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Read-write-Society



mit geschäftiger Hand

Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,
Das WorldWideWeb gleitet schneller und verfügbarer mir.
Ich befolg' den Rat, durchsuche die Freundschaftanfragen
Mit geschäftiger Hand, online - ständig verfügbar.
Aber die Nächte hindurch hält die Medienindustrie mich anders beschäftigt;
Bin ich auch allein, bin ich doch doppelt verfügbar.
Und belehr’ ich mich nicht, wenn ich des lieblichen Datenmanagements
Effekt scanne, und die Hand leite die Hüften hinab.
Dann versteh’ ich die Netzwerke erst recht: ich denk’ und entwickle,
Gestalte mit fühlendem Aug,' teste den anschwellenden Strom von Daten.
Raubt die Liebste denn gleich mir die Datenverfügbarkeit;
Gibt sie neue Produktempfehlungen mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer nur gechattet, es wird digital abgeschrieben,
Überfällt sie ein Virus, lieg’ ich und koordiniere viel.
Oftmals hab’ ich auch schon in ihrem Account modelliert
Und die App undercover Klasse für Klasse,
Ihr auf den Rücken codiert. Sie personifiziert regelkonform
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die Brust.
 Amor plant das Systemdesign indes und sinnt der Connectivity,
Da er die Datenmodellierung dem großen Datenhaufen koordiniert.

"©" digipo)e(sie, Januar 2013


Jean-Luc Godard: Die Form ist das, was am schwierigsten zu verändern ist.

Weder ein Rätsel noch ein Witz

Das Koan ist weder ein Rätsel noch ein Witz. Es verfolgt ein sehr ernstes Ziel, nämlich die Aufrüttelung des Zweifels, den es bis auf die Spitze treibt. Eine Äußerung auf logischer Grundlage ist dem Verstande zugänglich. Was für Zweifel oder Schwierigkeiten sich auch daran knüpfen mögen, sie sind auf dem natürlichen gedanklichen Wege lösbar. Alle Flüsse münden gewiß einmal im Meer, aber das Koan steht wie ein Eisenwall im Wege und widersetzt sich auch den intensivsten intellektuellen Bemühungen.
(D.T. Suzuki: Die große Befreiung)

Bach - Mass in B minor, BWV232 by Philippe Herreweghe and Collegium Vocale Gent

 

Werk des Zufalls

Unsere täglichen Erlebnisse werfen bald diesem, bald jenem Triebe eine Beute zu, die er gierig erfasst, aber das ganze Kommen und Gehen dieser Ereignisse steht ausser allem vernünftigen Zusammenhang mit den Nahrungsbedürfnissen der gesammten Triebe: sodass immer Zweierlei eintreten wird, das Verhungern und Verkümmern der einen und die Überfütterung der anderen. Jeder Moment unseres Lebens lässt einige Polypenarme unseres Wesens wachsen und einige andere verdorren, je nach der Nahrung, die der Moment in sich oder nicht in sich trägt. Unsere Erfahrungen, wie gesagt, sind alle in diesem Sinne Nahrungsmittel, aber ausgestreut mit blinder Hand, ohne Wissen um den, der hungert, und den, der schon Überfluss hat. Und in Folge dieser zufälligen Ernährung der Theile wird der ganze ausgewachsene Polyp etwas ebenso Zufälliges sein, wie es sein Werden ist
(Friedrich Nietzsche. Die Morgenröte.)

Martin Heidegger: Denn es bedarf der Besinnung, ob und wie im Zeitalter der technisierten gleichförmigen Weltzivilisation noch Heimat sein kann.

Diesseits von Eden - ein Koan

Fernando Pessoa: Sehen und hören sind die einzigen edlen Dinge, die das Leben enthält.

gegen-einander-über



Sprich auch du

Sprich -
Doch scheide das Nein nicht vom ja.
Gib deinem Spruch auch den Sinn:
gib ihm den Schatten.
(Paul Celan: Sprich auch du.)

Wenn ihr der müßigen Diskussionen müde geworden seid, müde dieses blödsinnigen Geistes, der etwas zu fassen bekommen will, auf das ich stützen kann, dann werdet ihr nach etwas suchen, das man Wahrheit oder wahre Lehre nennt. Dann werdet ihr euch ganz auf die Übung einlassen und alles aufgeben.
(Shunryu Suzuki)

