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myArt160923



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lauter Wörter und kein einziges Wort



mit geschäftiger Hand

Froh empfind' ich mich nun zwischen den Dingen vernetzt,
Die Welt spricht lauter und reizender mir.
Ich befolg' den Rat, überfliege die Freundschaftanfragen
Mit schnellem Finger, online - ständig verfügbar.
Aber ohne Netz hält die Medienindustrie mich anders beschäftigt;
Werd’ ich auch halb nur betrieben, bin ich doch doppelt verbunden.
Und belehr’ ich mich nicht, wenn ich des lieblichen Datenmanagements
Dynamik suche, und die Mouse führe die Hüften hinab.
Dann versteh’ ich Big Data erst recht: ich erhebe und disigne,
Programmiere mit fühlendem Aug,' teste den anschwellenden Strom von Daten.
Raubt die Liebste denn gleich mir die Datenverfügbarkeit;
Gibt sie ihr Smartphone mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer nur gepostet, es wird wahrscheinlich auch gesprochen,
Infiziert sie das Internet, lieg’ ich und koordiniere viel.
Oftmals hab’ ich auch schon auf ihrem iPad gedichtet
Und die App undercover Byte für Byte,
kontextbezogen gespeichert. Sie twittert gewaltig
Und es durchglühet ihre Perormance mir bis ins Tiefste die Basisklassen.
 Der Experte controlled die Lamp’ indes und sinnt der Sozialen Netzwerke,
Da er die Datenmodellierung dem großen Datenhaufen gesichert.

"©" digipo)e(sie, Januar 2013


Friedrich Nietzsche: Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.

Zen weist nur den Weg.

Zen ist ausdrücklich kein System, das sich auf Logik und Analyse gründet. Wenn es irgend etwas ist, so ist es das Gegenteil von Logik, unter der ich die dualistische Denkweise verstehe. Wohl mag im Zen ein intellektuelles Element stecken, denn Zen ist der Geist als Ganzes, und in ihm ist vieles enthalten. Aber der Geist ist nicht etwas Zusammengesetztes, das in soundso viele Vermögen eingeteilt werden könnte, ohne daß nach dieser Zergliederung dann irgend etwas übrigbliebe. Weder hat Zen uns auf dem Wege intellektueller Analyse etwas zu lehren, noch enthält es irgendwelche feste Lehrmeinungen, die seine Anhänger annehmen müßten. In dieser Beziehung ist Zen völlig chaotisch, wenn man so sagen will. Wahrscheinlich werden Zen-Anhänger eine Menge von Lehrmeinungen haben, aber sie haben sie auf ihre eigene Rechnung und zu ihrem eigenen Besten; sie verdanken sie nicht dem Zen. So gibt es im Zen auch weder heilige Bücher noch dogmatische Lehrsätze, noch irgendwelche symbolische Formeln, die das Wesen des Zen zugänglich machen könnten. Werde ich also gefragt, was Zen lehrt, so muß ich antworten, daß Zen nichts lehrt. Was immer für Lehren es im Zen gibt, sie kommen aus dem eigenen Inneren jedes einzelnen. Wir sind selbst unsere Lehrer; Zen weist nur den Weg.
(D.T. Suzuki: Die große Befreiung)

Bach - Mass in B minor, BWV232 by Philippe Herreweghe and Collegium Vocale Gent

 

Versuch über das Leben der Künstler.

Indem die Anderszaubernden sich unaufhörlich wandeln, atmen sie den Raum aus, aus dem ihnen alles kommt. Seine Weite ist ihnen geläufiger als ihr manifestes Werk. Sie könnten alles, was sie erschaffen haben, vergessen, nur nicht die Sphäre, aus der das Schaffen kommt und weitergeht.
Peter Sloterdijk: Versuch über das Leben der Künstler.

Wayne Shorter: Begriffe wie Anfang und Ende existieren für mich nicht. Es gibt den Moment, und es gibt Potenzial.

