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Die Werke der Alten



mit geschäftiger Hand

Online leb' ich nun mit facebook begeistert,
Vor- und Mitwelt spricht peformanter und reizender mir.
Ich befolg' die Nutzungsvereinbarungen, durchblättre die Freundschaftanfragen
Mit geschäftiger Hand, online mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält die Medienindustrie mich anders beschäftigt;
Bin ich auch allein, bin ich doch doppelt verbunden.
Und belehr’ ich mich nicht, wenn ich des performanten Systemdesigns
Formen scanne, und die Mouse führe den Bildschirm entlang.
Dann manage ich Facebook erst recht: ich koordinier' und disigne,
Programmiere in ständiger Verbundenheit, reviewe den anschwellenden Strom von Daten.
Löscht die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages;
Gibt sie neue Produktempfehlungen mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer nur gepostet, es wird wahrscheinlich auch gesprochen,
Hackt sie der Schlaf, sicher' ich und verbreite viel.
Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen programmiert
Und den Service undercover mit fingernder Hand,
objektorientiert gespeichert. Sie twittert in schneller Clickfolge
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste das Datenmodell.
 Der Follwer managt das Netz indes und denket des Datenmülls,
Da er den nämlichen Dienst dem ambitionierten Projekt gesichert.

"©" digipo)e(sie, Januar 2013


Heraklit: Alle Dinge entstehen aus dem Einen, und allen Dingen entsteht das Eine.

Das Zentrum der Welt

Kritisiere nicht andere, sondern dich selbst. Du bist das Zentrum der Welt, du bist die Mitte des Kosmos. Wenn du in diesem Moment in deinem Leben ein kleines Stück Harmonie schaffst, wird das zu einem Verdienst für die ganze Welt.
(Nakagawa Roshi: Weil wir Menschen sind.)

Bach - Mass in B minor, BWV232 by Philippe Herreweghe and Collegium Vocale Gent

 

Wie Kunst entsteht.

Ich habe mich durch mein ganzes Leben genau an diesem Punkt bewegt, wo die Frage entsteht, aus welcher Notwendigkeit heraus, also aus welchen wirklich objektiven Kräftekonstellationen heraus im gesamten Kräftekontext von Mensch und Welt läßt sich überhaupt begründen, daß so etwas entsteht wie Kunst.
(Joseph Beuys: Werkstattgespräch mit Joseph Beuys. Stuttgart 2011. S. 13)

Marcel Proust: Daß man sich verliert, ist noch nicht schlimm, sondern daß man sich hinterher nicht wieder zurechtfinden kann.

Diesseits von Eden - ein Koan

Joseph Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt.

Wissensallmende



Parallelformen - nicht vom Menschen gemacht.

Wenn man zu dem Ergebnis gekommen ist, daß die Verständigung zwischen Menschen ganz allgemein nur durch das Kunstwerk des Denkens und der Sprache vollziehbar ist - vorausgesetzt jetzt wie immer, daß man den Begriff der Skulptur oder der Kunst so stark erweitern will, daß man auf diesen anthropologischen Punkt kommt, wo Denken bereits eine Kreation und ein Kunstwerk ist, also plastischer Vorgang ist und fähig ist, eine bestimmte Form zu erzeugen, und sei es nur eine Schallwelle, die das Ohr des anderen erreicht-, wenn ich das also jetzt niederschreibe; gibt es in der Welt eine Form, die ist zweifellos vom Menschen gemacht. Aber wenn ich zum Fenster herausschaue, dann sehe ich einen Tannenbaum, ist auch nichts anderes als eine Form, und die ist nicht vom Menschen gemacht. Wenn ich den Begriff also radikal bis an diese Stelle erweitere und anthropologisch mache und den Kreativitätsbegriff schon im Denken ansetze, der fähig ist, Formen in der Weltzu bewirken, muß ich eigentlich auch sagen, daß es zu den Formen, die ich produziere, Parallelformen gibt, die nicht vom Menschen gemacht sind.
(Joseph Beuys: Werkstattgespräch mit Joseph Beuys. Stuttgart 2011. S. 81)

