen Herrschaft über die Erde.
(Martin Heidegger: Holzwege. S.109.)

Wohin ich auch gehe, treffe ich mich selbst.
(Tozan)

Ooh, ooh

"Purple Rain" ist ein Stück für die Musikkritik.
Am Wochenende ist dem Feuilleton der FAS eine bemerkenswert komponierte Seite gelungen. Oben stand Kerstin Grethers Nachruf auf Prince, direkt darunter die monatliche Kolumne von Eleonore Büning, diesmal zur Frage: "Wem nützen und wer liest eigentlich noch Musikkritiken?" (Antwort: niemandem und niemand). Was hat der "segregationistische Zeitgeist der mittleren Achtziger" zwischen Rock ’n’ Roll und R ’n’ B – dem Prince entsprang – mit dem Idealismus der Musikkritik seit Robert Schumann zu tun?, fragte man sich. Antwort: nichts. Trotzdem wäre es doch gelacht, wenn in einer Kurzanalyse von Purple Rain nicht beides zusammengebracht werden könnte. Wobei sich die Gesamtkunstwerksschmiede Prince viel schlechter aufs Musikalische reduzieren lässt als zum Beispiel Madonna. Sie will schillern, er schillerte.
Purple Rain gilt als Rock- und/oder Gitarrenballade, was sich vor allem in ihren zahllosen Coverversionen bewahrheitet, vom Royal Philharmonic Orchestra bis zu Bruce Springsteen. Während dort nach Kräften gesülzt wird, mit und ohne Text, signalisiert Prince mit seinem ersten Einsatz: Bloß kein Bohei! Lockere Tonrepetitionen in mittlerer Lage, zart synkopiert, eine Sechzehntel/Zweiunddreißigstel-Triole, "I never meant to cause you any sorrow" – mehr Parvenu geht nicht. Wenn nur die Gitarre nicht wäre, die sich wie in einer Peepshow permanent vors Schlüsselloch schiebt: als Objekt und Subjekt der Begierde zugleich. Lange hält sie sich an die Regeln der Kunst, fast den halben Song steuert sie, wie es sich für ein leicht funkiges Alter Ego gehört, Arpeggien, Akkorde, kleine Riffs bei. Und doch ist klar: Da kommt noch etwas.
Wie Prince das macht? Er komponiert Lücken. Mehr als das, was in den Noten steht, hört man das, was er zum Verschwinden bringt. Durch Periodenverschiebungen, notorisch eingestreute Wechsel zwischen Vierviertel- und Zweivierteltakt (am schönsten vor "Honey, I know, I know, I know, times are changin’", wenn er sich stimmlich anderthalb Takte lang aus dem Balladen- in den Kreischmodus katapultiert), durch Stauchen und Dehnen des musikalischen Materials. Alles eher im sanften, homöopathischen Bereich, und das ist das Verrückte. Es braucht nicht viel, sagt Prince, um abzustürzen, schaut her, wie sicher ich auf dem hohen Seil balanciere.
Purple Rain ist in B-Dur geschrieben. Laut traditioneller (und traditionell umstrittener) Tonarten-Charakteristik steht diese Tonart für Erhabenheit, für Sehnsucht nach einer besseren Welt oder für Einsamkeit, oder sie riecht lustigerweise nach Gewürznelken. Man wähle frei. Vielleicht war Prince auch einfach Synästhetiker und hat bei B-Dur lila gesehen.
Und dann kommt’s: das Solo. Die Gitarrenkadenz, die die Spannung löst. Länger als der ganze Song. Virtuose Griffe, vertrackte Rhythmen, ein Sound wie gemeißelt. Komponiertes Abheben, minutiös notiert, was für ein Widerspruch. Ikarus, der direkt in die Sonne fliegt. Man wähnt ihn schon in Flammen, da dreht er sich noch einmal um, präsentiert im höchsten Falsett, "Ooh, ooh", ein paar lässige Koloraturen. Seit Prince, hat Heiner Goebbels einmal gesagt, sei Eklektizismus kein Schimpfwort mehr. Seit Prince müsse sich jeder an allem messen lassen. Schumann jedenfalls, dem großen Identitätenspieler, hätte dieses Nachspiel grandios gefallen.

Von Christine Lemke-Matwey
12. Mai 2016 DIE ZEIT Nr. 19/2016, 28. April 2016
COPYRIGHT: ZEIT ONLINE ADRESSE: http://www.zeit.de/2016/19/prince-purple-rain-musikkritik.

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