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Pallaksch



Heraklit:Die Menschen wissen nicht, wie das, was verschieden ist, mit sich selbst übereinstimmt. Es ist eine Zusammmensammenstimmung entgegengesetzer Spannungen.

Todesfuge


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Paul Celan: Todesfuge.

Alles und das Eine

Das Eine umschließt Alles, und Alles taucht in das Eine. Das Eine ist Alles, und Alles ist das Eine. Das Eine durchdringt Alles, und Alles ist in Einem. Und dies ist so mit jedem Gegenstand und jedem Dasein.

Casta Diva Callas

 

Ein schwirrender Bienenschwarm.

"Schließlich besteht das menschliche Gehirn aus 100 Milliarden Neuronen und annähernd einer Billiarde Synapsen [...] Jede Nervenzelle ist einzigartig, und ein und dasselbe Signal wird von tausend Nervenzellen auf tausend unterschiedliche Arten verarbeitet. Doch zugleich respektieren sich die Neuronen vollständig und gleichen permanent ihre Interpretationen miteinander ab – ganz anders als eine menschliche Gesellschaft, in der einer sagt, er habe recht und alle anderen unrecht [...] Anders als in einem Computer werden im Gehirn Informationen multidimensional, nichtlinear und in permanenter Rückkopplung ausgetauscht. Es gleiche einem schwirrenden Bienenschwarm, der ständig seine Form, Zusammensetzung und Arbeitsverteilung ändere"
(Henry Makram: Die Demokratie der Neuronen.)

Fernando Pessoa: Ich bin geschauspielert worden.

Psalm - Ja, ja Nein, nein- ein Koan

Martin Heidegger: Fragen ist das Philosophieren in erster Linie, das eigentliche Philosophieren.

Die Idee des Fragments.

Ich habe die Idee des Fragments so weit getrieben, dass ich aus einem Fragment einen ganzen Film gemacht habe. Der Film bestand aus mehreren Fragmenten.
(Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. S.139)

Es waren Augenblicke



Spezifische Dunkelheit

Das Gedicht hat, wie der Mensch, keinen zureichenden Grund. Daher seine spezifische Dunkelheit, die in Kauf genommen werden muß, wenn das Gedicht als Gedicht verstanden sein soll. Vielleicht auch: das Gedicht hat seinen Grund in sich selbst; mit diesem Grund ruht es im Grundlosen.
(Paul Celan)

Wer eine bescheidene Blume an der zerbröckelten Mauer in ihrem Wesen verstanden hat, der hat die ganze Welt und alle Dinge diesseits und jenseits der Welt verstanden.
(D.T. Suzuki)