Du musst dein Leben täglich neu erfinden. Dein heutiger Tag muss sich grenzenlos ausdehnen. Mach ihn nicht zu einer Kopie deiner Gedanken von gestern. Deine Gedanken von heute müssen vollkommen frei sein.
(Kodo Sawaki)

Streitkultur: Wir müssen reden, Leute


Unter der großen Koalition hat Deutschland das Streiten verlernt. Dabei ist das beste Mittel gegen Rechtspopulismus, öfter einmal querzudenken.
Vor Kurzem war ich in Dallgow-Döberitz, einer kleinen Gemeinde im Havelland. Demnächst sollen dort erstmals Flüchtlinge untergebracht werden. Fast 150 Menschen waren zu einer Diskussion ins ehemalige Volkshaus gekommen. Laut Programm sollten wir über die Integration der Zuwanderer diskutieren, aber eigentlich hat da eine Dorfgemeinschaft mit sich selbst gestritten – darüber, wer sie ist und wie sie leben will.
Die kleine Gruppe der Kritiker trat aggressiv und voller Wut auf. Sie prophezeite mehr Kriminalität und wollte aus Prinzip keine Ausländer im Ort; das waren Leute, die auch Jérôme Boateng als Nachbarn abgelehnt hätten. Ihnen gegenüber stand eine engagierte "Willkommensinitiative". Sie will Menschen in Not helfen und fragt bei ihrer Hilfe nicht nach Hautfarbe oder Herkunft. In ihren Reihen ist man entsetzt über den Rassismus mancher Nachbarn. Einer meinte, den Integrationskurs zum Erlernen deutscher Werte hätten die Fremdenfeinde nötiger als manche Flüchtlinge.
Überall im Land spüre ich derzeit diese Spaltung in der Gesellschaft. Unruhe und Unsicherheit sind groß, dabei sind die Flüchtlinge eher Anlass als Ursache. Im 19. Jahrhundert hat der liberale Vordenker John Stuart Mill einmal geschrieben: "democracy is government by discussion." Heute gibt es einen enormen Diskussionsbedarf im Land, aber zu einer argumentativen Auseinandersetzung sind zu viele nicht fähig, andere nicht willens. Ich glaube, das ist ein Grund für die Vertrauenskrise, die Parteien und Medien derzeit erleben.
Wenn wir die aktuelle Vertrauenskrise stoppen wollen, müssen wir endlich aufhören, Politiksimulation zu betreiben und Nischenthemen zu bedienen. Wir müssen aufhören, Scheindebatten über eine Pkw-Maut für Ausländer zu führen, von der jeder weiß, dass sie niemals kommen wird. Die große Mehrheit bewegen andere Themen als die Frage, ob Jan Böhmermann für seine Schmähkritik vor Gericht geradestehen muss oder an welchem Ort das nächste Krisentreffen von Merkel und Seehofer stattfindet.
Finden Familien auch in Großstädten eine bezahlbare Wohnung? Gibt es genug gute Jobs, die anständig bezahlt sind? Haben wir ausreichend Kitaplätze für Alleinerziehende? Ist nach vierzig Jahren harter Arbeit meine Rente größer als die Sozialhilfe? Wie sicher sind wir vor Kriminalität und Terror? Das sind einige der Fragen, die die Menschen wirklich bewegen.
Nach Jahren im Wachkoma lebt die politische Debatte jetzt wieder auf. Wenn sie Gutes bewirken soll, brauchen wir einen Streit um Inhalte. Wechselseitige Beschimpfungen bringen uns nicht weiter. Wir brauchen Politisierung statt Polarisierung. Damit das gelingt, müssen wir uns auf eine alte Tugend der Demokratie besinnen: die Kunst, fair miteinander zu streiten.
Wer diskutieren will, muss allerdings zuhören können und Widerspruch aushalten. Viele Wutbürger diskutieren nicht mehr; ihr Zorn macht sie dialogunfähig.
