www.zuschauKunst.de

myArt160227



180708,...180303,...180131,...170312,...161106,...160923,...161106,...160923,...160618,...160515,...160507,...160422,...160227,...151220,...150926,...150815,...
150623,...150515,...150406,...150103,...141212,...141028

Massive Volume Reduction



Nicht hier, nicht da

Der Wind
jagt an meinem kleinen Fenster.
Er spricht zu mir.
Er sagt:
"Ich bin hier,
Ich bin da."

Wind
nimm mich mit.

© wRoo 2016


Jean-Luc Godard: Wörter können über Wörter sprechen. Schief wird es erst, wenn Wörter über Bilder sprechen.

Geschmack

Wer lehrt die Wahrheit,
wer sagt, was gut und was schlecht ist,
wer kennt den Weg?
Die Verrückte Wolke kennt den Geschmack
ihrer eigenen Scheiße.
Lange Liebesbriefe,
kurze Gedichte voller Leidenschaft.
(Ikkyu Sôjun)

Bruckner - Symphony N° 6 (Celibidache)

 

Neue Geschichten.

Meine besten Sachen haben nicht eine, sondern mehrere Geschichten, die sich auf bestimmte Weise verknüpfen. Ich mag es, wenn nicht allein das Hauptthema den Roman durchstrahlt, sondern wenn sich noch kleine Nebenthemen entwickeln. Manchmal ist es Abschweifung, die in einer Ecke der Erzählung in ein Drama umschlägt, oder die Wendungen eines längeren Textes verbinden sich zu einer neuen Geschichte.
(Vladimr Nabokov: Eigensingige Ansichten. S. 163.)

Fernando Pessoa: Wir leben alle fern und namenlos; verkleidet leben wir als Unbekannte.

Herzzeit 2.0

 Paul Celan: So schwieg auch der Stein, und es war still im Gebirg, wo sie gingen, der und jener.

dem Nichts stehts entgegen



Jeder Text ist immer hier und jetzt geschrieben.

Die Abwesenheit des Autors (man könnte hier mit Brecht von einer wirklichen ‚Distanzierung’ sprechen: der Autor wird zu einer Nebenfigur der literarischen Bühne reduziert) ist nicht nur ein historisches Faktum oder ein Schreibakt, sondern verwandelt den modernen Text von Grund auf. Mit anderen Worten: Der Text wird von nun an so gemacht und gelesen, dass der Autor in jeder Hinsicht verschwindet. Zunächst einmal verändert sich die Zeit. Der Autor – wenn man denn an ihn glaubt – wird immer als die Vergangenheit seines eigenen Buches verstanden. Buch und Autor stellen sich in ein und dieselbe Reihe, unterschieden durch ein Vorher und Nachher. Der Autor ernährt vermeintlich das Buch, das heißt, er existiert vorher, denkt, leidet, lebt für sein Buch. Er geht seinem Werk zeitlich voraus wie ein Vater seinem Kind. Hingegen wird der moderne Schreiber im selben Moment wie sein Text geboren. Er hat überhaupt keine Existenz, die seinem Schreiben vorausginge oder es überstiege; er ist in keiner Hinsicht das Subjekt, dessen Prädikat sein Buch wäre. Es gibt nur die Zeit der Äußerung, und jeder Text ist immer hier und jetzt geschrieben.
(Roland Barthes: Der Tod des Autors.)

Wo immer ihr seid, da ist Erleuchtung.
(Shunryu Suzuki)

Gefeiert sei die Welt ohne uns

Endloser, geradezu unheimlicher Jubel für Edgar Selge: Der große Schauspieler bringt in Hamburg Michel Houellebecqs

Roman "Unterwerfung" auf die Bühne – als Soloshow
VON Peter Kümmel 25. Februar 2016 - 03:52 Uhr

Einen so frenetischen, einverstandenen Schlussapplaus hat man im Hamburger Schauspielhaus lange nicht gehört. Stehende Ovationen im Saal, ein vor Rührung fassungsloser Artist auf der Bühne. Der Beifall nahm kein Ende, und dem Rezensenten schien es, als würde hier ein Bündnis geschlossen: als wollte sich das Publikum mit dem Künstler gegen die von ihm dargestellten Verhältnisse verschwören. Zweieinhalb Stunden lang hatte der großartige Edgar Selge uns auf der Bühne die finstere Zukunft vorgespielt, ein Europa, welches seine Werte aufgibt und sich dem Islam unterwirft, aber nun, mittels der gebündelten Kräfte der applaudierenden Masse, sollte die Zeit zurückgedreht und der Schauspieler aus dieser Zukunft herausgemeißelt, geborgen, gerettet werden – er ist doch schließlich einer von uns!