American Angst



Was dieser Wahlkampf über die seelische Krise Amerikas verrät, warum ein Land ohne Selbstbeherrschung die Welt nicht mehr ordnen kann und was der Abschied der USA als Weltmacht für die Europäer bedeutet.
Als Deutscher kann man die Amerikaner nur sehr schwer verstehen, man kann etwas über sie lernen, über ihre Geschichte und Kultur, ihre Haltung zur Welt, man kann sie bewundern oder sich über sie aufregen. Aber verstehen? Bei aller Freundschaft gibt es doch keine zwei Völker auf der Erde, die seelisch so weit voneinander entfernt sind wie die Amerikaner und die Deutschen. Denn die einen gründen auf Stolz, die anderen auf Scham; die einen haben den heiligsten aller Kriege geführt und gewonnen, die anderen das größte Unheil gebracht und denselben Krieg verloren, die Niederlage war ihre Befreiung, und die Befreier waren Amerikaner.
Dabei ist es eine offene Frage, womit ein Volk auf Dauer besser zurechtkommt, mit dem Gefühl der Scham und dem Ehrgeiz, sich zu bewähren – oder mit Stolz und Weltverantwortung, mit der Bürde, die größte Nation der Erde sein zu sollen.
Diese Frage wird gerade historisch fällig. Denn die Amerikaner haben in den vergangenen Jahren den Griff auf die Welt mehr und mehr verloren – und in den letzten zwölf Monaten die Selbstbeherrschung. Die Europäer, die Deutschen zumal, versuchen diesen widerwärtigen US-Wahlkampf anzusehen wie eine Mischung aus House of Cards und Big Brother, sie wollen nicht wahrhaben, was sie eigentlich wissen: Die USA sind nicht mehr die Rückversicherung aller Demokratien, sondern selbst auf einem Abweg.
Und kann ein Land, das dabei ist, die Selbstbeherrschung zu verlieren, noch den Anspruch erheben, die Welt zu ordnen?
Die USA sind, man mag es gar nicht niederschreiben, ein gefährdetes und infolgedessen gefährliches Land geworden – so wie andere Länder auch, Deutschland eingeschlossen. Nur größer.
1974, als die Radikalisierung der Republikaner erstmals richtig Fahrt aufnahm, hielt der spätere Präsident Ronald Reagan eine epochale Wahlkampfrede. Darin waren schon die meisten von den ideologischen Elementen enthalten, die in diesen Tagen zur Selbstzerstörung seiner Partei führen. In einem aber konnten Reagan fast alle zustimmen: Für jeden Menschen auf der Welt gibt es einen Ort, wohin er vor Unterdrückung und Unrecht fliehen kann – Amerika. (Es war übrigens, gemessen an neuesten Standards, eine brillante, geradezu intellektuelle Wahlkampfrede.)
Und heute? Heute ist dieses Amerika, die einst letzte Zuflucht aller Demokraten, so außer sich, dass es einen Mann auf Armeslänge an die Tür des Oval Office lässt, der unbeherrscht ist, rassistisch, sexistisch, ein außenpolitischer Hasardeur, der die Folter legalisieren und Muslime verbannen will. Ein Mann, der droht, die Wahl nicht anzuerkennen, wenn er verliert, und seine Kontrahentin ins Gefängnis bringen möchte, wenn er gewinnt. Ein Mann, der ständig Lob braucht und Beifall, den er sich auch unentwegt selber spendet, der sich kaum konzentrieren kann und zappelig wird, wenn er nicht attackieren darf oder nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Ist er ein Psychopath oder ein Faschist, wie manche sagen? Sei’s drum. Entscheidend ist, dass so ein Mann vierzig Prozent der Amerikaner hinter sich bringen kann. Oder mehr.
Man muss sich das nur mal kurz umgekehrt vorstellen. Jemand wie Trump würde in einem Bundestagswahlkampf in die Nähe einer Mehrheit kommen. Da würde ein amerikanischer Präsident mahnende Worte an das deutsche Volk richten und sachte daran erinnern, dass man die Welt schon zweimal vor Deutschland gerettet habe und das, falls nötig, auch ein drittes Mal tun würde.
Eine seelische Betriebsstörung der "greatest nation on earth"
Es ist schon wahr: Alle westlichen Demokratien sind derzeit von der Krankheit des Autoritarismus befallen. Aber keines der großen Länder, weder Frankreich noch Großbritannien oder Deutschland, nicht mal Italien, sind demokratisch so sehr auf den Hund gekommen wie die USA. Ein Donald Trump würde in Deutschland nicht mal Bürgermeister, und im Vergleich zu ihm wirkt Marine Le Pen (Gott schütze Frankreich vor dieser Frau!) beinahe vernünftig, gemäßigt und berechenbar.