Streitkultur: Wir müssen reden, Leute


Unter der großen Koalition hat Deutschland das Streiten verlernt. Dabei ist das beste Mittel gegen Rechtspopulismus, öfter einmal querzudenken.
Vor Kurzem war ich in Dallgow-Döberitz, einer kleinen Gemeinde im Havelland. Demnächst sollen dort erstmals Flüchtlinge untergebracht werden. Fast 150 Menschen waren zu einer Diskussion ins ehemalige Volkshaus gekommen. Laut Programm sollten wir über die Integration der Zuwanderer diskutieren, aber eigentlich hat da eine Dorfgemeinschaft mit sich selbst gestritten – darüber, wer sie ist und wie sie leben will.
Die kleine Gruppe der Kritiker trat aggressiv und voller Wut auf. Sie prophezeite mehr Kriminalität und wollte aus Prinzip keine Ausländer im Ort; das waren Leute, die auch Jérôme Boateng als Nachbarn abgelehnt hätten. Ihnen gegenüber stand eine engagierte "Willkommensinitiative". Sie will Menschen in Not helfen und fragt bei ihrer Hilfe nicht nach Hautfarbe oder Herkunft. In ihren Reihen ist man entsetzt über den Rassismus mancher Nachbarn. Einer meinte, den Integrationskurs zum Erlernen deutscher Werte hätten die Fremdenfeinde nötiger als manche Flüchtlinge.
Überall im Land spüre ich derzeit diese Spaltung in der Gesellschaft. Unruhe und Unsicherheit sind groß, dabei sind die Flüchtlinge eher Anlass als Ursache. Im 19. Jahrhundert hat der liberale Vordenker John Stuart Mill einmal geschrieben: "democracy is government by discussion." Heute gibt es einen enormen Diskussionsbedarf im Land, aber zu einer argumentativen Auseinandersetzung sind zu viele nicht fähig, andere nicht willens. Ich glaube, das ist ein Grund für die Vertrauenskrise, die Parteien und Medien derzeit erleben.
Wenn wir die aktuelle Vertrauenskrise stoppen wollen, müssen wir endlich aufhören, Politiksimulation zu betreiben und Nischenthemen zu bedienen. Wir müssen aufhören, Scheindebatten über eine Pkw-Maut für Ausländer zu führen, von der jeder weiß, dass sie niemals kommen wird. Die große Mehrheit bewegen andere Themen als die Frage, ob Jan Böhmermann für seine Schmähkritik vor Gericht geradestehen muss oder an welchem Ort das nächste Krisentreffen von Merkel und Seehofer stattfindet.
Finden Familien auch in Großstädten eine bezahlbare Wohnung? Gibt es genug gute Jobs, die anständig bezahlt sind? Haben wir ausreichend Kitaplätze für Alleinerziehende? Ist nach vierzig Jahren harter Arbeit meine Rente größer als die Sozialhilfe? Wie sicher sind wir vor Kriminalität und Terror? Das sind einige der Fragen, die die Menschen wirklich bewegen.
Nach Jahren im Wachkoma lebt die politische Debatte jetzt wieder auf. Wenn sie Gutes bewirken soll, brauchen wir einen Streit um Inhalte. Wechselseitige Beschimpfungen bringen uns nicht weiter. Wir brauchen Politisierung statt Polarisierung. Damit das gelingt, müssen wir uns auf eine alte Tugend der Demokratie besinnen: die Kunst, fair miteinander zu streiten.
Wer diskutieren will, muss allerdings zuhören können und Widerspruch aushalten. Viele Wutbürger diskutieren nicht mehr; ihr Zorn macht sie dialogunfähig.
Viele Rechtspopulisten haben mittlerweile die gezielte Provokation zur Kommunikationsstrategie erhoben. Je größer der Tabubruch, je infamer die Attacke, desto größer die Aufmerksamkeit, die sie bekommen. Im Netz gilt für den Umgang mit solchen Trollen die Devise: "Bitte nicht füttern". Aber für einen Offline-Troll wie Herrn Gauland gibt es wochenlang Schlagzeilen und TV-Präsenz zur besten Sendezeit. Wir müssen jetzt nicht noch über die Parkknöllchen von Herrn Gauland streiten. Zu einer klugen Debattenkultur gehört auch, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das einem hingehalten wird, nicht jede krude These durch deren ernsthafte Diskussion aufzuwerten.
Das Internet ist ein zwiespältiger Faktor der politischen Kultur geworden. Weil der Kontakt zum Gesprächspartner fehlt, sinken Empathie und steigt die sprachliche Verrohung. Individualisierte Suchergebnisse sorgen eher für die Bestätigung der eigenen Meinung als für die Auseinandersetzung mit Gegenpositionen. Debatten werden zudem durch die Fülle der Verschwörungstheorien und dreisten Lügen erschwert, die im Netz kursieren. Wer dank Internet ganz genau zu wissen glaubt, dass es Erderwärmung gar nicht gibt, mit dem kann ich über Klimapolitik nicht sinnvoll diskutieren. Und wer aus dem Internet verlässlich erfahren haben will, dass Flüchtlinge systematisch deutsche Streichelzoos wildern, um Ziegen zu schlachten (ja, auch so was wird verbreitet!), mit dem wird eine Debatte über Integrationspolitik sehr schwierig.
Allerdings machen es sich auch manche Kritiker der Rechtspopulisten zu einfach. Deren Antworten sind falsch, doch nicht jede Frage, die sie aufwerfen, ist auch automatisch unberechtigt. Klar, wir müssen Rassismus und Antisemitismus entschlossen widersprechen, aber es ist kein Gewinn für die Streitkultur, Andersdenkende als Nazis zu beschimpfen oder AfD-Parteitage zu blockieren. Ich bin fest überzeugt: Unsere Demokratie ist stark genug, um Rechtspopulisten auszuhalten – allerdings gibt es eine ganz klare Grenze: Bei Gewalt endet jede Toleranz.