Diesseits von Eden - ein Koan

 Paul Celan: So schwieg auch der Stein, und es war still im Gebirg, wo sie gingen, der und jener.

Bienengleichnis



Gelassenheit zu den Dingen.

Wir lassen die technischen Gegenstände in unsere tägliche Welt herein und lassen sie zugleich draußen, d.h. auf sich beruhen als Dinge, die nichts Absolues sind, sondern selbst auf Höheres angewiesen bleiben. Ich möchte diese Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein zur technischen Welt mit einem alten Wort nennen: die Gelassenheit zu den Dingen.


(Martin Heidegger: Holzwege. S.109.)

Wenn du deinen Geist leer machst, wenn du alles aufgibst und bloß mit einem offenen Geist Zazen übst, dann triffst du dich selbst in allen was du siehst. Das bist du, jenseits von sie, er oder ich.
(Shunryu Suzuki)

Aleppo

Der Krieg in Syrien und der Zynismus angesichts des Leids dort zeigen: Es gibt keine Moral, die der Globalisierung der Welt entsprechen würde.
Von Carolin Emcke
Die ungeheure Erweiterung der Handlungsräume ließ die Frage aufkommen, ob die Moral mit dem Fortschritt der kommerziellen Gesellschaft Schritt halten könnte." So formulierte es der Publizist Henning Ritter in seinem Essay "Nahes und Fernes Unglück. Versuch über das Mitleid". Diese Zeilen galten zwar den Entwicklungen im 18. Jahrhundert, man könnte jedoch glauben, sie bezögen sich auf die ethisch-existenziellen Fragen der Gegenwart: Ob in der globalisierten Welt mit ihrer ungeheuren Erweiterung der Handlungsräume die Moral auch dem Fortschritt der digitalisierten Gesellschaft Schritt halten kann? Ob aus der Tatsache, dass Raum und Zeit sich verdichtet haben, wie das immer behauptet wird, auch irgendetwas folgt? Ob sich mit dem Wissen über die Ereignisse an anderen Orten der Welt, das uns heutzutage digital schneller erreicht als früher, auch das Mitleid erweitert hat? Und ob das Mitleid dann auch tatsächlich zum Handeln mobilisiert? Oder, so beschrieb Henning Ritter die trostlose Alternative, ob die Gesellschaft "sich spalten könnte in ein Ethos der Nähe und der Ferne".
Bei einem Blick auf die furchtbare Schlacht um Aleppo, die wir, zeitgleich, tatenlos miterleben, zeigt sich: Die Moral hat nicht Schritt gehalten. Der ungeheuren Erweiterung der Handlungsräume entspricht keine Erweiterung des Mitleids. Es gibt stattdessen wohl doch nur ein Ethos der Nähe und der Ferne. Auch wenn die Bilder von sterbenden, verhungernden, verwundeten Kindern uns erreichen, so erreichen sie uns doch anscheinend nicht genug. Auch wenn die Hilferufe der letzten verbliebenen Ärzte aus Aleppo uns nahe rücken, so bleiben sie doch zu fern. Jeden Tag dringen schreckliche Nachrichten und Bilder zu uns; die Menschen aus Syrien, die hier Zuflucht gefunden haben, erzählen von Eltern, Geschwistern, Freunden, die allein ausharren in den Wirren des Krieges, Woche für Woche, Monat für Monat - und kein Frieden nirgends.
Es gibt keine Erweiterung des Mitleids, sondern nur einen Ethos der Nähe und der Ferne
Es ist alles bekannt. Selbst die inszenierten, manipulierten Bilder von angeblichen Hilfslieferungen werden als inszenierte, manipulierte Bilder entlarvt. Es gibt genügend mutige syrische Aktivistinnen und Aktivisten, die ihr Leben riskieren, damit die Welt erfährt von Folter und Verschleppung, von misshandelten Frauen und Bombardements mit Fassbomben, womöglich versetzt mit Chlorgas. Sie dokumentieren die Verbrechen des Assad-Regimes, so präzise und so genau, wie es geht, damit sich eines fernen Tages ein internationaler Gerichtshof damit befasst - und niemand dann leugnen kann, dass geschehen ist, was geschehen ist.