Viele Rechtspopulisten haben mittlerweile die gezielte Provokation zur Kommunikationsstrategie erhoben. Je größer der Tabubruch, je infamer die Attacke, desto größer die Aufmerksamkeit, die sie bekommen. Im Netz gilt für den Umgang mit solchen Trollen die Devise: "Bitte nicht füttern". Aber für einen Offline-Troll wie Herrn Gauland gibt es wochenlang Schlagzeilen und TV-Präsenz zur besten Sendezeit. Wir müssen jetzt nicht noch über die Parkknöllchen von Herrn Gauland streiten. Zu einer klugen Debattenkultur gehört auch, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das einem hingehalten wird, nicht jede krude These durch deren ernsthafte Diskussion aufzuwerten.
Das Internet ist ein zwiespältiger Faktor der politischen Kultur geworden. Weil der Kontakt zum Gesprächspartner fehlt, sinken Empathie und steigt die sprachliche Verrohung. Individualisierte Suchergebnisse sorgen eher für die Bestätigung der eigenen Meinung als für die Auseinandersetzung mit Gegenpositionen. Debatten werden zudem durch die Fülle der Verschwörungstheorien und dreisten Lügen erschwert, die im Netz kursieren. Wer dank Internet ganz genau zu wissen glaubt, dass es Erderwärmung gar nicht gibt, mit dem kann ich über Klimapolitik nicht sinnvoll diskutieren. Und wer aus dem Internet verlässlich erfahren haben will, dass Flüchtlinge systematisch deutsche Streichelzoos wildern, um Ziegen zu schlachten (ja, auch so was wird verbreitet!), mit dem wird eine Debatte über Integrationspolitik sehr schwierig.
Allerdings machen es sich auch manche Kritiker der Rechtspopulisten zu einfach. Deren Antworten sind falsch, doch nicht jede Frage, die sie aufwerfen, ist auch automatisch unberechtigt. Klar, wir müssen Rassismus und Antisemitismus entschlossen widersprechen, aber es ist kein Gewinn für die Streitkultur, Andersdenkende als Nazis zu beschimpfen oder AfD-Parteitage zu blockieren. Ich bin fest überzeugt: Unsere Demokratie ist stark genug, um Rechtspopulisten auszuhalten – allerdings gibt es eine ganz klare Grenze: Bei Gewalt endet jede Toleranz.
Viele Rechtspopulisten ziehen eine absurde Selbstbestätigung daraus, dass manche Beiträge von ihnen im Internet gelöscht oder ihre Leserbriefe nicht gedruckt werden. Sie halten sich für Opfer von Zensur und wittern die Unterdrückung unliebsamer Wahrheiten. Sie verstehen nicht, dass die Ankündigung von Gewalt oder der Aufruf dazu keine Meinungen sind, sondern Straftaten.
Wut macht dialogunfähig
2015 ist die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Auch mir wurde empfohlen, mir meine Haltung zur Flüchtlingspolitik noch mal durch den Kopf gehen lassen – "am besten mit 9-mm-Durchmesser". Viele Menschen wünschten mir in den vergangenen Tagen, dass die Patrone, die mir in den Briefkasten geworfen wurde, doch besser in meinem Kopf hätte landen sollen. Es geht dabei aber nicht um mich, sondern um das politische Klima in unserem Land. Als Spitzenpolitiker bin ich gut geschützt – ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Journalisten oder Bürgermeister haben diese Sicherheit nicht. Sie sind die wirklich Mutigen.
Wer Andersdenkende angreift, sie bedroht oder einschüchtert, zerstört die Demokratie. Ich höre jedem zu, der bereit ist, sich auch meine Argumente anzuhören. Aber mit Gewalttätern kann man nicht diskutieren, sie sind ein Fall für den Staatsanwalt. AfD, Pegida und Co. müssen sich von jeder Form von Gewalt klar distanzieren.