Viele Rechtspopulisten ziehen eine absurde Selbstbestätigung daraus, dass manche Beiträge von ihnen im Internet gelöscht oder ihre Leserbriefe nicht gedruckt werden. Sie halten sich für Opfer von Zensur und wittern die Unterdrückung unliebsamer Wahrheiten. Sie verstehen nicht, dass die Ankündigung von Gewalt oder der Aufruf dazu keine Meinungen sind, sondern Straftaten.
Wut macht dialogunfähig
2015 ist die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Auch mir wurde empfohlen, mir meine Haltung zur Flüchtlingspolitik noch mal durch den Kopf gehen lassen – "am besten mit 9-mm-Durchmesser". Viele Menschen wünschten mir in den vergangenen Tagen, dass die Patrone, die mir in den Briefkasten geworfen wurde, doch besser in meinem Kopf hätte landen sollen. Es geht dabei aber nicht um mich, sondern um das politische Klima in unserem Land. Als Spitzenpolitiker bin ich gut geschützt – ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Journalisten oder Bürgermeister haben diese Sicherheit nicht. Sie sind die wirklich Mutigen.
Wer Andersdenkende angreift, sie bedroht oder einschüchtert, zerstört die Demokratie. Ich höre jedem zu, der bereit ist, sich auch meine Argumente anzuhören. Aber mit Gewalttätern kann man nicht diskutieren, sie sind ein Fall für den Staatsanwalt. AfD, Pegida und Co. müssen sich von jeder Form von Gewalt klar distanzieren.
Mit allen anderen hingegen sollten wir streiten. Statt um pragmatische Lösungen geht es bei uns allerdings zu oft um Angstmacherei. Mal wird das Ende der Marktwirtschaft (Mindestlohn), des Sozialstaates (Hartz IV), der Demokratie (TTIP), dann der Untergang des christlichen Abendlandes (Flüchtlinge) beschworen. Geht’s auch eine Nummer kleiner?
Wir brauchen wieder mehr Offenheit für unkonventionelle Ideen und mehr Mut zum politischen Handeln. Es darf nicht länger bei dem resignativen Hinweis auf die schwindende Steuerungskraft von Politik im Zeitalter der Globalisierung bleiben. Jede Zeit braucht ihre eigenen Antworten – dazu gehört, notfalls mit Altem zu brechen und Dinge anders zu machen als bisher.
Zur Kleinmütigkeit trägt auch die Erregungskultur des politisch-medialen Komplexes bei, die Kleinigkeiten groß aufzieht, aber der die Ausdauer für das Bohren dicker Bretter oft fehlt. In einen Tweet von 140 Zeichen passen eben wenige Argumente, und während meine Partei einst fünf Jahre lang über ihre Neuausrichtung durch das Godesberger Programm stritt, dauern heute viele Debatten allenfalls fünf Stunden – in der Zeit haben die Onlinemedien ihre Websites bereits mehrfach aktualisiert.
Dallgow-Döberitz ist überall. Das heißt, wir brauchen auch eine breite gesellschaftliche Verständigung über unsere kollektive Identität. Was macht "deutsch sein" heute eigentlich aus? Gehört dazu mehr als ein Pass? Und warum kann dies keine Frage von Religion oder Hautfarbe sein? Sollten wir die Vielfalt unserer Nation ins Grundgesetz schreiben? Brauchen wir ein Einwanderungsgesetz? Und muss die Integration von Einwanderern ein Staatsziel werden?
Derzeit fehlt es an Raum zur Debatte und an Mut zum Querdenken. Die gegenwärtige Bundesregierung hat manches erreicht, aber große Koalitionen neigen zu einer Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners. Welche fatalen Folgen es haben kann, wenn große Koalitionen über Jahrzehnte zum Regelfall werden, hat sich bei den Präsidentenwahlen in Österreich gezeigt. Nur wenige Tausend Stimmen haben den Sieg des FPÖ-Kandidaten und die Gefahr eines Absturzes in Nationalismus und Autoritarismus verhindert.
Wir dürfen in Deutschland nicht abwarten, bis es auch hier so weit kommt. Entweder wir verändern die Debattenkultur in den großen Koalitionen, oder wir schaffen eine stärkere politische Lagerbildung, um alternative politische Konzepte zu entwickeln und zur Debatte zu stellen. Für viele Medien gibt es kein schlimmeres Verdikt über eine Regierung oder Partei als den Vorwurf, sie sei zerstritten. Aber in einer pluralistischen Gesellschaft ist Geschlossenheit allein doch noch keine Tugend. Das gefällt jetzt nicht jedem? Gut so. Konflikt und Debatte sind ein Mittel produktiver Gesellschaftsgestaltung.
Wenn wir nicht wollen, dass die Populisten die Agenda bestimmen, müssen alle anderen endlich wieder mutiger streiten und handeln. Und für den gesellschaftlichen Frieden im Land wäre es gut, wenn alle einen alten Satz beherzigen, der Voltaire zugeschrieben wird: "Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen."



Ein Gastbeitrag von Heiko Maas

17. Juni 2016 DIE ZEIT Nr. 26/2016

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