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Dichten ist Maß-Nahme



Friedrich Nietzsche: Wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein, und im Kleinsten und Alltäglichsten zuerst.

Todesfuge


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Paul Celan: Todesfuge.

Seelische Armut

Wir alle kommen aus den wohlhabenden Ländern, und diese WohlstandsGesellschaften sind verantwortlich für die Entwicklung der ganzen Menschheit. So sehe ich das.
Im Vergleich mit den Menschen in den armen Ländern hast du alles. Wir haben alles und empfinden es als selbstverständlich. Aber die anderen wollen auch Fahrräder, Waschmaschinen, Computer haben. Sie empfinden es als Problem, daß sie keine besitzen.
Die Menschen mitten im Wohlstand haben solche Probleme nicht mehr, sie haben andere: seelische, psychische Probleme. Aber mitten in diesem Wohlstand können die Menschen hier durchaus eine Möglichkeit finden, den richtigen Weg zu wählen. So gesehen geben die äußeren Bedingungen neue Impulse und eine neue Zugänglichkeit zum Weg der seelischen Reifung.
Die Menschen in den reichen Ländern leiden unter seelischer Armut.
(Nakagawa Roshi: Weil wir Menschen sind.)

Casta Diva Callas

 

Die Würfelbecher des Zufalls.

Jene eisernen Hände der Nothwendigkeit, welche den Würfelbecher des Zufalls schütteln, spielen ihr Spiel unendliche Zeit: da müssen Würfe vorkommen, die der Zweckmässigkeit und Vernünftigkeit jedes Grades vollkommen ähnlich sehen. Vielleicht sind unsere Willensacte, unsere Zwecke nichts Anderes, als eben solche Würfe – und wir sind nur zu beschränkt und zu eitel dazu, unsere äusserste Beschränktheit zu begreifen: die nämlich, dass wir selber mit eisernen Händen den Würfelbecher schütteln, dass wir selber in unseren absichtlichsten Handlungen Nichts mehr thun, als das Spiel der Nothwendigkeit zu spielen. Vielleicht! –
(Friedrich Nietzsche. Die Morgenröte.)

Marcel Proust: Daß man sich verliert, ist noch nicht schlimm, sondern daß man sich hinterher nicht wieder zurechtfinden kann.

Diesseits von Eden - ein Koan

Gerhard Richter: Die Gemälde sind klüger als ich.

Die Kunst vs. der Zufall.

Das Kunstwerk steht vor dem Bewustsein neuzeitlicher Menschen als der endlich gerechtfertigte Zufall. In ihm ist das Nicht-Notwendige nicht nur wirklich, sondern auch in gewisser Weise auch notwendig geworden; das von Gott bei der ersten Schöpfung noch Weggelassene oder Vergessene wird nun kraft der menschlichen Werkmacht nachgeholt; durch kreative Akte wird der Bestand des Seienden selbst vermehrt. Als Urheber von Kunstwerken , Spielen der höchsten Art, ist der Mensch mit dem Nicht-Notwendigen exemplarisch versöhnt. In der Kunst ist das Zufällige quasi heilungsnotwendig geworden.
Peter Sloterdijk: Für eine Philosophie des Spiels.

Kulturflatrate



Gefahr des Glücklichsten.

Feine Sinne und einen feinen Geschmack haben; an das Ausgesuchte und Allerbeste des Geistes wie an die rechte und nächste Kost gewöhnt sein; einer starken, kühnen, verwegenen Seele genießen; mit ruhigem Auge und festem Schritte durch das Leben gehen, immer zum Äußersten bereit wie zu einem Feste, und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren, Menschen und Göttern; auf jede heitere Musik hinhorchen, als ob dort wohl tapfere Männer, Soldaten, Seefahrer sich eine kurze Rast und Lust machen, und im tiefsten Genusse des Augenblicks überwältig werden von Tränen und von der ganzen purpurnen Schwermut des Glücklichen: wer möchte nicht, daß das alles gerade sein Besitz, sein Zustand wäre! Es war das Glück Homers! Der Zustand dessen, der den Griechen ihre Götter – nein, sich selber seine Götter erfunden hat! Aber man verberge es sich nicht: mit diesem Glück Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne! Und nur um diesen Preis kauft man die kostbarste Muschel, welche die Wellen des Daseins bisher ans Ufer gespült haben! Man wird als ihr Besitzer immer feiner im Schmerz, und zuletzt zu fein: ein kleiner Mißmut und Ekel genügte am Ende, um Homer das Leben zu verleiden. Er hatte ein törichtes Rätselchen, das ihm junge Fischer aufgaben, nicht zu raten vermocht! Ja, die kleinen Rätsel sind die Gefahr der Glücklichsten!
(Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.)

Eins zu sein mit Raum und Zeit bedeutet, so zu leben, als ob du schon tot wärst. Es bedeutet, alles loszulassen.
(Kodo Sawaki)

"Sie wollen, dass wir Monster werden"