Wie sehr der Trumpismus schon Macht über die USA gewonnen hat, lässt sich am besten daran absehen, dass seine Gegnerin und ihre Partei mit ihm nicht fertigwerden. Seit Monaten gelingt den Demokraten der entscheidende Schlag nicht. So fadenscheinig ist Hillary Clintons eigene Glaubwürdigkeit, dass sie auch heute, wenige Tage vor den Wahlen, nicht sicher sein kann, diesen gefährlichen Kretin zu besiegen. Stattdessen beteiligt sie sich in ihrer Not nun selbst an der Demontage des Systems, das zu verteidigen sie doch angetreten war. Im Sommer noch war es Donald Trump, der die Exekutive angriff, weil die Hillary Clintons E-Mail-Missbrauch für "zwar schlampig, aber nicht kriminell" erklärte. Das FBI sei, so Trump, von der Justizministerin unter Druck gesetzt worden, die ja kurz vor Veröffentlichung des Gutachtens Bill Clinton auf einem Flughafen getroffen habe und so weiter.
Dieser Tage nun, da das FBI neue Clinton-E-Mails gefunden hat, muss sich dessen Chef wütender und herabsetzender Attacken des Clinton-Lagers erwehren. Diese Mails – gefunden auf den Geräten eines digitalen Exhibitionisten, der mit Clintons engster Beraterin verheiratet war – habe James Comey nur öffentlich gemacht, weil er Republikaner sei und ihr schaden wolle. Mit anderen Worten: Beide Präsidentschaftskandidaten schlagen mit großen Hämmern auf die Institution der Bundespolizei ein. Und das nach einem Jahr, in dem schon die gewöhnliche Polizei wegen der vielen Morde an Schwarzen in eine tiefe Legitimationskrise gestürzt ist.
Irgendetwas im Psychohaushalt der Amerikaner funktioniert nicht mehr, offenbar ist eine Art seelischer Betriebsstörung eingetreten.
Wer in diesen Monaten in den USA mit gewöhnlichen Menschen spricht, der trifft nicht nur auf Wut und Feindschaft, der findet nicht nur eine gespaltene Gesellschaft vor, viel beunruhigender sind die Gemeinsamkeiten. Ob Trump-Wähler, Sanders-Fans oder Clinton-Unterstützer – außerhalb der Wahlkampfveranstaltungen sind sie überwiegend zerknirscht, verzagt, ängstlich.
Gewiss, die Botschaften von der eigenen Größe werden noch allerorten versendet. Wer Cape Canaveral besucht, eine Art Space-Vergnügungspark mit angeschlossenem Raketenparcours, findet vor lauter Helden den Weltraum nicht. Washington wimmelt nur so von Denkmälern, an jeder Ecke Freiheitskämpfer, hinter denen die wirkliche gegenwärtige, die verwundete und gefährdete Demokratie fast zu verschwinden droht. Und auch Michelle Obama, die Frau, der man alles glauben möchte, spricht in ihren Reden noch von der "greatest nation on earth".
Und doch, es kommt nicht mehr richtig an, dieses Lullaby von der eigenen Größe, beständig fächeln sich die Amerikaner Mut zu – und werden doch immer mutloser dabei. Die Fratzen der millionenfach herumfahrenden SUVs und Pick-ups sind in den letzten Jahren so aggressiv geworden, dass ein italienischer Designer sich eher erhängen würde, als so etwas zu entwerfen. Und da fragt man sich auf amerikanischen Autobahnen beim Blick in den Rückspiegel dauernd: Was ist bloß mit euch los? Es scheint, als sei die amerikanische risikofreudige, sehr freie Marktwirtschaft für viele nicht mehr so gut zu ertragen, wenn das Ur-Selbstvertrauen in die eigene Auserwähltheit brüchig wird.
Vielleicht ist das für Deutsche besonders schwer nachzufühlen, diese Last, die "größte Nation der Erde" sein zu wollen, wahrscheinlich macht sich unsereins gar keine Vorstellung davon, was es bedeutet, an die eigene Suprematie glauben zu müssen.