Es ist bekannt, welche Verbrechen in den Gegenden begangen werden, in denen der IS herrscht. Dazu sind noch nicht einmal kritische Beobachter nötig. Das dokumentiert und veröffentlicht die Medienabteilung des IS selbst. Es ist auch bekannt, wer in diesem Stellvertreterkrieg um Aleppo kämpft: Da ist im Westteil der Stadt die syrische Armee, mit ihren verbündeten Milizionären der Hisbollah und Kämpfern aus Afghanistan und dem Irak - und vor allem der massiven Unterstützung durch das russische Militär. Und da sind die von den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien unterstützten Rebellen im Osten der Stadt, darunter auch die extrem gut organisierten Kämpfer von al-Nusra. Sie heißen inzwischen Fatah al-Scham und haben sich offiziell von al-Qaida distanziert - aber wie sich das auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Beide Seiten behaupten, die eigene Gewalt sei die legitime. Für die Zivilgesellschaft spielt das kaum eine Rolle. Die Menschen können sich nicht aussuchen, in welchem Viertel sie in wessen Einflusszone geraten oder durch welchen Frontverlauf sie beschossen oder ausgehungert werden. Die Behauptung des Assad-Regimes und Russlands, ihre Angriffe richteten sich allein gegen Terroristen, erleben sie jeden Tag als bittere Farce.
Anfang Juni hatte die syrische Armee, unterstützt durch die russische Luftwaffe einen Belagerungsring um den Osten Aleppos gezogen. Seither sind 250 000 bis 300 000 Zivilisten von der Außenwelt und humanitärer Hilfe abgeschnitten. Allein im Monat Juli wurden zehn Angriffe auf Gesundheits-Einrichtungen und Kliniken registriert. Clarissa Ward, internationale Reporterin von CNN, sagte dem russischen Gesandten bei den UN, aus ihrer Erfahrung vor Ort müsse sie feststellen, dass "das Bombardieren von Krankenhäusern, Gerichten, Bäckereien und Obstmärkten den Terrorismus nicht stoppt". Vergangene Woche ist die internationale Diplomatie mit dem Versuch gescheitert, eine Waffenruhe herbeizuführen; es wurden keine Hilfskorridore durchgesetzt, durch die wenigstens Lebensmittel und Wasser in die Hölle hätte geliefert werden können - von einer Flugverbotszone, die der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschließen müsste, einmal ganz abgesehen. Nein, es war die Allianz der Rebellen, die in einer Gegenoffensive die Belagerung durchbrochen hat, und die einen schmalen, fragilen Korridor erkämpfte, über den die Zivilbevölkerung im Osten Aleppos nun endlich wieder versorgt werden kann. Das Vertrauen in internationale Hilfe wurde so nicht gerade gestärkt.
Inzwischen klingen nicht einmal mehr die Diplomaten diplomatisch, wenn es um die Aussichten für Syrien geht. "Wir sind im Rückwärtsgang", so lakonisch wie hoffnungslos beschrieb diese Woche die amerikanische Botschafterin bei den UN, Samantha Powers, das Bemühen um Friedensgespräche. Als Bedingung für die Wiederaufnahme der Verhandlungen waren eine Waffenpause und ein Zugang für Hilfslieferungen festgelegt worden - momentan scheint die umgekehrte Reihenfolge realistischer zu sein: Verhandlungen, damit endlich eine Waffenpause und humanitäre Hilfe durchgesetzt werden könnten. Von einem Nachkriegs-Syrien oder dem Wiederaufbau in der fernen Zukunft zu fantasieren, ist fast zynisch angesichts des Sterbens in der nahen Gegenwart.


Von Carolin Emcke

13. August 2016 Süddeutsche Nr. 187/2016

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