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ein aufrechtes Schweigen



sternenKlang

ein stein der
den andern
zum ziel nahm
stein im geröll

vor dem sternenKlang:
augenHören, ohrenSchauen -
steinAnstein; wie wir
unsere Worte
bilden - kaum hörbar -
der du in Wünschen lebst,

droben im Weltgestänge
fragt ein Mund,
was Plastik sein kann -
sternAnstern; wie wir
unsere Worte
umgestalten - allein verloren -
zum Aufschwung bereit,

vom Stein zum Stern.
Sprachlos
sprechen meine Hände.
schlagAufschlag - wie wir
unsere Worte
formen - trunken -

freudig nahm
der eine
den anderen
sternenKlang
© wRoo 2013


Bertolt Brecht: Damit auf spielerische Weise das Besondere  herauskommt und kritisiert werden kann, dichtet das Publikum im Geist hinzu. Somit verwandelt sich das Publikum in einen Erzähler. Godard

Erleuchtung praktizieren

Du »hast« diese Erleuchtung nicht, du muß sie praktizieren. Erleuchtung gehört zum Universum, nicht zu dir. So gesehen sind wir alle in der großen Erleuchtung des Universums, sozusagen in der großen Harmonie. Wenn du stolz bist auf »deine« Erleuchtung, dann fällst du aus dieser Harmonie heraus. Vorsichtiger, bewußter sein in den konkreten, feinen Beziehungen zwischen Menschen: das ist »Erleuchtung praktizieren« - genau dort, wo du gerade bist.
(Nakagawa Roshi: Weil wir Menschen sind.)

Gustav Mahler - Symphony No. 10
Vienna Philharmonic, Leonard Bernstein

 

Versuch über das Leben der Künstler.

Indem die Anderszaubernden sich unaufhörlich wandeln, atmen sie den Raum aus, aus dem ihnen alles kommt. Seine Weite ist ihnen geläufiger als ihr manifestes Werk. Sie könnten alles, was sie erschaffen haben, vergessen, nur nicht die Sphäre, aus der das Schaffen kommt und weitergeht.
Peter Sloterdijk: Versuch über das Leben der Künstler.

David Foster Wallace: Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod.



 Paul Celan: Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs.

Open Source



Gedichte sind ein Versuch

Gedichte sind ein Versuch, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, ein Versuch, Wirklichkeit zu gewinnen, Wirklichkeit sichtbar zu machen. Wirklichkeit ist für das Gedicht also keineswegs etwas Feststehendes, Vorgegebenes, sondern etwas in Frage Stehendes. Im Gedicht ereignet sich Wirkliches, trägt Wirklichkeit sich zu. Davon ergibt sich für den Lesenden zunächst die Bedingung, das im Gedicht zur Sprache Kommende nicht auf etwas zurück.zuführen, das außerhalb des Gedichts steht. Das Gedicht selbst ist sich, sofern es ein wirkliches Gedicht ist, der Fragwürdigkeit seines Beginnens wohl bewußt; an ein Gedicht mit unverrückbaren Vorstellungen heranzugehen, bedeutet also zumindest eine Vorwegnahme dessen, was im Gedicht selbst Gegenstand einer - in keiner Weise süffisanten - Suche ist.
(Paul Celan: Brief vom 17.2.1058.)

Es ist leicht, einen großen goldenen Buddha in einem großen goldenen Buddha zu sehen, aber wenn du den großen Buddha in einem Grashalm siehst, wird das eine ganz bondere Freude sein.
(Shunryu Suzuki)