Tatsächlich, das holt Donald Trump schließlich nicht ganz aus der Luft, läuft sehr vieles schief in den USA. Das Grenzregime funktioniert noch ineffizienter als in Europa, elf Millionen illegale Einwanderer leben in den Vereinigten Staaten. Der Sozialstaat funktioniert ebenfalls viel schlechter als auf dem alten Kontinent, das mag von der Mehrheit gewollt sein, wird aber von vielen nur noch widerwillig ertragen. Dazu passt, dass es auch der Regierung von Barack Obama nicht wirklich gelungen ist, die verheerenden Wirkungen der Superreichen und Finanzmarktprofiteure auf den Rest der Gesellschaft einzudämmen. Sie verderben vor allem in den Metropolen alle Preise und setzen damit die Mittelschicht so massiv unter Druck, dass die kaum noch stabilisierend wirken kann, sondern vielmehr selbst häufig in latenter Lebenspanik schwebt.
Amerikas führender Philosoph und Zeitdiagnostiker, Barack Obama, hat dazu kürzlich im Economist geschrieben, die Wachstumsschwäche der USA sei nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass so viele qualifizierte Menschen, die gute Ingenieure oder Ärzte hätten werden können, ihre Talente damit verschwenden, an der Wall Street Milliarden hin und her zu hieven.
Das eigentliche Problem jedoch scheint zu sein: Größe ist zu teuer, die Nebenkosten der Macht wachsen ins Unermessliche.
Der für die Europäer folgenreichste Grund liegt im globalen Kontrollverlust einer überdehnten Supermacht. Dazu später mehr.
Weltmacht scheint ein Verlustgeschäft geworden zu sein
Längst haben die Amerikaner die Gewissheit verloren, dass sie für ihre Weltpolitik nicht nur hohe Preise zahlen – Geld, Zeit und Blut –, sondern auch erhebliche Surplusgewinne einstreichen. Gewinne, die nur derjenige erzielt, der über die globale Leitwährung verfügt, der jederzeit eine militärische Übermacht aufbieten kann und mit seinem großen Markt anderen die Bedingungen zu diktieren vermag.
Seit einiger Zeit geht diese Rechnung nicht mehr auf, die Hegemonialkosten schießen in einer multipolaren, aus den Fugen geratenen Welt dermaßen in die Höhe, dass auch eine so starke Macht wie die USA sie nicht mehr aufzubringen vermag. Oder es nicht mehr möchte.
Weltmacht jedenfalls scheint ein Verlustgeschäft geworden zu sein.
Barack Obama hat auf dieses Problem eine vernünftige Antwort gesucht. Insbesondere in seiner zweiten Amtszeit nahm er Abschied vom Mainstream amerikanischer Außenpolitik, einer vermeintlichen Realpolitik, die den Blick für die eigenen Grenzen und die globale Wirklichkeit verloren hatte. Mehr und mehr hat Obama etwa den Europäern signalisiert, dass sie sich um ihre eigenen Nachbarschaftskonflikte, insbesondere um Russland und den Mittleren Osten, in erster Linie selber kümmern müssen. Die Folgen dieses Teilrückzugs waren vor allem im Mittleren Osten zunächst verheerend, die syrische Tragödie und der wachsende, brutale Einfluss Russlands stehen dafür. Andererseits hat ja gerade das unkonzentrierte, wiewohl massive Engagement der Amerikaner die Region in der Dekade davor erst ins Chaos gestürzt.
Positiv hat Obama, der Präsident der neuen Bescheidenheit und des Neorealismus, derweil zweierlei (mit) bewirkt: den Iran-Deal und die Öffnung gegenüber Kuba. Doch das war schon keine Supermachtpolitik mehr, vielmehr ähnelte diese Politik methodisch – Verhandeln, Sanktionen, Warten, Aufweichen, Verhandeln – Willy Brandts Ostpolitik, sie erfolgte eher im Stil einer Mittelmacht.
Am falschesten lag Obama da, wo er den Supermachtstatus der USA aufrechterhalten wollte – in Asien. Er glaubte wirklich, als Schutzmacht all der kleinen Staaten auftreten und China in Schach halten zu können, das immer rascher zu seiner eigenen Größe aufsteigt. Obamas jüngste Asienreise allerdings machte offenbar, wie fragil diese Idee ist. Der philippinische Präsident Duterte beschimpfte den US-Präsidenten derart, dass der sein Besuchsprogramm ändern und Manila auslassen musste. Nun mag man Duterte für eine Art ostasiatischen Trump halten, dennoch sagen Verrückte ja gelegentlich die Wahrheit. Und die Wahrheit lautet, dass der Kotau vor China eine denkbare Alternative zur amerikanischen Schutzmacht darstellt.
Besonders dann – und an dieser Stelle wird es auch für die Europäer sehr ernst –, wenn es Gründe gibt, an der Zuverlässigkeit amerikanischer Schutzgarantien zu zweifeln.