Wie es uns geht? Es gibt so gut wie keine Nahrungsmittel mehr zu kaufen, wir leben von dem, was wir noch zu Hause haben. Es gibt auch kaum Benzin oder Gas zum Kochen. Aus dem Hahn kommt kein Wasser. Es gibt viele Brunnen in der Stadt, aber das Wasser ist nicht gesund. Die Menschen haben angefangen, das Wasser mit Chlortabletten zu säubern und zu trinken. Strom ist ebenfalls selten geworden. Es gibt Generatoren, das schon. Aber die brauchen Treibstoff, der uns langsam ausgeht. In unserem Viertel gibt es zwar drei Stunden Strom am Tag, aber er ist sehr teuer.
Wenn wir auf die Straße gehen, müssen wir damit rechnen, in ein Bombardement zu geraten. Wenn wir unsere Häuser verlassen, muss uns klar sein, dass wir vielleicht nicht zurückkommen. Aber es kann auch passieren, dass wir zwar heil nach Hause zurückkehren, aber unsere Häuser in der Zwischenzeit durch Bomben zerstört wurden.
Dabei gibt es viele Gründe, das Haus zu verlassen. Als Aktivisten veranstalten wir Seminare, in denen wir den Menschen beibringen, wie sie die Belagerung überstehen können. Wir bieten ihnen kreative Lösungen an. Wir haben eine Broschüre vorbereitet. (Yusuf hält ein kleines Büchlein auf Arabisch in die Kamera, man sieht nur die Umrisse des Paares in der Dunkelheit) Da steht zum Beispiel drin, wie man Diesel aus Frittierfett macht, wie man organisches Gas herstellt, mit dem man kochen kann, oder Benzin aus Plastik gewinnt. Manchmal kommt da auch Diesel raus. Es kommt drauf an, was für eine Art Plastik man zur Verfügung hat. Da wir beide Architekten sind, haben wir den Unterschlupf aus Ton entwickelt. Kann jeder selbst machen. Sie sind besser als Zelte, wenn man kein Haus mehr hat.
Wir müssen raus, um diese Broschüren zu verteilen. Und manchmal gehen wir hinaus, um Revolutionslieder zu singen.
Es gibt keine Möglichkeit, sich auf die Luftangriffe vorzubereiten. Sie fangen einfach an, am Tag wie bei Nacht. Wir können nicht abschätzen, wo die Bomben einschlagen. Sie schlagen einfach überall ein. Wir können uns nicht schützen, wenn die Kampfflieger kommen. Und die Menschen bleiben lieber zu Hause, um zu sterben, als in irgendeinen Schutzraum zu flüchten, der sie dann doch nicht schützt.
Das Regime wird uns nicht in Ruhe lassen, so lange es seine Unterstützer hat. Russland, Iran, China, Hisbollah und Schiiten-Milizen aus dem Irak. Sie alle kommen her, um uns zu töten. Assad hat sie darum gebeten. Das Regime wird uns nicht leben lassen, weil es uns nicht kontrollieren kann. Es wird nur aufhören, wenn der Diktator fällt. Andere Länder hätten ihn stoppen können, aber sie haben entschieden, es nicht zu tun. Die UN unterstützen das Assad-Regime, anders können wir das nicht sehen. Der syrische UN-Botschafter Baschar al-Dschafari darf da immer noch sitzen und Syrien repräsentieren. Damit legitimieren sie das Regime. Das allein zeigt uns schon, dass den UN all das Blut, das Leid und die Opfer egal sind. Sie verurteilen nur, was passiert. Und dann warten sie. Sie warten und warten und warten. Sie sehen dabei zu, wie wir sterben.
Wissen Sie, alle Welt spricht über uns und sagt, dass wir uns in einem Krieg befänden. Entschuldigung, aber wir befinden uns nicht in einem Krieg, sondern in einer Revolution gegen einen Diktator, der uns dazu zwingt, bei einem Krieg mitzumachen. Der uns zwingen will, ihm zu folgen. Ein Diktator, der uns einsperrte und tötete, nur weil wir gegen ihn demonstrierten. (Yusuf sagt, dass er 20 Tage inhaftiert war, Lina einen Tag; er ringt um das Wort, das für die Foltermethode steht, derer er unterzogen wurde, kann das Wort aber auf Englisch nicht ausdrücken). Wir sind auf dem richtigen Weg. Dieses Regime und Russland und all ihre Verbündeten benutzen ihre Waffen, um die Menschen zu töten, unsere Revolution und unsere Rechte. Damit wir nie wieder nach unseren Rechten rufen. Sie wollen, dass wir Monster werden. Aber das wird nicht passieren.
Natürlich haben wir Angst. (sagt Lina; Yusuf widerspricht und sagt, er habe keine. Er zitiert aus einem Film, in dem es geheißen habe, dass Angst nicht real sei. Gefahr sei real, Angst sei eine Entscheidung. Er habe sich dagegen entschieden. Lina antwortet, dass sie zwar Angst habe, diese sie aber nicht davon abhalte zu tun, was sie tue) Jeder von uns hat einen Bruder verloren, unsere Familien leben längst in der Türkei. Wir hatten die Möglichkeit, mit ihnen zu gehen. Es war unsere bewusste Entscheidung, hier zu bleiben. Unsere Familien haben das verstanden. Wenn alle gehen, bleibt doch am Ende niemand mehr, der das Land und die Bevölkerung verteidigt.
Ob wir enttäuscht sind von der Welt? Schauen Sie, die Welt war immer so. Denken Sie an das, was in Srebrenica passiert ist, oder an andere Völkermorde. Die Regierungen der Welt handeln nicht nach den Menschenrechten, sondern nach ihren Interessen. Wir erwarten nichts von ihnen. Wir machen hier weiter, egal, wie die Welt entscheidet. Wir unterscheiden aber zwischen den Regierungen und den Menschen. Viele unterstützen uns, schicken uns Nachrichten von überall. Menschen, die wir nicht kennen. Wir glauben an die Menschlichkeit, aber nicht an Regierungen. Wir haben Hoffnung. Wahrscheinlich mehr als so manch anderer Mensch auf der Welt.

Von Lina Shamy (26) und ihr Mann Yusuf Mousa (30)
DIE ZEIT Nr. 44/2016, 20. Oktober 2016

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