Genie ohne Wahnsinn


Mathematiker spinnen und sind weltfremd? "Die Poesie des Unendlichen" räumt mit den üblichen Klischees auf.
Jede Berufsgruppe muss damit rechnen, in Film und Fernsehen als Klischee aufzutauchen. Das Stereotyp für Mathematiker wurde bei der Eindeutschung des Films A Beautiful Mind aus dem Jahr 2001 gleich zum Untertitel: Genie und Wahnsinn. Wer sich so intensiv mit Zahlen, Formeln und abstrakten Strukturen beschäftigt, der muss irgendwie einen an der Waffel haben und fürs normale Leben nicht wirklich geeignet sein! Mathematiker selbst hassen dieses Klischee, und viele von ihnen finden, dass ihrer Zunft in dem Film Die Poesie des Unendlichen nun zum ersten Mal Gerechtigkeit widerfährt. "Vielleicht der beste Film, der je über Mathematik gemacht wurde", schreiben Armando Martino und David Singerman von der University of Southampton im Newsletter der London Mathematical Society.
Der Film handelt von der wahren Geschichte einer Beziehung, man könnte sagen: der Liebesbeziehung zwischen zwei Mathematikern, die aus sehr unterschiedlichen Welten stammen. Der etablierte Cambridge-Professor G. H. Hardy (gespielt von Jeremy Irons) erhält im Jahr 1913 einen Brief aus Indien. Darin schickt ihm der junge Srinivasa Ramanujan (Dev Patel, manchen bekannt aus Slumdog Millionaire) eine Reihe mathematischer Theoreme, die er offenbar ohne fremde Hilfe im Selbststudium entwickelt hat, und bittet ihn, ihm bei der Veröffentlichung zu helfen. Hardy lädt Ramanujan nach Cambridge ein in der Absicht, aus diesem mathematischen Rohdiamanten einen Edelstein nach westlichem Geschmack zu schleifen.
In den folgenden fünf Jahren entwickelt sich eine Beziehung, die weit über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis hinausgeht. Ein jähes Ende findet diese fruchtbare Zusammenarbeit, als Ramanujan an Tuberkulose erkrankt, zurück nach Indien geht und dort 1920 stirbt. Hardy hat später einmal seine eigenen mathematischen Fähigkeiten auf einer Skala von 1 bis 100 bescheiden auf den Wert 25 geschätzt. Dem überragenden Königsberger Mathematiker David Hilbert gestand er 80 zu. Ramanujan aber volle 100.
Doch wie zeigt man solches Können auf der Leinwand? Anders als im Fall von Bäckern, Ärzten oder auch Atomphysikern ist die Arbeit des Mathematikers im Film schwer darzustellen. Sicher, man kann die Protagonisten Formeln an die Tafel schreiben lassen, aber die fördern eher wieder das Klischee von der Unverständlichkeit des Gegenstandes. Den Inhalt dieser Formeln zu erläutern sprengt den Rahmen eines Kinofilms, und so erfahren wir auch in der Poesie der Unendlichkeit nur Ansätze davon (die "Poesie" haben übrigens wieder die deutschen Übersetzer dazugetextet und damit den englischen Titel kräftig weichgespült, er lautet: The Man Who Knew Infinity – "Der Mann, der die Unendlichkeit kannte").
Doch die Quintessenz des Konflikts zwischen dem englischen Bildungsbürger und dem indischen Naturtalent wird klar herausgearbeitet: In der westlichen Mathematik zählen auch die schlauesten Theoreme nichts, wenn ihr Schöpfer sie nicht formal beweisen kann. Christian Goldbach mag im Jahr 1742 erkannt haben, dass jede gerade Zahl sich als Summe zweier Primzahlen darstellen lässt – ohne Beweis aber bleibt das bis heute eine Vermutung, andere Mathematiker können nicht darauf aufbauen. Im Film sträubt sich Ramanujan vehement (und arrogant) gegen das Ansinnen, die aus ihm hervorsprudelnden Erkenntnisse auch dem mühseligen Prozess des Beweisens zu unterziehen. Erst als ihm ein Fehler nachgewiesen wird, muss Ramanujan erkennen, dass selbst er keinen unmittelbaren Zugang zur mathematischen Wahrheit hat.
Der Regisseur Matthew Brown tat gut daran, zwei gestandene Mathematiker nicht nur als Berater, sondern gleich als Co-Produzenten zu engagieren. Sie bürgen dafür, dass nicht nur jede Formel korrekt ist, die auf Tafeln, Manuskripten und indischen Fußböden erscheint, sondern auch die Protagonisten, ihre Konflikte und Leidenschaften realistisch dargestellt werden – anders als etwa bei A Beautiful Mind, dessen Drehbuch sehr frei mit der Biografie des Mathematikers John Nash umgeht. Entstanden ist ein eher konventioneller Spielfilm, der ohne große Effekte auf die authentische Geschichte setzt, die er erzählt. Er wird nicht nur allen Mathematikern, die sich endlich verstanden fühlen, die Tränen in die Augen treiben.

Von Christoph Drösser
DIE ZEIT Nr. 21/2016, 12. Mai 2016
COPYRIGHT: ZEIT ONLINE ADRESSE: http://www.zeit.de/2016/21/die-poesie-des-unendlichen-film-mathematik.

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