Hier hat die neue amerikanische Militärdoktrin – die von Obama, Clinton und Trump gleichlautend formuliert wird –, eine verheerende Schleichwirkung, sie lautet: No boots on the ground, also keine Gefährdung von US-Soldaten mehr. Offenkundig haben die USA in den vielen falschen oder falsch geführten Kriegen jene Opferbereitschaft aufgebraucht, die sie für mögliche richtige Kriege vielleicht benötigen würden.
Diese schwindende Opferbereitschaft, die zu kritisieren einem Deutschen gewiss nicht ansteht, hat allerdings schwerwiegende Konsequenzen für die Rolle der USA in Asien und für die Nato, damit auch für Europa und Deutschland.
Denn wenn die Amerikaner nicht mehr bereit sind, das Leben einiger Tausend Soldaten zu riskieren, was sind dann die anderen Sicherheitsgarantien wert? Wie viel Risiko würden sie eingehen für, sagen wir, Taiwan oder Litauen oder Georgien? Noch dazu, wenn am Ende eine nukleare Eskalation droht. Niemand weiß das. Und genau dieses Nicht-mehr-Wissen ist das Problem.
Donald Trump ist hier der Narr, der die Wahrheit sagt. Litauen? Da muss ich erst mal sehen, ob die Balten auch selber genug für ihre Verteidigung ausgegeben haben, bevor ich sie gegen die Russen verteidige. Selbst Trump versucht an dieser Stelle, mit seinem Affekthirn Antworten zu finden auf reale Widersprüche amerikanischer Weltpolitik. Er möchte am liebsten überall die Hegemonialkosten eintreiben, Sicherheit würde dann künftig in bar bezahlt.
Den dadurch drohenden Bedeutungsverlust würde Trump mit Machismo ausgleichen wollen, Männer machen nicht mehr Geschichte, sondern Geschäfte. Auf seiner Suche nach neuer Macht ohne neue Kosten ist er nicht ganz zufällig auf die Nukleararsenale verfallen. Wenn man schon Atomwaffen hat, warum benutzt man sie dann nicht auch, für ihn sind Nuklearsprengköpfe einfach brachliegendes Machtpotenzial. In der für Trump unerheblichen wirklichen Wirklichkeit verrotten die amerikanischen Sprengköpfe unterdessen in ihren Silos, die Erneuerung wird in den kommenden Jahren mit etwa einer Billion Dollar zu Buche schlagen, was die globalen militärischen Möglichkeiten der USA beschneiden dürfte.
Alles, was Trump vorschlägt, sind irrationale und brandgefährliche Antworten auf reale Probleme, und man kann nur innig hoffen und laut beten, dass dieser Mann am nächsten Dienstag bekommt, was er verdient. Allerdings, auch mit Hillary Clinton handelt sich die Welt ein großes Problem ein, viel größer als mit Obama, nach dem wir uns noch die Augen ausweinen werden.
Wer genau hinsieht, wird feststellen, dass auch Hillary Clinton heimlich mit dem Slogan arbeitet: Make America great again. Größer und großartiger als bei Obama.
Was die amerikanische Krise für Deutschland bedeutet
Sie ist die paradigmatische Vertreterin eines mehrfach gescheiterten außenpolitischen Mainstreams, des Status quo ante Obama. In den Kreisen ihres (hoffentlich) künftigen Regierungsstabs wird der amtierende Präsident dafür kritisiert, dass er die amerikanische Machtprojektion viel zu sehr zurückgefahren habe, was sich künftig wieder ändern müsse.
Das klingt harmloser, als es ist. Mehr Macht vorzuspiegeln, als man noch hat, ist ein ziemlich gefährliches Unterfangen. Zumal dann, wenn sich solcherlei mit den Obsessionen einer interventionistischen Außenpolitik verbindet. In einer aufwendigen investigativen Recherche hat die New York Times herausgefunden, wie die damalige Außenministerin Clinton 2011 in die Libyen-Intervention gegangen ist. Um es kurz zu sagen: mit sehr wenigen zuverlässigen Informationen und einem mehr als unausgegorenen Plan.
Etwas anderes stimmt noch bedenklicher. In besagtem Artikel wird ihr auch folgendes Zitat zugeschrieben: "Wenn wir erst mal eine Entscheidung getroffen haben, dann können wir nicht fehlgehen." Unfehlbarkeit ist heutzutage keine sonderlich gute Idee mehr, das hat offenbar selbst der Papst besser begriffen als die (hoffentlich) künftige US-Präsidentin.