Mit allen anderen hingegen sollten wir streiten. Statt um pragmatische Lösungen geht es bei uns allerdings zu oft um Angstmacherei. Mal wird das Ende der Marktwirtschaft (Mindestlohn), des Sozialstaates (Hartz IV), der Demokratie (TTIP), dann der Untergang des christlichen Abendlandes (Flüchtlinge) beschworen. Geht’s auch eine Nummer kleiner?
Wir brauchen wieder mehr Offenheit für unkonventionelle Ideen und mehr Mut zum politischen Handeln. Es darf nicht länger bei dem resignativen Hinweis auf die schwindende Steuerungskraft von Politik im Zeitalter der Globalisierung bleiben. Jede Zeit braucht ihre eigenen Antworten – dazu gehört, notfalls mit Altem zu brechen und Dinge anders zu machen als bisher.
Zur Kleinmütigkeit trägt auch die Erregungskultur des politisch-medialen Komplexes bei, die Kleinigkeiten groß aufzieht, aber der die Ausdauer für das Bohren dicker Bretter oft fehlt. In einen Tweet von 140 Zeichen passen eben wenige Argumente, und während meine Partei einst fünf Jahre lang über ihre Neuausrichtung durch das Godesberger Programm stritt, dauern heute viele Debatten allenfalls fünf Stunden – in der Zeit haben die Onlinemedien ihre Websites bereits mehrfach aktualisiert.
Dallgow-Döberitz ist überall. Das heißt, wir brauchen auch eine breite gesellschaftliche Verständigung über unsere kollektive Identität. Was macht "deutsch sein" heute eigentlich aus? Gehört dazu mehr als ein Pass? Und warum kann dies keine Frage von Religion oder Hautfarbe sein? Sollten wir die Vielfalt unserer Nation ins Grundgesetz schreiben? Brauchen wir ein Einwanderungsgesetz? Und muss die Integration von Einwanderern ein Staatsziel werden?
Derzeit fehlt es an Raum zur Debatte und an Mut zum Querdenken. Die gegenwärtige Bundesregierung hat manches erreicht, aber große Koalitionen neigen zu einer Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners. Welche fatalen Folgen es haben kann, wenn große Koalitionen über Jahrzehnte zum Regelfall werden, hat sich bei den Präsidentenwahlen in Österreich gezeigt. Nur wenige Tausend Stimmen haben den Sieg des FPÖ-Kandidaten und die Gefahr eines Absturzes in Nationalismus und Autoritarismus verhindert.
Wir dürfen in Deutschland nicht abwarten, bis es auch hier so weit kommt. Entweder wir verändern die Debattenkultur in den großen Koalitionen, oder wir schaffen eine stärkere politische Lagerbildung, um alternative politische Konzepte zu entwickeln und zur Debatte zu stellen. Für viele Medien gibt es kein schlimmeres Verdikt über eine Regierung oder Partei als den Vorwurf, sie sei zerstritten. Aber in einer pluralistischen Gesellschaft ist Geschlossenheit allein doch noch keine Tugend. Das gefällt jetzt nicht jedem? Gut so. Konflikt und Debatte sind ein Mittel produktiver Gesellschaftsgestaltung.
Wenn wir nicht wollen, dass die Populisten die Agenda bestimmen, müssen alle anderen endlich wieder mutiger streiten und handeln. Und für den gesellschaftlichen Frieden im Land wäre es gut, wenn alle einen alten Satz beherzigen, der Voltaire zugeschrieben wird: "Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen."



Ein Gastbeitrag von Heiko Maas

17. Juni 2016 DIE ZEIT Nr. 26/2016

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