Selge spielt François, den Protagonisten und Ich-Erzähler aus Michel Houellebecqs negativ-utopischem Roman Unterwerfung, der hier dramatisiert wird. Im Roman wird geschildert, wie Frankreich, von politischen Strömungen zerrissen, im Jahr 2022 sich dem Islam ergibt. François, der die Umwälzungen tumb staunend beobachtet, ist ein von seinem Geschlechtsteil blind durch die Welt gezogenes, lebensmüdes Wesen, welchem von aller Fleischeslust nur noch das Jucken seiner Ekzeme und Hämorrhoiden geblieben ist. Der Abschied von der europäischen Kultur fällt ihm nicht schwer, weil er keinen Zugang zu ihr hat, er verachtet seine Zeitgenossen, für die Frauen kommt er sowieso nicht mehr infrage, und so stört ihn auch der Gedanke nicht sehr, sie in Kürze unter Burkas verschwinden zu sehen. Bis dahin verbringt er seine Abende bei YouPorn und lebt von Zerstreuungen – Alkohol, Nahrungsaufnahme, Masturbation mit weiblicher Beteiligung – , die ihn davon abhalten, sich das Leben zu nehmen. Am Ende stellt er fest, dass die Islamisierung seines kulturell komplett erschöpften Landes ihm sogar nützen wird. Er wird selbst zum Muslim. So dürfte es ihm endlich möglich sein, eine Frau zu finden. Oder zwei. Oder drei. Eine Provokation? Nun, Michel Houellebecq beschreibt sich im Programmheft dieser Produktion geradezu als das Gegenteil eines Provokateurs. Während der Provokateur sich instinktiv gegen die Stimmungslage wende, die er im Raum erwittere, suche er, Houellebecq, das Einverständnis seines Publikums. Während der Provokateur gehasst, verachtet, verfolgt werden wolle, um sich frei, stark, lebendig zu fühlen, nennt sich Houellebecq einen Mann, der Liebe brauche. Da seine eigene Scheußlichkeit ihm aber das Geliebtwerden unmöglich mache, so Houellebecq sinngemäß, müsse er sich Liebe erbetteln, indem er den Umworbenen seine ganze Erbärmlichkeit zu Füßen lege – "so wie ein Terrier seinem Herrchen einen Hasen oder einen Pantoffel vor die Füße legt". So einen Pantoffel wirft er auch in der Unterwerfung. Er wirft uns seinen Protagonisten François vor die Füße, den Mann, der sich an seinen Ekzemen freut, weil sie ihm die Langeweile vertreiben.

Der grandiose Edgar Selge nun ist glücklich mit seiner Aufgabe, François, dieses Pantoffelwesen, zum Leben zu erwecken. Er wirft ihn uns nicht zu Füßen. Er schleudert ihn uns triumphal entgegen. Selge feiert jede Scheußlichkeit als Pointe. Er prostet uns gleichsam mit Eiter zu. Er hebt sein Glas auf die Erbärmlichkeit. Ein dunkler Übermut liegt diesem Abend zugrunde. François ist in Hamburg, in Karin Beiers Inszenierung, ein weltzugewandter, grimmig frohlockender Faun. Aus Houellebecqs verhangenem, eigentlich trostlosem Text wölbt sich ein Animateur, ein Charakter-Comedian von höchstem Rang heraus. Olaf Altmann hat ihm eine Bühne gebaut, auf der er in großem Format allein sein kann: ein riesiges Schlüsselloch, welches in Form eines Kreuzes in die Bühnenrückwand gestanzt worden ist. Dieses Kreuz, drehbar und in stetiger Bewegung, ist das Gehäuse, in dem François Unterschlupf findet – die zugige Hohlform des christlichen Abendlandes. In den letzten Jahren ist Kafkas Erzählung Bericht für eine Akademie als Soloabend für begabte Schauspieler an deutschen Bühnen populär geworden. Es geht darin um die Verwandlung eines Affen in einen Menschen, genauer: um einen Affen, der es gelernt hat, so perfekt den Menschen zu spielen, dass die Menschen ihn für ihresgleichen halten. Die Bühnenfassung der Unterwerfung könnte ein ähnlicher Erfolg für einen Soloschauspieler werden. Zu sehen ist die Verwandlung eines Nihilisten in einen gläubigen Muslim, genauer: Man sieht einen Nihilisten, der es schafft, durch Schauspielkunst wie ein gläubiger Muslim zu erscheinen.

Selges François ist also der Bote aus einer Zukunft, in der es für "uns", die weißen Europäer, "eng" wird. Nur Verwandlung wird uns retten.

Der Ausdruck "nach mir die Sintflut", so verrät François an einer Stelle, beschreibe sehr gut seine Verfassung. Man könnte sagen, der Schlussapplaus am Hamburger Schauspielhaus war das Geräusch, das diese Verfassung erzeugt, wenn sie für einen rauschhaften Moment massenweise auftritt. Das Publikum im Saal, wie jedes bürgerliche Theaterpublikum, ist im Schnitt deutlich über fünfzig, man wird sich mit der Zukunft, wie sie auch ausfallen wird, nicht mehr gar zu lange plagen müssen. Es ist also auch der wilde Übermut, mit alldem längerfristig nichts mehr zu tun haben zu müssen, der sich hier für ein paar glückliche Minuten austobt: Wir feiern eine Zukunft ohne uns. Wir bejubeln eine Welt, der wir nicht mehr angehören werden. Selge sei gepriesen!

Vor einigen Jahren gab es im Hamburger Schauspielhaus einmal einen ähnlich wilden Schlussapplaus, nach Volker Löschs Chorstück Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?. Damals schien es, als verbündeten sich die Zuschauer im Saal mit den Akteuren auf der Bühne – "echten" Hartz-IV-Empfängern – gegen das Unrecht in der Stadt, nämlich gegen die real herrschende ökonomische Ungleichheit in der Bevölkerung. Nun, bei Unterwerfung, verbünden sich die Zuschauer mit dem einsamen Mann auf der Bühne gegen eine drohende, bereits hereinbrechende Zukunft. Der Jubel war laut, er hat offenbar allen Entlastung gebracht. Nun wäre es gut, an derselben Stelle auch andere Gegenkräfte zu wecken als jene, die sich an einer nicht ganz unpopulistischen Dystopie entzünden. Michel Houellebecq hat unser Einverständnis ersehnt und gewonnen. Er hat uns, wie ein liebessüchtiger Terrier, einen unheimlich duftenden Pantoffel auf die Bühne geschleift, und wir können jetzt gar nicht mehr aufhören, ihn dafür zu loben.

COPYRIGHT: ZEIT ONLINE ADRESSE: http://www.zeit.de/2016/07/unterwerfung-schauspielhaus-hamburg

home wRoo Kontakt & Impressum