Vielleicht hat sie seither ja dazugelernt. Vielleicht auch nicht. Drei Jahre nach Libyen, als Wladimir Putin die Krim annektierte und die Ostukraine zu destabilisieren begann, war Hillary Clinton schon nicht mehr Außenministerin. Dennoch machte sie sich markant bemerkbar, indem sie Putins begrenzte Aggression mit Hitlers Welteroberungspolitik verglich. Dieser Vergleich ist aus dem Mund einer US-Politikerin nicht bloß einfach daneben, er ist regelrecht gefährlich. In der Zeit versuchten nämlich mächtige außenpolitische Washingtoner Kreise, die Europäer unter Druck zu setzen, Waffen an die Ukraine zu liefern. Angela Merkel und Barack Obama haben das verhindert. Gottlob. Denn wo wären wir heute, wenn sie sich darauf eingelassen hätten? Nach allem, was mittlerweile über Putins Eskalationsbereitschaft augenfällig geworden ist? Am Rande eines großen europäischen Krieges vermutlich.
Wenig spricht dafür, dass Hillary Clinton über ein Konzept für eine balancierte, realistische Außenpolitik verfügt. Das ist bei anderen kaum besser, gewiss nicht bei den Europäern. Die Frage ist nur, wie dialogbereit und lernfähig Clinton ist oder aber wie gefangen in Suprematiedenken und Unfehlbarkeitsvermutungen. Das Haupthindernis für eine moderne amerikanische Außenpolitik in einer multipolaren Welt sind die schlechten Gewohnheiten, die Jahrzehnte des globalen Mansplaining. Auch die deutsche Regierung wurde von ihren Pendants in Washington bis weit in die Obama-Zeit hinein am Telefon angeschrien, man stampfte mit dem Fuß auf, verweigerte den Rückruf. Unter Obama mäßigte sich der Ton schließlich etwas, es wurde zugehört und nachgefragt. Wie aber wird es bei Hillary?
Und was bedeutet die amerikanische Krise nun für Deutschland? Schwierig dürfte sich der transatlantische Dialog nicht nur ihretwegen und wegen des besorgniserregenden Zustands der amerikanischen Demokratie entwickeln. Auch Europa, vor allem Deutschland, hängt noch immer am Gestern. Die Zwillingsideologien des Antiamerikanismus und des Amerikanismus wollen beide nicht von der Vorstellung ablassen, dass das Wohl – oder Wehe – der Welt von den USA abhängt.
Doch sind diese Zeiten unwiderruflich vorbei. Die Selbstgefährdung der amerikanischen Demokratie und die ungelösten Widersprüche einer überforderten Weltmacht bringen die Europäer in die Lage, sich selbst um Afrika und den Mittleren Osten kümmern zu müssen. Viel schlechter als die Amerikaner werden sie es ja vielleicht nicht machen (können). Und auch mit Russland wird sich vor allem die EU zu befassen haben. Auch wenn man das in Europa noch nicht ganz wahrhaben will.
Zwar wird der teilweise Abschied der USA weitgehend geleugnet, dennoch hat er im politischen Unterbewussten des europäischen Kontinents bereits gewaltige Nebenwirkungen. Die irrationalste besteht darin, dass viele insgeheim oder offen folgende Rechnung aufmachen: Die Amerikaner ziehen sich zurück, die EU ist schwach, also kann sie sich nur durch eine privilegierte Partnerschaft mit Russland in der Welt behaupten.
Das ist wirklich in jeder Hinsicht realitätsfern und zugleich fatal. Angefangen damit, dass Russland machtpolitisch um Längen weiter überdehnt ist als die USA. Außerdem ist die demokratische Substanz der Amerikaner stark genug, um sich irgendwann wieder aus ihrer Systemkrise zu befreien, während eine Demokratisierung Russlands bisher nicht mal am fernen Horizont zu erkennen ist. Schließlich braucht die EU keine Alternative zu Amerika, sie ist diese Alternative.
Oder kann es werden.
Die USA jedenfalls sind vorerst nicht mehr der Fels, auf den wir bauen können, und nicht mehr die Klagemauer, in die wir die Zettel mit unseren Wünschen und Beschwerden stecken können.
Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Eine traurige. Als Deutscher ist man konsterniert und fühlt sich verlassen. Es bleibt der Trost der Desillusionierung.

Von Bernd Ulrich, DIE ZEIT Nr. 46/2016, 3. November 2016

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